Der Krieg in der Ukraine dauert bereits 100 Tage an. Die Vereinten Nationen schätzen die Lage so ein, dass kein Land als Gewinner daraus hervorgehen wird.
New York in den USA - "Dieser Krieg hat und wird keinen Gewinner haben", erklärte der UN-Koordinator für die Ukraine, Amin Awad, am Freitag anlässlich des Einmarschs russischer Truppen in der Ukraine vor 100 Tagen.
"Stattdessen haben wir 100 Tage lang gesehen, was verloren ist: Leben, Häuser, Arbeitsplätze und Perspektiven." Der Krieg habe eine "inakzeptable Opferzahl" und "praktisch alle Aspekte zivilen Lebens verschlungen", erklärte Awad, der auch stellvertretender UN-Generalsekretär ist. "In etwas mehr als drei Monaten waren fast 14 Millionen Ukrainer gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen, die Mehrheit Frauen und Kinder."
Die UNO bemühe sich darum, die "verheerenden Auswirkungen" des Krieges auf die Lebensmittelsicherheit zu begrenzen, indem sie sich um ein Ende der Blockade des wichtigen Getreide- und des Rohstoffhandels bemühe, erklärte Awad.
Der starke Rückgang der Getreideexporte aus der Ukraine hat zu drastischen Preissteigerungen geführt. Dadurch verschärft sich in manchen schon unter Konflikten und dem Klimawandel leidenden Regionen der Welt die Lage zusätzlich, was wiederum die Angst vor sozialen Unruhen befeuert. "Wir brauchen Frieden. Der Krieg muss jetzt enden", hieß es in der Erklärung der Vereinten Nationen. ck/cp
Türkei nutzt Ukraine-Krise zum Ausbau ihrer Rolle als geopolitischer Player
Die Türkei macht sich international gerade unbeliebt: Ankara blockiert inmitten der Konfrontation mit Russland wegen des Ukraine-Kriegs die Nato-Erweiterung und droht zudem mit einer Offensive in Nordsyrien. Staatschef Recep Tayyip Erdogan beharrt auf der Durchsetzung türkischer Interessen, selbst wenn er damit Verbündete verärgert. Der innen- und wirtschaftspolitisch stark unter Druck stehende Präsident will sich als starke Führungspersönlichkeit profilieren - vor allem mit Blick auf die Präsidentschaftswahl in einem Jahr.
Gegen den wegen des Ukraine-Kriegs geplanten, raschen Nato-Beitritt von Schweden und Finnland hat Ankara sein Veto eingelegt. Erdogan beschuldigt die beiden Länder, "Terroristen" der verbotenen, kurdischen Arbeiterpartei PKK und deren Verbündeten YPG aus Nordsyrien zu beherbergen. "Erdogan versucht, das Thema in eine diplomatische Chance umzumünzen", sagt Yektan Türkyilmaz von der Central European University in Wien. "Schweden und Finnland sehen sich gezwungen, die 'Bedenken' der Türkei zu diskutieren. Tatsächlich bedeutet das, dass die Türkei das Recht für sich in Anspruch nimmt, wen auch immer sie will als 'Terroristen' zu behandeln."
Verbündete der PKK sind auch das Ziel des geplanten Militäreinsatzes der Türkei in Syrien, mit dem Ankara eine 30 Kilometer breite "Sicherheitszone" entlang der Grenze einrichten will. Mit derselben Begründung läuft bereits seit Mitte April eine türkische Offensive im Nordirak. Ein Einmarsch in Nordsyrien gefährde die Stabilität der Region, mahnte US-Außenminister Antony Blinken. Auch Moskau ruft zur Zurückhaltung auf. Doch Erdogan scheint nicht bereit, die Warnungen zu beherzigen.
"Natürlich hat die Türkei berechtigte Bedenken in Bezug auf die PKK und die schwedischen Beziehungen zur PKK und zur YPG, den kurdischen Kämpfern in Syrien", sagt Soner Cagaptay, Türkeiexperte der US-Denkfabrik Washington Institute. Doch es sei auch innenpolitisches Kalkül im Vorfeld der Wahl 2023 im Spiel. "Erdogan bereitet die Öffentlichkeit auf eine Auseinandersetzung mit Europa vor, die er vermutlich gewinnen wird. Auch wenn die Schweden nicht alles tun werden, was die Türkei will, wird Erdogan dies als Sieg bezeichnen, mit dem er die Europäer in die Knie gezwungen hat", analysiert Cagaptay. "Sein Image als starker Mann wird weltweit gefestigt werden und ihm auch auf nationaler Ebene zugute kommen."
Beobachtern zufolge hofft Erdogan auch, die Frage der NATO-Mitgliedschaft zu nutzen, um den Streit um die F-16 beizulegen. Die Türkei hat die US-Kampfjets bestellt und teilweise bezahlt. Doch Washington setzte das Geschäft aus, nachdem Ankara ein russisches S-400-Raketenabwehrsystem anschaffte. "Erdogan signalisiert US-Präsident Joe Biden: Lasst uns über meine Flugzeuge sprechen und ich werde gerne mein Veto in der Nato zurückziehen", sagt Cagaptay.
Auch im Ringen um ein Ende des Krieges in der Ukraine scheint kein Weg an der Türkei vorbei zu führen. Erdogan sei es gelungen, die Beziehungen zu Kiew (das mit türkischen Drohnen bewaffnet ist) aufrechtzuerhalten, ohne Moskau zu verärgern, sagt Elizabete Aunina von der Universität Amsterdam. "Es ist bemerkenswert, dass die Türkei - obwohl es keine nennenswerten Vermittlungsfortschritte gibt - immer noch als der vertrauenswürdige Dritte gilt für eine Vermittlung zwischen der Ukraine und Russland."
Der russische Außenminister Sergej Lawrow wird am kommenden Mittwoch in der Türkei erwartet, um über die Einrichtung von Korridoren im Schwarzen Meer für den Export von ukrainischem Weizen zu verhandeln. Ankara hat Unterstützung durch seine Marine angeboten - ein Plan, den Moskau zu erwägen scheint. Die Türkei, die bereits unter einer Inflation von über 70 Prozent leidet, ist stark abhängig von Gas und Weizen aus der Ukraine und Russland. Es ist der zweite Türkei-Besuch Lawrows nach den Gesprächen im März in Antalya - dem bislang einzigen Treffen mit seinem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba seit Beginn des Krieges. sp/cp