Long Neptune trifft Raffinerie

Ukraine-Rakete trifft ins Öl: Putins Kriegskasse blutet aus

  • schließen

Long Neptune-Rakete landet erneuten Treffer und verursacht Schaden: Ein weiterer Teilerfolg, der Putins Selbstbewusstsein schwächt. Die Ukraine hält stand.

Kiew – „Schaden groß, Nutzen begrenzt“, urteilen Oliver Imhof und Marvin Milatz kurz und bündig – und kolossal falsch. Die Verteidiger zahlen Wladimir Putin im Ukraine-Krieg jetzt mit gleicher Münze heim und versuchen Russland von seiner Energieversorgung abzuschneiden, berichten die Spiegel-Autoren. Wolodymyr Selenskyjs Langstrecken-Raketen scheinen jetzt ausgewachsen zu sein und ihre Aufgaben zu erfüllen. Der Krieg geht weiter, aber Experten beobachten ein langsames Ausbluten von Putins Rohstoff-Reserven.

Neue „Superwaffe“? Die ukrainische Langstreckenrakete R-360 Neptun. Sie soll jetzt 1.000 Kilometer weit fliegen können und damit den deutschen Taurus-Marschflugkörper um Längen schlagen. Jetzt soll sie eine Ölraffinerie getroffen haben, aber die Meldungen von Erfolgen dieser Waffe sind insgesamt rar.

„Dies ist unsere absolut gerechtfertigte Antwort auf den anhaltenden russischen Terror. Ukrainische Raketen liefern jeden Monat konkrete und präzise Ergebnisse“, zitiert die Kiyv Post den ukrainischen Präsidenten Selenskyj parallel zur Veröffentlichung eines Videos auf Telegram – das soll den Abschuss einer Long Neptune auf Russland zeigen; offenbar als Ausweis der verbesserten Genauigkeit und Reichweite der unter Eigenregie konstruierten und gebauten Waffe. Experten nehmen an, dass der im kommenden Februar ins fünfte Jahr ziehende Krieg damit wieder an grausamer Dynamik gewinnt – wenn die Ukraine effektiv zurückzuschlagen in der Lage sein wird, und Russland alles daransetzen muss, die selbst angezettelte militärische Auseinandersetzung unter Kontrolle zu behalten.

Putins Dilemma: „Wenn die Ukraine diesen Krieg nicht verliert, hat sie ihn gewonnen“

„Wenn die Ukraine diesen Krieg nicht verliert, hat sie ihn gewonnen“, hatte der in Potsdam lehrende Militärhistoriker Sönke Neitzel 2022 gegenüber der Süddeutschen Zeitung geäußert. Und sollte die Long Neptune wie erwartet einschlagen, wird die Ukraine das bisherige Patt auch noch weiter halten können – das glaubt jedenfalls auch Jack Watling: „Die tragische Ironie der letzten neun Kriegsmonate liegt darin, dass Russland die Kampfhandlungen verschärft hat, während die internationale Debatte von den Aussichten auf Verhandlungen und Waffenstillstände dominiert wurde“, schreibt der Analyst des britischen Thinktanks „Royal United Services Institute“ (RUSI) aktuell im Magazin Foreign Affairs. Die Long Neptune der Ukraine beantwortet Russlands Eskalation nun wiederum ihrerseits mit Eskalation.

In einer „Situation, in der die wirtschaftlichen und politischen Risiken eines langwierigen Konflikts die erwarteten Vorteile überwiegen –, werden die internationalen Partner der Ukraine Putin davon überzeugen können, dass er einem Waffenstillstand zustimmen muss. Eine solche Strategie kann Erfolg haben, aber nur, wenn die Ukraine bis 2026 durchhält.“

Jack Watling, Foreign Affairs

Laut der Ukrainska Pravda war der russische Marinestützpunkt im Hafen von Noworossijsk in der Region Krasnodar angegriffen worden – vorrangig mit Neptune-Raketen; offenbar auch erfolgreich. Was der ukrainische Generalstab allerdings unter Erfolg versteht, bleibt unbekannt. Das Terminal in Scheschkaris im Hafen von Noworossijsk sei einer der größten Umschlagkomplexe für Öl und Erdölprodukte im Süden der Russischen Föderation, so die Ukrainska Prawda. Laut Informationen der Ukraine hätten die Einschläge der Raketen und anderer Drohnen Detonationen und darauf folgende Brände ausgelöst. Tatsächlich leidet die russische Bevölkerung in manchen Regionen unter Mangel an Treibstoff aufgrund knapper werdender Reserven an Öl. Allerdings hat das bisher zu keinem für die Verteidiger spürbaren Nachlassen der militärischen Aggression geführt.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS). Die GUS besteht aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die bis heute zum Großteil eng verbunden mit Russland geblieben sind. Doch Moskau-Machthaber Putin hat nicht nur in den Sowjet-Gebieten Freunde. Putin findet auch nach mehreren Jahren Angriffskrieg in der Ukraine noch immer fast weltweit Verbündete. Eine Übersicht: © Imago
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs steht ein Mann eng an der Seite Wladimir Putins: Alexander Lukaschenko. Das von ihm autoritär beherrschte Belarus teilt sich eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit der Ukraine. Lukaschenko unterstützte Putins Truppen logistisch bei ihrer Invasion des Nachbarlandes. © Imago
Kim Jong-un und Wladimir Putin
Ein weiterer enger Verbündeter Wladimir Putins ist Kim Jong-un. Der Machthaber regiert ein totalitäres Nordkorea, das als sozialistische Diktatur historisch enge Beziehungen zu Russland pflegt. © Gavriil Grigorov/Imago
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Im Lauf des Ukraine-Kriegs wurde aus der symbolischen Verbindung ein militärisches Bündnis. Kim Jong-un unterstützte Putins Feldzug mit Waffen, Munition und Soldaten. Laut Schätzungen könnten es mehr als 30.000 Mann aus Nordkorea sein, die an der Front im Ukraine-Krieg kämpfen. Auf dem Bild zu sehen ist ein russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist.  © Imago
Xi Jinping zu Gast bei Wladimir Putin
Die Volksrepublik China pflegt sowohl mit Nordkorea als auch mit Russland enge Beziehungen. Das bewies Präsident Xi Jinping zuletzt durch seinen Besuch Moskaus am „Tag des Sieges“. An der Seite Putins begutachte Xi als Gast auf der Ehrentribüne die große Militärparade, die durch Russlands Hauptstadt rollte. Doch China unterstützt Russland nicht nur symbolisch durch Besuche, sondern auch ganz praktisch mit Seltenen Erden und Devisen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist China der größte Importeur für russische Rohstoffe geworden. © Imago
Präsident Wladimir Putin mit To Lam
Der Dritte im Bunde der ostasiatischen Verbündeten Russlands ist Vietnam. Hier posiert Präsident Wladimir Putin mit Tô Lâm, Präsident Vietnams von Mai 2024 bis Oktober 2024, bei einem Besuch des russischen Staatschefs in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. © Kristina Kormilitsyna/Imago
Wladimir Putin und Narendra Modi
In Südasien, konkret auf dem indischen Subkontinent, findet sich mit Narendra Modi der nächste enge Verbündete Russlands. Indiens Premierminister pflegt ein enges Verhältnis zu Putin. Hier umarmen sich beide bei einem Treffen in Neu-Delhi im Jahr 2018. Indien ist durch mehrere internationale Organisationen und Bündnisse mit Russland verbandelt. Die wohl wichtigsten darunter sind die Zusammenkunft der sogenannten BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
König Ibrahim Ismail von Johor aus Malaysia beim Besuch Putins in Russland
Auch Malaysia ist wie Russland Mitglied des BRICS-Staatenbundes. In Begleitung seiner Frau Raja Zarith Sofia reiste König Ibrahim Ismail von Johor nach Russland, um Putin im Kreml zu besuchen. © Imago
Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Präsident Wladimir Putin eine gute Beziehung
Zur Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) zählt neben Russland unter anderem die Ex-Sowjet-Republik Kasachstan. Das Land teilt sich mit 7644 Kilometern die längste Landgrenze der Welt mit Russland. Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Putin eine gute Beziehung. Kasachstan bezieht 90 Prozent seiner Waffenimporte aus Russland, das wiederum den in Kasachstan gelegenen Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur mietet. Beide Länder sind außerdem Mitglied in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
Putin und Traoré
Zu Putins engen Verbündeten gehört auch Burkina Fasos Regierungschef Inbrahim Traoré. Am 9. Mai 2025 besuchte er Putin in Moskau (im Bild). „Wir glauben, dass der Terrorismus, den wir heute erleben, vom Imperialismus herrührt, und wir bekämpfen ihn“, sagte er bei einem bilateralen Treffen. In Erinnerung geblieben ist auch eine virale Rede beim Afrika-Gipfel im Jahr 2023 in Russland. Im Beisein Putins machte er damals den Westen dafür verantwortlich, dass Afrika trotz seiner Rohstoffe der ärmste Kontinent sei.  © IMAGO/Mikhail Metzel/Kremlin Pool
Ägypten Militärband Moskau
Mehr als 80 Jahre Diplomatie verbinden Ägypten und Russland. Das Land am Nil ist wirtschaftlich von Moskau abhängig. Auch Putin profitiert von den Verbindungen nach Kairo. Der russische Präsident betrachtet Ägypten als Tor nach Afrika. Im August 2022 war eine ägyptische Militärband in Moskau zu Gast (im Bild). Auch bei der Militärparade zum 80. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 marschierte eine Einheit aus Ägypten über den Roten Platz.  © Sergei Bobylev/Imago
Laos-einheit in Moskau
Am „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 paradierte auch eine Einheit aus Laos durch Moskau. Angeblich arbeitet Putin derzeit intensiv daran, das Land in den Krieg gegen die Ukraine einzubinden. Im Sommer 2025 begrüßte er den laotischen Präsidenten Thongloun Sisoulith in Moskau. © Ricardo Stuckert/Imago
Turkmenistan Moskau Parade
Turkmenistan schickte ebenfalls eine Einheit nach Moskau. Die zentralasiatische Republik Turkmenistan am Kaspischen Meer gehört auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu den am meisten abgeschotteten Staaten der Welt.  © Ricardo Stuckert/Imago
Aleksandar Vucic Putin Netanjahu
Auch der serbische Staatschef Aleksandar Vučić nahm 2025 – wie auch schon 2018 (im Bild) – in Moskau an der Parade vor rund 10.000 Soldaten teil. Die Beziehungen zwischen Serbien und Russland gelten als traditionell freundschaftlich. Belgrad verweigert sich den Sanktionen gegen Russland und hat den Westen für den Ukraine-Krieg verantwortlich gemacht. Zuletzt gab es trotzdem zwischen Moskau und Belgrad Verstimmungen, als der russische Auslandsgeheimdienst Serbien den Verkauf von Munition an die Ukraine vorwarf. © Mikhail Metzel/Imago
Milorad Dodik
Putins wichtigster Mann am Balkan heißt Milorad Dodik (2. von rechts). Der bosnisch-serbische Separatistenführer betreibt seit Jahren die Abspaltung des Landesteils Republika Srpska vom bosnischen Staat. Dodik stimmt sich dabei regelmäßig mit dem russischen Präsidenten ab. © Alexei Nikolsky/Imago
Salva Kiir Putin
Im September 2023 traf sich Putin mit Salva Kiir Mayardit, dem Präsidenten von Südsudan. „Die Welt diktiert, dass niemand allein überleben oder Erfolg haben kann“, sagte Salva Kiir. Zu Putin gewandt meinte er, dass sein Land starke Freunde brauche: „Sie sind einer von ihnen.“ © Valery Sharifulin/Imago
Orban Putin
Ungarns Regierungschef Viktor Orbán ist Putin im Ukraine-Krieg stets treu geblieben. So hat er während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2024 den bis dahin weitgehend isolierten Kremlchef zum Ärger vieler EU-Länder überraschend in Moskau besucht und sich als Vermittler inszeniert (im Bild). Zugleich nutzt Orbán jede Gelegenheit, um gegen die Ukraine auszuteilen.  © Valeriy Sharifulin/Imago
Putin und Ramaphosa
Ende Juli 2023 war Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bei Putin zu Gast. Der Kremlchef hatte seine Gäste zum Abschluss eines zweitägigen Afrika-Gipfels in St. Petersburg eingeladen, den er in der russischen Ostsee-Metropole veranstaltete. Südafrika, das mit Russland, China, Indien und Brasilien die Brics-Staatengruppe bildet, wird wegen seiner Russland-Nähe vom Westen mit Skepsis betrachtet.  © Sergei Bobylev/Imago
Peseschkian Putin
Im Januar 2025 war Massud Peseschkian in Moskau zu Besuch. Dabei unterzeichnete Irans Präsident gemeinsam mit Putin ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft. Russland und der Iran vertieften damit ihre militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für die nächsten 20 Jahre.  © Imago
Putin Ortega
Seit vielen Jahren steht Nicaragua an der Seite Putins. Nach dem Aufstand der russischen Privatarmee Wagner gegen die eigene Staatsführung im Juni 2023 schickte auch Präsident Daniel Ortega (hier ein Bild aus dem Jahr 2014) eine Botschaft nach Moskau. In der offiziellen Mitteilung hieß es, Ortega und seine Ehefrau sowie Vizepräsidentin Rosario Murillo übermittelten Putin „unsere Zuneigung in revolutionärer Bruderschaft“. © Cesar Perez/afp
Maduro
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro tat es ihm gleich. „Wir senden unsere Umarmung der Solidarität und der Unterstützung an den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dem es gelungen ist, einen Versuch des Verrats und des Bürgerkriegs zu bewältigen und seinem Volk den Sieg und den Frieden zu garantieren“, twitterte er damals. © Alexandr Kryazhev/Imago
Putin Goita
Im Juni 2025 verständigten sich Putin und Malis Militärmachthaber Assimi Goïta auf eine bilaterale Kooperation. Russland ist enger Verbündeter von Goïta, der gegen Terrormilizen in Mali auch auf russische Wagner-Söldner setzte. Das Militär hatte sich 2020 und 2021 an die Macht geputscht, die Zusammenarbeit mit Ex-Kolonialmacht Frankreich beendet und sich Moskau zugewandt. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Sassou Nguesso Afewerki
Ende Juli 2023 war Putin gemeinsam mit Denis Sassou Nguesso, dem Präsidenten der Republik Kongo (rechts), und dem eritreischen Präsidenten Isaias Afewerki (links) beim Tag der Marine auf der Newa in St. Petersburg unterwegs. Mit ihrem Besuch beim Russland-Afrika-Gipfel konnten die beiden Staatsmänner die Achse zwischen Russland und ihren Ländern noch einmal stärken. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Raúl Castro
Ein besonders inniges Verhältnis pflegt Russland zu Kuba. Für die hoch verschuldete Karibikinsel ist Russland einer der engsten Verbündeten und wichtigsten Geldgeber. Der Kreml bezeichnete den sozialistischen Karibikstaat, der den Ukraine-Krieg nicht verurteilt hat, als „sehr wichtigen Partner“. Im Jahr 2014 war Putin beim vormaligen Präsidenten Raúl Castro zu Gast. © Imago
Putin
Der Kremlchef ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 im Westen weitestgehend isoliert. Umso wichtiger ist ihm der Kontakt zu seinen Verbündeten – den sucht er in vielen Fällen auch per Video. Im Mai 2025 nahm er an einer Sitzung der Kommission für militärisch-technische Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten teil.  © Alexander Kazakov/Imago

Im Gegenteil, wie Jack Watling formuliert: Der Rückgang der amerikanischen militärtechnischen Hilfe habe dem Kreml Hoffnung gegeben, die Zeit überbrücken zu können, bis die ukrainischen Munitionsreserven zur Neige gegangen seien. Allerdings benötige Russland ebenfalls neue Rekruten; und neue Rekruten kosten Geld, das über den Verkauf von Öl verdient werden kann. Laut Watling habe Russland neben ukrainischen Drohnen vor allem der Preisverfall für Rohöl in diesem Jahr zugesetzt. „Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Kombination aus Sanktionen und Angriffen im Jahr 2026 zu Liquiditätsproblemen für den Kreml führen wird“, so der Analyst. Noch besteht lediglich die Hoffnung, dass Russland an Energie zügig auf dem Trockenen sitzen wird.

Watling lässt sich hinreißen zum Glauben daran, dass die Neptune die in sie gesetzten Erwartungen im kommenden Jahr erfüllen könnte. Bisher hätten russische Luftabwehrsysteme 95 Prozent der Drohnen und Raketen der Ukraine abfangen können. „Angesichts der geringen Nutzlast ukrainischer Munition richtete nur etwa die Hälfte der Drohnen, die ihr Ziel erreichten, tatsächlich nennenswerten Schaden an“, so der Analyst aktuell in Foreign Affairs. Der erste und bisher größte Treffer der Neptune liegt lange zurück: Mit der selbst entwickelten Anti-Schiffsrakete R-360 Neptune hatte die Ukraine kurz nach Beginn des Krieges im April 2022 den russischen Kreuzer „Moskwa“ versenkt. Seitdem ist die Waffe weiterentwickelt worden und hat an Reichweite zugelegt.

Selenskyj hofft auf die Flamingo: Der neue Marschflugkörper soll „bald verstärkt ins Geschehen eingreifen“

Selenskyj sprach Anfang 2025 deshalb von der „Langen Neptune“, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet hatte. Nach einer Testphase habe die Serienfertigung Militärangaben zufolge im November 2024 begonnen. Die Versenkung des Flaggschiffes der russischen Schwarzmeerflotte am 13. April 2022 begründet daher immer noch den Nimbus der Waffe – und hat der Welt wohl bewiesen, dass die Ukraine zur Selbstverteidigung in der Lage sei, wie Oleksij Resnikow am Ende des ersten Kriegsjahres gegenüber dem britischen Guardian geäußert hatte. „Die Ukraine musste ihren Partnern durch Erfolge auf dem Schlachtfeld ständig beweisen, dass es sich lohnt, in ihr Militär zu investieren“, sagte der ehemalige Vizepräsident der Ukraine.

Immerhin habe die Ukraine Russland dazu provoziert, mehr Abfangraketen zu verbrauchen, zitiert der Spiegel den Analysten Watlling. Ihm zufolge mehr als das Land zu produzieren imstande sei. Oliver Imhof und Marvin Milatz schreiben, dass die vollmundig versprochenen Flamingo-Marschflugkörper „bald verstärkt ins Geschehen eingreifen“ sollen. Laut Präsident Selenskyj litten sie noch an „technischen Problemen“. Seit diese Waffe serienreif ist, scheint die Ukraine aber wieder an so etwas wie einen Sieg zu glauben, wie im August der ehemalige Außenminister der Ukraine geäußert hat: „Der von Russland besetzte Anteil des ukrainischen Staatsgebiets ist von Ende 2023 bis heute lediglich von rund 18 auf etwa 19 Prozent gestiegen“, sagte Dmytro Kuleba in einer Analyse für den deutschen Thinktank „Friedrich-Ebert-Stiftung“ 

Ukraine-Treffer wohl größer – und anders – als gedacht: „Schaden begrenzt, Nutzen groß“

„Entsprechend überzeugt ist Kiew davon, genügend Zeit zu haben, um die eigene Position sowohl diplomatisch als auch militärisch zu stärken.“ Die neuen Marschflugkörper sind offensichtlich ein probates Mittel, um den Glauben an die eigene Handlungsmächtigkeit zu befeuern. Die Behauptung der Spiegel-Autoren mag insofern eine von Außenstehenden getroffene und insofern zu kurz gegriffene Wertung darstellen. Der Nutzen einer Waffe hängt möglicherweise weniger von ihren tatsächlichen Eigenschaften ab als von den in sie projizierten Erwartungen: Laut einer Analyse der Rüstungsschmiede Saab über die Macht des Selbstvertrauens würde ein Soldat, „der positive Erfahrungen mit seiner Waffe gemacht hat, eher bereit sein, Risiken einzugehen, proaktiv zu handeln und den Feind aktiv anzugreifen“, schreibt das Unternehmen auf seiner Website.

Insofern müsste das Nachrichtenmagazin seine These bezüglich der Wirkung der Long Neptune wahrscheinlich genau entgegengesetzt formulieren: „Schaden begrenzt, Nutzen groß“ – der Angriff hat vermutlich vor allem auf das Selbstvertrauen gewirkt. Förderlich auf das der Absender, erschütternd auf das der Adressaten. Die Flamingo, der Palianytsia-Marschflugkörper sowie die Long Neptune sind geeignet, das Kräfteverhältnis zwischen Angreifer und Verteidiger nachhaltig zu verschieben. Zumindest sieht das auch Jack Watling so, wie er in Foreign Affairs zu erklären versucht hat. Die Long Neptune ist erfolgreich genug, um Wladimir Putin zu zwingen, daran zu zweifeln, dass er den Kampf noch unendlich würde fortsetzen zu können.

Die Long Neptune perforiert insofern Putins Selbstbewusstsein – so ist Watling zu interpretieren; die Waffe schieße Russland in eine Wirtschaftskrise – das wäre „eine Situation, in der die wirtschaftlichen und politischen Risiken eines langwierigen Konflikts die erwarteten Vorteile überwiegen –, werden die internationalen Partner der Ukraine Putin davon überzeugen können, dass er einem Waffenstillstand zustimmen muss. Eine solche Strategie kann Erfolg haben, aber nur, wenn die Ukraine bis 2026 durchhält.“ (Quellen: Friedrich-Ebert-Stiftung, Saab, dpa, Spiegel, Kiyv Post, Süddeutsche Zeitung, Foreign Affairs, Ukrainska Pravda) (hz)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Wlad_Mus

Kommentare