Ukraine-Rakete trifft ins Öl: Putins Kriegskasse blutet aus
VonKarsten-Dirk Hinzmann
schließen
Long Neptune-Rakete landet erneuten Treffer und verursacht Schaden: Ein weiterer Teilerfolg, der Putins Selbstbewusstsein schwächt. Die Ukraine hält stand.
Kiew – „Schaden groß, Nutzen begrenzt“, urteilen Oliver Imhof und Marvin Milatz kurz und bündig – und kolossal falsch. Die Verteidiger zahlen Wladimir Putin im Ukraine-Krieg jetzt mit gleicher Münze heim und versuchen Russland von seiner Energieversorgung abzuschneiden, berichten die Spiegel-Autoren. Wolodymyr Selenskyjs Langstrecken-Raketen scheinen jetzt ausgewachsen zu sein und ihre Aufgaben zu erfüllen. Der Krieg geht weiter, aber Experten beobachten ein langsames Ausbluten von Putins Rohstoff-Reserven.
Neue „Superwaffe“? Die ukrainische Langstreckenrakete R-360 Neptun. Sie soll jetzt 1.000 Kilometer weit fliegen können und damit den deutschen Taurus-Marschflugkörper um Längen schlagen. Jetzt soll sie eine Ölraffinerie getroffen haben, aber die Meldungen von Erfolgen dieser Waffe sind insgesamt rar.
„Dies ist unsere absolut gerechtfertigte Antwort auf den anhaltenden russischen Terror. Ukrainische Raketen liefern jeden Monat konkrete und präzise Ergebnisse“, zitiert die Kiyv Post den ukrainischen Präsidenten Selenskyj parallel zur Veröffentlichung eines Videos auf Telegram – das soll den Abschuss einer Long Neptune auf Russland zeigen; offenbar als Ausweis der verbesserten Genauigkeit und Reichweite der unter Eigenregie konstruierten und gebauten Waffe. Experten nehmen an, dass der im kommenden Februar ins fünfte Jahr ziehende Krieg damit wieder an grausamer Dynamik gewinnt – wenn die Ukraine effektiv zurückzuschlagen in der Lage sein wird, und Russland alles daransetzen muss, die selbst angezettelte militärische Auseinandersetzung unter Kontrolle zu behalten.
Putins Dilemma: „Wenn die Ukraine diesen Krieg nicht verliert, hat sie ihn gewonnen“
„Wenn die Ukraine diesen Krieg nicht verliert, hat sie ihn gewonnen“, hatte der in Potsdam lehrende Militärhistoriker Sönke Neitzel 2022 gegenüber der Süddeutschen Zeitung geäußert. Und sollte die Long Neptune wie erwartet einschlagen, wird die Ukraine das bisherige Patt auch noch weiter halten können – das glaubt jedenfalls auch Jack Watling: „Die tragische Ironie der letzten neun Kriegsmonate liegt darin, dass Russland die Kampfhandlungen verschärft hat, während die internationale Debatte von den Aussichten auf Verhandlungen und Waffenstillstände dominiert wurde“, schreibt der Analyst des britischen Thinktanks „Royal United Services Institute“ (RUSI) aktuell im Magazin Foreign Affairs. Die Long Neptune der Ukraine beantwortet Russlands Eskalation nun wiederum ihrerseits mit Eskalation.
In einer „Situation, in der die wirtschaftlichen und politischen Risiken eines langwierigen Konflikts die erwarteten Vorteile überwiegen –, werden die internationalen Partner der Ukraine Putin davon überzeugen können, dass er einem Waffenstillstand zustimmen muss. Eine solche Strategie kann Erfolg haben, aber nur, wenn die Ukraine bis 2026 durchhält.“
Laut der Ukrainska Pravda war der russische Marinestützpunkt im Hafen von Noworossijsk in der Region Krasnodar angegriffen worden – vorrangig mit Neptune-Raketen; offenbar auch erfolgreich. Was der ukrainische Generalstab allerdings unter Erfolg versteht, bleibt unbekannt. Das Terminal in Scheschkaris im Hafen von Noworossijsk sei einer der größten Umschlagkomplexe für Öl und Erdölprodukte im Süden der Russischen Föderation, so die Ukrainska Prawda. Laut Informationen der Ukraine hätten die Einschläge der Raketen und anderer Drohnen Detonationen und darauf folgende Brände ausgelöst. Tatsächlich leidet die russische Bevölkerung in manchen Regionen unter Mangel an Treibstoff aufgrund knapper werdender Reserven an Öl. Allerdings hat das bisher zu keinem für die Verteidiger spürbaren Nachlassen der militärischen Aggression geführt.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Im Gegenteil, wie Jack Watling formuliert: Der Rückgang der amerikanischen militärtechnischen Hilfe habe dem Kreml Hoffnung gegeben, die Zeit überbrücken zu können, bis die ukrainischen Munitionsreserven zur Neige gegangen seien. Allerdings benötige Russland ebenfalls neue Rekruten; und neue Rekruten kosten Geld, das über den Verkauf von Öl verdient werden kann. Laut Watling habe Russland neben ukrainischen Drohnen vor allem der Preisverfall für Rohöl in diesem Jahr zugesetzt. „Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Kombination aus Sanktionen und Angriffen im Jahr 2026 zu Liquiditätsproblemen für den Kreml führen wird“, so der Analyst. Noch besteht lediglich die Hoffnung, dass Russland an Energie zügig auf dem Trockenen sitzen wird.
Watling lässt sich hinreißen zum Glauben daran, dass die Neptune die in sie gesetzten Erwartungen im kommenden Jahr erfüllen könnte. Bisher hätten russische Luftabwehrsysteme 95 Prozent der Drohnen und Raketen der Ukraine abfangen können. „Angesichts der geringen Nutzlast ukrainischer Munition richtete nur etwa die Hälfte der Drohnen, die ihr Ziel erreichten, tatsächlich nennenswerten Schaden an“, so der Analyst aktuell in Foreign Affairs. Der erste und bisher größte Treffer der Neptune liegt lange zurück: Mit der selbst entwickelten Anti-Schiffsrakete R-360 Neptune hatte die Ukraine kurz nach Beginn des Krieges im April 2022 den russischen Kreuzer „Moskwa“ versenkt. Seitdem ist die Waffe weiterentwickelt worden und hat an Reichweite zugelegt.
Selenskyj hofft auf die Flamingo: Der neue Marschflugkörper soll „bald verstärkt ins Geschehen eingreifen“
Selenskyj sprach Anfang 2025 deshalb von der „Langen Neptune“, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet hatte. Nach einer Testphase habe die Serienfertigung Militärangaben zufolge im November 2024 begonnen. Die Versenkung des Flaggschiffes der russischen Schwarzmeerflotte am 13. April 2022 begründet daher immer noch den Nimbus der Waffe – und hat der Welt wohl bewiesen, dass die Ukraine zur Selbstverteidigung in der Lage sei, wie Oleksij Resnikow am Ende des ersten Kriegsjahres gegenüber dem britischen Guardian geäußert hatte. „Die Ukraine musste ihren Partnern durch Erfolge auf dem Schlachtfeld ständig beweisen, dass es sich lohnt, in ihr Militär zu investieren“, sagte der ehemalige Vizepräsident der Ukraine.
Immerhin habe die Ukraine Russland dazu provoziert, mehr Abfangraketen zu verbrauchen, zitiert der Spiegel den Analysten Watlling. Ihm zufolge mehr als das Land zu produzieren imstande sei. Oliver Imhof und Marvin Milatz schreiben, dass die vollmundig versprochenen Flamingo-Marschflugkörper „bald verstärkt ins Geschehen eingreifen“ sollen. Laut Präsident Selenskyj litten sie noch an „technischen Problemen“. Seit diese Waffe serienreif ist, scheint die Ukraine aber wieder an so etwas wie einen Sieg zu glauben, wie im August der ehemalige Außenminister der Ukraine geäußert hat: „Der von Russland besetzte Anteil des ukrainischen Staatsgebiets ist von Ende 2023 bis heute lediglich von rund 18 auf etwa 19 Prozent gestiegen“, sagte Dmytro Kuleba in einer Analyse für den deutschen Thinktank „Friedrich-Ebert-Stiftung“
Ukraine-Treffer wohl größer – und anders – als gedacht: „Schaden begrenzt, Nutzen groß“
„Entsprechend überzeugt ist Kiew davon, genügend Zeit zu haben, um die eigene Position sowohl diplomatisch als auch militärisch zu stärken.“ Die neuen Marschflugkörper sind offensichtlich ein probates Mittel, um den Glauben an die eigene Handlungsmächtigkeit zu befeuern. Die Behauptung der Spiegel-Autoren mag insofern eine von Außenstehenden getroffene und insofern zu kurz gegriffene Wertung darstellen. Der Nutzen einer Waffe hängt möglicherweise weniger von ihren tatsächlichen Eigenschaften ab als von den in sie projizierten Erwartungen: Laut einer Analyse der Rüstungsschmiede Saab über die Macht des Selbstvertrauens würde ein Soldat, „der positive Erfahrungen mit seiner Waffe gemacht hat, eher bereit sein, Risiken einzugehen, proaktiv zu handeln und den Feind aktiv anzugreifen“, schreibt das Unternehmen auf seiner Website.
Ukrainian “Long Neptunes.” We’re producing more 🇺🇦 ____
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) November 14, 2025
Insofern müsste das Nachrichtenmagazin seine These bezüglich der Wirkung der Long Neptune wahrscheinlich genau entgegengesetzt formulieren: „Schaden begrenzt, Nutzen groß“ – der Angriff hat vermutlich vor allem auf das Selbstvertrauen gewirkt. Förderlich auf das der Absender, erschütternd auf das der Adressaten. Die Flamingo, der Palianytsia-Marschflugkörper sowie die Long Neptune sind geeignet, das Kräfteverhältnis zwischen Angreifer und Verteidiger nachhaltig zu verschieben. Zumindest sieht das auch Jack Watling so, wie er in Foreign Affairs zu erklären versucht hat. Die Long Neptune ist erfolgreich genug, um Wladimir Putin zu zwingen, daran zu zweifeln, dass er den Kampf noch unendlich würde fortsetzen zu können.
Die Long Neptune perforiert insofern Putins Selbstbewusstsein – so ist Watling zu interpretieren; die Waffe schieße Russland in eine Wirtschaftskrise – das wäre „eine Situation, in der die wirtschaftlichen und politischen Risiken eines langwierigen Konflikts die erwarteten Vorteile überwiegen –, werden die internationalen Partner der Ukraine Putin davon überzeugen können, dass er einem Waffenstillstand zustimmen muss. Eine solche Strategie kann Erfolg haben, aber nur, wenn die Ukraine bis 2026 durchhält.“ (Quellen: Friedrich-Ebert-Stiftung, Saab, dpa, Spiegel, Kiyv Post, Süddeutsche Zeitung, Foreign Affairs, Ukrainska Pravda) (hz)