VonNadja Katzschließen
Ein Kommandeur im Norden der Ukraine berichtet von der Front. Russland nutze eine Taktik mit massivem Beschuss und hinterlässt Überlebende in „Schockzustand“.
Kiew – Ein ukrainischer Drohnenpilot entdeckte am vergangenen Samstag (22. Juli) während eines russischen Angriffs an der Front bei Kreminna einen russischen Panzer, der offenbar weitere Truppen für Russland in das nördliche Kriegsgebiet transportierte. Das geht aus einem Bericht der New York Times (NYT) zur aktuellen Situation im Ukraine-Krieg hervor. Die Zeitung bezieht sich dabei auf Informationen eines ukrainischen Kommandeurs, der für den entsprechenden Frontabschnitt zuständig ist.
Die Ankunft weiterer Soldaten sei möglicherweise der Auftakt für eine erneute Angriffswelle in diesem Gebiet, sagte Oberstleutnant Oleh Matwijtschuk der NYT weiter. Entlang der Frontlinie, die sich durch den südlichen Landesteil zieht, befänden sich die russischen Streitkräfte aufgrund der Offensive der Ukraine überwiegend in der Defensive. Dort würden sie hoffen, dass ihre Minenfelder die russischen Stellungen schützen. Doch im Nordosten, um die Städte Kupiansk, Svatove und Kreminna, führe Russland mit schwerer Artillerie, Drohnen und Wellen von Bodenangriffen Offensivschläge durch.
Russland-Offensive im Ukraine-Krieg: Putins Truppen „schießen ohne Pause“ im Norden
Insgesamt schwankt die Intensität der Kämpfe seit fast einem Jahr und haben bislang nur zu geringfügigen Verschiebungen der Frontlinien geführt. Doch während die Ukraine mit frischen Truppen bei der Gegenoffensive im Süden Erfolge verzeichnet, haben in den vergangenen Tagen die russischen Einheiten kleine Durchbrüche erzielt, so der Bericht der NYT weiter. Kiew schicke nun Einheiten zur Verstärkung in das Gebiet.
Auch ein Sanitäter an der Front bestätigt gegenüber der NYT die aktuelle Zunahme russischer Angriffe an der nördlichen Front im Ukraine-Krieg. Nach Wochen, in denen er fast keine verwundeten Soldaten versorgen musste, sei er nun täglich in den ukrainischen Stellungen im Einsatz. „An manchen Tagen schießen sie ohne Pause“, so Oberstleutnant Matwijtschuk. Die russischen Einheiten würden derzeit zwei- bis dreimal so viele Granaten abfeuern wie seine Mörserteams, sagt er weiter, und nennt zum Vergleich konkrete Zahlen: Seine Truppen feuerten im Durchschnitt etwa 50 Granaten pro Tag.
Ukraine-Krieg: Russland schickt Sträflinge in den Sturm – „nicht ausgebildet, nur Futter“
Die Kämpfe entsprechen seiner Beobachtung nach einem Muster: „Sie suchen nach einer schwachen Stelle und stürmen dann.“ Laut Matwijtschuk beschießen die russischen Streitkräfte zunächst gezielt ukrainische Stellungen mit einer enormen Masse an Raketen und Mörsern. Ziel dabei sei es, die Unterstände komplett zu zerstören und die Überlebenden in einen „Schockzustand“ zu versetzen.
„Dann schicken sie Sturmtrupps mit zehn bis zwölf Personen“, sagte er gegenüber der NYT. Die Ukrainer würden diese Trupps „Z-Einheiten“ nennen, was bedeutet, dass sie aus Strafkolonien kommen. „Sie sind nicht ausgebildet, nur Futter“, erklärt der Leutnant. In der zweiten Linie der russischen Schützengräben befinden sich laut Matwijtschuk Blockadeeinheiten, die aus tschetschenischen Soldaten bestehen. Deren Aufgabe sei es, denjenigen mit Erschießung zu drohen, die sich zurückzögen. Erst dahinter stünden die ausgebildeten russischen Soldaten.
Lenkt Russland von Bachmut ab? Ukrainischer Kommandeur vermutet neue Taktik im Ukraine-Krieg
Etwa 70 Kilometer südlich von Kreminna befinden sich am Rande der zerstörten Stadt Bachmut die ukrainischen Truppen auf dem Vormarsch. Mit ihren Angriffen im Nordosten könnten die Russen möglicherweise bezwecken wollen, die ukrainischen Streitkräfte von einer erneuten Schlacht um diese Stadt abzulenken, die sie im Frühjahr nach zehn Monate andauernden Kämpfen eingenommen hatten.
Oberstleutnant Matwijtschuk wies zudem darauf hin, dass der Kreml sein Ziel, die gesamte östliche Donbass-Region zu erobern, nie aufgegeben hat. Während die russischen Soldaten im Süden fliehen, würde ein Durchbruch durch die ukrainischen Linien im Norden und ein Vorstoß über Kreminna auf die Stadt dem Kreml etwas bieten, dass er Russland verkaufen könnte: Ein Sieg im Ukraine-Krieg. (na)
