Ukraine

Chaos auf dem Schlachtfeld

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Ein ukrainischer Soldat geht im April 2025 an beschädigten Gebäuden im Zentrum von Pokrowsk vorbei, dem Schauplatz der schwersten Gefechte mit den russischen Truppen in der Region Donezk.
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Das umkämpfte Pokrowsk im Donbass scheint vor dem Fall zu stehen. Das ukrainische Oberkommando will aber keinen Rückzugsbefehl geben

Die russische Massenzeitung „Argumenty i Fakty“ meldete das „lang erwartete Ereignis“ auch gestern wieder: „Der Kessel ist geschlossen. Die Streitkräfte Russlands haben die letzte Straße in die Ortschaft Rownoje unter Kontrolle gebracht“, heißt es unter Berufung auf den Z-Kanal „Wojennoje Delo“. Aber der Jubel um die Einkreisung des Feindes zwischen Pokrowsk und dem benachbarten Myrnohrad klingt abgestanden. Schon am 26. Oktober hatte der russische Generalstab die Einkesselung zweier ukrainischer Truppenverbände bei Pokrowsk sowie bei Kupjansk weiter im Norden verkündet, drei Tage später bot Wladimir Putin der internationalen Presse freien Zugang zu den im Pokrowsk-Kessel sitzenden Feinden.

Ruslan Lewijew, Chef der unabhängigen Expertengruppe „Conflict Intelligence Team“, berichtigte den russischen Staatschef am Mittwoch auf YouTube: Pokrowsk sei keineswegs eingekesselt. Die ukrainischen Truppen dort könnten sich jederzeit Richtung Nordwesten zurückziehen. „Aber es besteht das Risiko einer Einkreisung für das benachbarte Myrnohrad.“

Die russische Großoffensive auf Pokrowsk und seine Vororte mit einst etwa 100 000 Einwohner:innen begann im April 2024; es galt als Verkehrsknotenpunkt und wichtige Nachschubbasis der Ukrainer. Inzwischen ist die Grubenstadt weitgehend zertrümmert, die ukrainischen Nachschublinien sind umgeleitet, die Stadt hat fast nur noch Propagandawert – so wie vorher das ebenfalls lang umkämpfte Bachmut, 70 Kilometer nordöstlich. Dessen letzte Ruinen hatten die Russen im Mai 2023 eingenommen.

Kämpfe im ganzen Stadtgebiet

Zwar berichtet auch die deutsche „Bild“-Zeitung, Pokrowsk sei schon zu 85 Prozent in russischer Hand. Aber nach Ansicht Lewijews ist die Situation nicht in Prozentzahlen wiederzugeben: Inzwischen sei das gesamte Stadtgebiet „graue Zone“ – Kampfgebiet ohne klare Frontlinien. Sein Kollege Jurij Fjodorow spricht von einer „Zone völligen Chaos“. Die meisten Fachleute sind sich aber einig, dass die Stadt bald unter russische Kontrolle fallen wird.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagt, Russland habe bei Pokrowsk 170 000 Mann konzentriert. Bestätigte Angaben gibt es nicht, aber ihre Anzahl dürfte mehrfach höher sein als die der ukrainischen Verteidiger. Laut dem russischen Telegramkanal „Idi i Smotri“ sind etwa 1500 Ukrainer:innen in Pokrowsk eingekesselt. Tatsächlich ist unklar, wer hier wen in welcher Zahl umstellt hat. Ein Großteil der Russen in der Stadt ist in Kleingruppen von oft nur fünf bis sechs Kämpfern durch die ukrainischen Linien eingesickert, viele von ihnen dürften selbst ums Überleben kämpfen. Auch das Schicksal mehrerer Dutzend ukrainischer Elitesoldaten, die vor einigen Tagen in mindestens zwei Kampfhubschraubern in der Stadt landeten, ist ungeklärt. Russen wie Ukrainer setzen massiv Kampfdrohnen ein, die alles, was sich am Boden bewegt, attackieren und die Lage für die Infanteristen beider Seiten noch verzweifelter gestalten.

Währenddessen halten die Ukrainer östlich der Stadt noch immer einen Frontvorsprung. Taktisch hat er jeden Sinn verloren, die Russen aber versuchen, ihn entlang der Verbindungsstraße Pokrowsk–Myrnohrad abzuschneiden. Sollte das gelingen, droht vor allem den verbliebenen Verteidigern am südöstlichen Stadtrand Pokrowsks und südlich von Myrnohrad die Einkreisung.

Partnerschaft

Die nordeuropäische Militärkoalition Joint Expeditionary Force (JEF) hat ein Partnerschaftsabkommen mit der Ukraine abgeschlossen. Kiew erhalte somit den Status einer „erweiterten Partnerschaft“ mit den zehn JEF-Staaten, erklärte der britische Verteidigungsminister John Healey am Mittwoch am Rande eines Treffens der Koalition im norwegischen Bodö. Anwesend war dort auch Kiews Verteidigungsminister Denys Schmyhal. Die JEF wurden 2014 nach der russischen Annexion der Krim gegründet.

Ukrainische Medien und auch Politiker mit militärischer Ausbildung fordern einen zügigen Rückzug. Der Oberkommandierende Alexander Syrskij aber erklärte am Dienstag, man sei im Raum Pokrowsk weiter bemüht, den Feind zu zwingen, seine Kräfte aufzusplittern. Nach Rückzug klingt das nicht. Syrskij hatte schon bei der Verteidigung von Bachmut und während des Feldzugs in der russischen Region Kursk durch hartnäckige Haltebefehle seine Truppen in Gefahr gebracht, abgeschnitten zu werden. „Die Männer arbeiten an ihren Grenzen, sie begreifen, dass die Einkesselung immer wahrscheinlicher wird“, zitiert das Kiewer Portal „Ukrainska Prawda“ jetzt einen Frontoffizier aus dem Raum Myrnohrad.

Im Kursker Gebiet waren viele Soldaten diesen März gezwungen, sich auf eigene Faust und zu Fuß abzusetzen. Mit solch einem Rückmarsch könnte auch die Schlacht um Pokrowsk enden. Aber die Verluste bei kilometerlangen Fußmärschen unter den Kameras feindlicher Kampfdrohnen drohen hoch zu werden.

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