Ukraine-Krieg

Tödliche Gefahr durch KI: Ukraine macht sich Technologie zunutze und Drohnen noch gefährlicher

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Der Krieg in der Ukraine hat zu einer rasanten Entwicklung der Drohnentechnologie geführt. Erstmals sollen auch autonome, auf künstlicher Intelligenz basierende Drohnen zum Einsatz gekommen sein.

Kiew – Bisher stürzte eine bewaffnete Drohne in der Regel verloren ab, wenn die Verbindung zum Piloten abbrach. Ist sie außer Reichweite oder wird sie von einem feindlichen Störsender attackiert, kann sie nicht mehr zum Ziel gesteuert werden. Das könnte sich bald ändern: Der Krieg in der Ukraine führt zu einer Revolution der Drohnenkriegsführung durch künstliche Intelligenz (KI).

Neueste Drohnen basieren auf einer Software mit KI, die die von Russland häufig eingesetzten elektronischen Störsender berücksichtigt. Die Software stabilisiert und fixiert die Drohne auf das vorher ausgewählte Ziel. Die KI-Fähigkeiten helfen der Drohne, ihre Mission auch dann zu erfüllen, wenn sich ihr Ziel bewegt, was eine erhebliche Verbesserung gegenüber bestehenden Drohnen darstellt, die bestimmte Koordinaten verfolgen.

Ukraine-Krieg: KI auf dem Vormarsch – Wettlauf um neueste Technologie

Der Krieg in der Ukraine ist auf beiden Seiten stark von Drohnen geprägt – und er verändert die Drohnen. Der Ukraine-Krieg ist zu einem Wettlauf um die besten verfügbaren Technologien in diesem Bereich geworden. Zum anderen ist es ein Wettlauf um die Entwicklung und Herstellung von Drohnen. KI-Technologie spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Sie wird von einer wachsenden Zahl ukrainischer und ausländischer Drohnenunternehmen entwickelt.

Verbesserungen bei Geschwindigkeit, Reichweite, Nutzlastkapazität und anderen Fähigkeiten wirken sich unmittelbar auf die militärische Auseinandersetzung aus und ermöglichen es der Ukraine, russische Fahrzeuge und Infrastruktur zu zerstören und Überwachungsposten auszuschalten. Auch der erfolgreiche Angriff auf die Krim-Brücke wurde mit sprengstoffbeladenen Marinedrohnen durchgeführt. Aber auch Wladimir Putins Armee experimentiert und verfeinert ihr eigenes Drohnenarsenal.

Drohnen prägen den Ukraine-Krieg. Hier kommt eine Drohne zur Minenräumung zum Einsatz

Technologie im Ukraine-Krieg: Im Sommer startete das Programm „Armee der Drohnen“

Mitte des Jahres kündigte die ukrainische Armee an, in diesem Jahr mehr als eine Milliarde US-Dollar für die Verbesserung ihrer Drohnenkampffähigkeiten auszugeben. Bis zu 20.000 Drohnenpiloten sollen bis Ende des Jahres ausgebildet worden sein. Dabei werde auch auf private Anbieter:innen zurückgegriffen. Das ukrainische Verteidigungsministerium hat zudem den Abschluss von Beschaffungsverträgen für Drohnen zwischen Unternehmen und dem Ministerium beschleunigt.

Durch die Bereitstellung erbeuteter russischer Störsender durch das ukrainische Verteidigungsministerium konnten die Drohnenhersteller:innen ihre Produkte weiter anpassen. Außerdem erhalten die Drohnenhersteller:innen ständig Rückmeldungen von der Front, sodass sie sofort Anpassungen vornehmen können, um Schwachstellen zu reduzieren und die Wirkung zu verbessern. Die Verbindung zum Drohnenpiloten ist jedoch nach wie vor elementar.

Erster Einsatz von autonomen Drohnen im Ukraine-Krieg

Nun haben ukrainische Entwickler bestätigt, dass ihre Drohnen inzwischen autonom und ohne menschliche Besatzung Angriffe auf russische Streitkräfte fliegen, wie das Magazin Forbes berichtet. Das Unternehmen Saker wurde ursprünglich gegründet, um erschwingliche künstliche Intelligenz für kleine Unternehmen zu entwickeln, mit Anwendungen wie drohnengestützten Überwachungssystemen für den Pflanzenschutz.

Als Russland in die Ukraine einmarschierte, verlegte sich das Unternehmen auf die Unterstützung des Militärs. Eine der ersten Anforderungen war eine KI, die dem Drohnenführer oder der Drohnenführerin helfen sollte, Fahrzeuge zu erkennen, die durch Vegetation oder Tarnung verborgen waren. Das System von Saker basiert auf maschinellem Lernen und kann nach Angaben der Entwickler derzeit 64 verschiedene Arten von „militärischen Objekten“ erkennen, darunter Panzer, Truppentransporter und anderes Gerät. Die KI-Software von Saker ermöglicht auch die visuelle Navigation anhand bekannter Landmarken am Boden. So kann eine Drohne auch dann ihren Weg finden, wenn das GPS gestört ist.

Präziser Drohneneinsatz im Ukraine-Krieg: Autonome Attacken ohne menschliche Beteiligung

Der radikalste Einsatz der Saker-Drohne ist die Durchführung von Angriffen ohne menschliches Eingreifen, bei denen sie autonom Ziele aufspürt und angreift. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte gegenüber Forbes, dass die Drohne bereits in diesem Modus eingesetzt wurde. Allerdings nur in geringem Umfang und nur dann, wenn Funkstörungen oder Blockaden eine direkte Steuerung durch den Bediener verhindern.

Experten warnen wegen Einsatz unbemannter Drohnen im Ukraine-Krieg: Kontrolle wird an KI abgegeben

Experten:innen warnen davor, dass die Verbreitung unbemannter Drohnen die Militärs in der Ukraine und anderswo dazu verleitet, immer mehr Kontrolle an künstliche Intelligenz abzugeben und sich letztlich auf Systeme zuzubewegen, die auf dem Schlachtfeld ohne menschliches Eingreifen operieren können.

„Der massive Einsatz von Drohnen im Krieg in der Ukraine drängt zu mehr KI-gesteuerten Waffensystemen“, sagte Wim Zwijnenburg, Projektleiter für humanitäre Abrüstung bei PAX, einer niederländischen Organisation, die sich für die Beendigung von Waffengewalt einsetzt, dem US-Magazin Wired. Er warnt vor einer gefährlichen Entwicklung. „Wenn der Geist aus der Flasche ist, kann die Rechtfertigung für defensive Zwecke leicht in einen offensiven Einsatz umschlagen.“

Keine öffentlich vereinbarten Standards für den Einsatz autonomer Waffen

Derzeit gibt es keine öffentlich vereinbarten Normen für den Einsatz von Waffen, die in der Lage sind, ihre eigenen Ziele zu finden und anzugreifen. Zwar hat sich eine von den Vereinten Nationen einberufene Expert:innengruppe 2019 auf eine Reihe von Grundsätzen für tödliche autonome Waffen geeinigt.

Diese sind zwar rechtlich, aber nicht verbindlich. Stattdessen wird für diese Systeme unter anderem argumentiert, dass sie das Leben von Soldaten schonen und Kollateralschäden reduzieren könnten. Wim Zwijnenburg hält das für eine „dumme Behauptung“. Letztlich hänge dies von der Programmierung ab und könne keinesfalls ausgeschlossen werden. (PaPel)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyi / Avalon

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