Angst auch in Russland

Harte Wehrpflicht-Regel: Ukrainer fluchen über „Idiotie“ – Selenskyj reagiert offenbar schnell

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Ukraine-Krieg: Wehrpflichtige Männer in der Ukraine dürfen ihren Wohnort nicht mehr verlassen. Die Entrüstung bei den Betroffenen ist groß.

Update vom 6. Juli, 15.36 Uhr: Die Reisebeschränkungen für Wehrpflichtige in der Ukraine sind offenbar vom Tisch. Das teilte Armeeoberbefehlshaber Walerij Saluschnyj nach Informationen des Kyiv Independent mit. 

Im Griff der Wehrpflicht: Ukrainer fluchen über „Idiotie“

Erstmeldung vom 6. Juli: Kiew – Im Ukraine-Krieg herrscht Kriegsmüdigkeit - offenbar auf beiden Seiten. Den russischen Soldaten bescheinigen Experten schon länger eine niedrige Kampfmoral. Mögliche Gründe sind schwere Verluste, schlechte Logistik und ein Hungerlohn, wie die Investigativ-Plattform Proekt aufdeckte. Doch auch die Ukraine verzeichnet laut britischem Geheimdienst Deserteure.

Beide Kriegsparteien könnten nun mit dem Rückgriff auf Wehrpflichtige reagieren. Doch unter denen ist Angst verbreitetet. Die Ukraine hat nun die Regeln verschärft. Und auch an Russlands EU-Außengrenze wächst die Sorge: Ein erster baltischer Staat will die Wehrpflicht wiedereinführen.

Ukraine: Ärger über neue Wehrpflichten-Regeln – „Idiotie“

In der Ukraine sorgten die jüngsten Pläne für einige Aufregung: Männer im wehrpflichtigen Alter (18 bis 60 Jahre) dürfen dort nun ihren Wohnort nicht mehr verlassen. Sie benötigen eine Erlaubnis des zugehörigen Kreiswehrersatzamts. Der Armee-Generalstab bat auf Facebook um Verständnis dafür, dass das ukrainische Verteidigungsministerium dies nun - nach mehr als 130 Kriegstagen - angeordnet hat.

In den Facebook-Kommentaren folgten innerhalb kurzer Zeit Hunderte entrüstete Wortmeldungen. Dem Ministerium wurde „Idiotie“ vorgeworfen. Die Anordnung werde die Korruption bei den Kreiswehrersatzämtern fördern, hieß es etwa. Befürchtet wurde noch mehr wirtschaftliches Chaos, weil Fahrer für Züge, Busse und Lastwagen ausfallen könnten.

Grundlage für die Verordnung ist das Wehrpflichtgesetz von 1992. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte im Mai von rund 700.000 Ukrainern gesprochen, die das Land im Ukraine-Konflikt seit dem 24. Februar verteidigen.

Ukraine-News: Viele wehrpflichtige Männer nicht mehr an ukrainischem Wohnort

Ein weiteres Problem: Viele Ukrainer leben gar nicht an ihrem Meldeort. Zehntausende Wehrpflichtige flohen wegen der Kampfhandlungen in der Ukraine in sicherere Gebiete im Westen des Landes. Das Verlassen der Landes wurde ihnen bereits mit Verhängung des Kriegsrechts vor rund viereinhalb Monaten untersagt.

Der Grenzschutz greift dennoch regelmäßig Männer bei dem Versuch auf, illegal die Grenze in Richtung Republik Moldau oder benachbarter EU-Staaten zu überqueren.

Ukraine-News: Auch Männer in Russland verweigern Kriegsdienst

Die Wehrpflicht stößt augenscheinlich auch auf der Gegenseite, bei russischen Soldaten, auf Widerstand. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtete von einem 21-Jährigen aus Stawropol, der aus Sorge vor der Einberufung seine Flucht aus Russland plant und aus Angst anonym bleiben wollte. Ebenso die Mitarbeiterin einer russischen Organisation, die sich für die Rechte von Rekruten und deren Angehörigen einsetzt. Sie berichtete der Zeitung, dass

  • ... ein Rekrut schon nach drei Monaten Ausbildung zum Vertragssoldaten werden kann - per Gesetz.
  • ... Wehrpflichtige zuweilen mit Versprechungen (guter Lohn, ein Studienplatz oder eine Wohnung) zum Vertragsabschluss gelockt würden
  • ... wiederholt ihre Dokumente einfach gefälscht würden

Egal was die Regierung von Kremlchef Wladimir Putin behaupte, jeder Wehrpflichtige könne in die Ukraine geschickt werde, sagte die Frau der SZ. Zwei Mal im Jahr - im Frühjahr und Herbst - zieht die russische Armee Wehrpflichtige ein. Waren es Ende 2022 noch 127.550, sollen es in der aktuellen Einberufungswelle 134.500 werden, schreibt die Zeitung. Einem zuletzt im Internet kursierenden Clip aus Sibirien nach zu urteilen wächst mittlerweile Unmut unter den weiblichen Angehörigen von Soldaten: Ihre Männer und Brüder seien „getäuscht“ und „bedroht“ worden, sagten Frauen darin.

Ein russischer Soldat im Mai im Ukraine-Krieg-Einsatz

Ukraine-News: Lettland führt Wehrpflicht wieder ein

Als Reaktion auf den Ukraine-Krieg führt indes Lettland wieder die Wehrpflicht für Männer ein. Das Zwei-Millionen-Einwohner-Land grenzt an Russland und Belarus und hat aktuell nur 7500 Berufssoldaten und Nationalgardisten. Außerdem sind 1500 Nato-Soldaten dort stationiert. Lettland hatte die Wehrpflicht in den Jahren nach seinem Nato-Beitritt abgeschafft. Die Wehrpflicht soll laut dem lettischen Verteidigungsminister Artis Pabriks nun ab 2023 wieder gelten. (frs mit dpa)

Rubriklistenbild: © Alexander Reka/Imago

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