VonBedrettin Bölükbasischließen
Inmitten des Ukraine-Krieges malte ein Militärexperte im Staatsfernsehen ein düsteres Bild für Russland. Nun scheint er seine Meinung wie aus dem Nichts geändert zu haben.
München - Im Ukraine-Konflikt versuchen Truppen des russischen Machthabers Wladimir Putin vor allem im Osten mit aller Kraft vorzurücken – doch vielerorts ist der ukrainische Widerstand erfolgreich. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet. Trotz der schwierigen Situation für Russlands Invasionsarmee sind im russischen Fernsehen allerdings fast ausschließlich positive Darstellungen der Lage zu hören. Kritik ist schließlich nicht gern gesehen - so drohte man Kriegsgegnern etwa mit 15 Jahren Haft.
Ein russischer Ex-Oberst und Militärexperte hat dieses Tabu nun überraschenderweise gebrochen: Mit äußerst düsteren Aussagen und Warnungen. Und das nicht etwa in einem privaten, sondern im staatlichen Sender Rossija-1. Nur zwei Tage später scheint er seine Meinung komplett geändert zu haben - wie aus dem Nichts.
Ukraine-Krieg: Oberst mit 180-Grad-Wende - jetzt sieht er „unangenehme Überraschung“ für die Ukraine
Ex-Oberst und Militärexperte Mikhail Khodarenok hatte am Montag (16. Mai) ernste Worte in der Sendung „60 Minuten“ in Putins Propaganda-TV gewählt und warnte Russland vor weitaus schlimmeren Entwicklungen im Ukraine-Krieg. Am Mittwoch (18. Mai) lobte er hingegen auf einmal die militärische Überlegenheit Russlands und rügte „Übertreibungen“ der Ukraine. Seine 180-Grad-Wende ließ einige Beobachter staunen. Der BBC-Monitoring-Journalist Francis Scarr, auf die Beobachtung russischer Staatsmedien spezialisiert, veröffentlichte auf Twitter ein Video des neuen Auftritts Khodarenoks im Staatsfernsehen.
Der Experte äußerte sich laut Scarr über die M777-Haubitzen, die die USA der Ukraine bereitgestellt haben. In der nahen Zukunft würden russische Artillerie- und Luftangriffe diese Haubitzen als „hochpriorisierte Ziele“ angreifen, betonte Khodarenok. Im Hintergrund lief dabei ein Video des russischen Verteidigungsministeriums, das einen Schlag gegen die Haubitzen zeigt. „Man wird sie suchen, finden und zerstören“, erklärte der Ex-Oberst und fügte hinzu: „Demnächst werden nur noch Erinnerungen dieser Haubitzen übrig bleiben.“
Besonders im Nordosten des eigenen Landes hatte die Ukraine nach eigenen Angaben große Erfolge mit Gegenoffensiven erzielen und rückte sogar bis zur russischen Grenze vor. Khodarenok, der zuvor noch den Kampfwillen der Ukrainer gelobt hatte, vertrat plötzlich auch hierzu eine neue Meinung.
Die Schlangeninsel habe gezeigt, dass die „angeblichen“ Erfolge nicht der Wahrheit entsprechen würden, so der Experte. Dabei fügte die Ukraine den russischen Truppen mit einer Drohne aus der Türkei auch dort erhebliche Schäden zu. Aus der Sicht des russischen Militärexperten verfügt Russland über Hoheit im Schwarzen Meer, weshalb ukrainische Behauptungen über eine Gegenoffensive „große Übertreibungen“ seien. Daneben warnte Khodarenok die Ukraine vor einer „unangenehmen Überraschung“ bei Umsetzung der russischen Ziele.
Today retired colonel Mikhail Khodaryonok made another appearance on Russian state TV, just two days after he gave a damning assessment of Russia's war in Ukraine and its growing international isolation
— Francis Scarr (@francis_scarr) May 18, 2022
It appears that someone's given him a bit of a talking to
(with subtitles) pic.twitter.com/M1u2q8L2Tn
Ukraine-Krieg: Zuvor lobte er noch ukrainischen Kampfgeist - Ex-Oberst womöglich gezielt umgestimmt?
Die neuesten Worte des russischen Ex-Obersts fügten sich bestens in eine Reihe kremltreuer Einschätzungen in russischen Medien ein. Khodarenoks vorherige Beurteilung dürfte dem russischen Führungskreis hingegen gar nicht gefallen haben: Khodarenok hatte Bericht zu abnehmender Moral der ukrainischen Truppen dementiert, auf den Effekt westlicher Waffenlieferungen verwiesen und zum Erkennen der Realität aufgerufen. Er machte auch auf den Kampfgeist der Ukraine sowie auf die internationale Isolation Russlands aufmerksam und kritisierte bei dieser Gelegenheit „politische Experten“ in Russland.
Wurde der Ex-Oberst und Militärexperte nach Unzufriedenheit mit seinen Äußerungen in Kreml-Kreisen etwa gezielt umgestimmt? BBC-Journalist Scarr, der das Video mit Untertiteln veröffentlichte, hält das für möglich. „Sieht so aus, als ob jemand ein bisschen mit ihm gesprochen hat“, schrieb der britische Journalist auf Twitter. (bb)
