Afghanistan

Afghanistan: Vergewaltigt im Taliban-Arrest

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Gefangen in Verboten: Afghanin in Baghlan.
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Trotz neuer Vorwürfe von Gewalt gegen Frauen sitzen die islamistischen Taliban beim UN-Gipfel in Doha mit am Tisch.

Die 16-jährige Zahra* will nur für ein paar Stunden ihre Kusine in deren Westkabuler Laden besuchen, als sie an einem Tag im Dezember ihr Elternhaus verlässt. Doch aus wenigen Stunden werden zwei Wochen des Horrors, wie ihre Mutter Somaia* später berichtet. Denn Taliban-kräfte nehmen Zahra und die Kusine in deren Laden fest, weil sie gegen die Totalverschleierungs-Vorschrift der Radikalislamisten verstoßen haben sollen – „bad hijab“ heißt das Delikt. Aber nicht nur das, so die Mutter: „Als sie nach zwei Wochen freikam, war Zahra nicht mehr das Mädchen von vorher.“ Sie sei „entehrt“ worden, habe Zahra nur schluchzend gesagt, nichts mehr gegessen, nichts getrunken. Kurze Zeit später finden die Eltern das Mädchen tot – sie hat sich erhängt.

Zahra war nur eine von vielen Frauen, die laut dem UN-Menschenrechtskommissariat um die Jahreswende von Taliban-Einheiten wegen „bad hijab“ arrestiert wurden. Die UN prangerten damals eine Welle willkürlicher Festnahmen an, den Frauen sei der Kontakt zur Außenwelt verweigert worden, sie seien geschlagen und eingeschüchtert worden.

Weltweit beispiellose Unterdrückung von Frauen im Reich der Taliban

Dass die betroffenen Frauen, wie in Zahras Fall, teils auch Opfer schwerer sexualisierter Gewalt wurden, hat nun das Exil-Nachrichtenportal Zan Times enthüllt. Die soeben veröffentlichte Story, über die auch der britische Guardian berichtete, wirft erneut ein Licht auf die weltweit beispiellose Unterdrückung von Frauen im Reich der Taliban – pünktlich zu der am Sonntag in Doha startenden dritten UN-Konferenz zu Afghanistan.

Das Treffen in Katar wird seit langem heftig kritisiert, vor allem von Menschenrechts- und Frauenrechtsorganisationen. Denn die Taliban sitzen am Golf erstmals mit am Verhandlungstisch, dagegen wurden Frauenorganisationen nicht offiziell eingeladen und auch das Thema Frauenrechte fehlt auf der Agenda. Denn man wollte die Taliban diesmal unbedingt dabei haben – und deren Bedingung war, die einzigen Vertreter Afghanistans zu sein.

Undercover-Recherchen in Afghanistan

Auch Zahra Nader, Gründerin von Zan Times und früher Reporterin der New York Times in Kabul, kritisiert gegenüber der FR, „dass Frauenrechte in Doha kein Thema sein sollen“. Wie weit die Entrechtung der Frauen unter den Taliban geht, hat ihr Portal wiederholt beleuchtet. So war im August bei Zan Times zu lesen, dass Suizide und Suizidversuche von Frauen in Afghanistan seit dem Beginn des Talibanregimes zugenommen haben: Ihre Zahl liegt demnach, anders als im Rest der Welt, deutlich höher als bei Männern.

Zum Team von Zan Times gehören Nader zufolge 14 Frauen, die Hälfte von ihnen lebt in Afghanistan. Deren Sicherheit habe höchste Priorität: „Sie schreiben mit Pseudonym, kennen sich untereinander nicht und müssen arbeiten, ohne dass ihr Umfeld es erfährt.“ Freie Berichterstattung ist im Land nicht mehr möglich. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ ist Afghanistan inzwischen auf Rang 178 von 180 abgerutscht.

Der aktuelle Bericht zählt noch weitere Fälle schwerer Gewalt im Taliban-Arrest auf: Die 22-jährige Amina* etwa berichtet, ein älterer Aufseher habe sie zu ihrer Menstruation befragt und ob sie verheiratet sei. „Dann fing er an, meinen Intimbereich zu berühren. Während des Verhörs fiel ich zweimal in Ohnmacht.“ Eine weitere Frau wird Wochen nach der Festnahme tot in einem Wassergraben gefunden. Ein Taliban-Sprecher, von im Ausland lebenden Zan-Times-Mitarbeitenden angefragt, bestritt, dass es überhaupt Festnahmen gegeben habe.

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Taliban in Afghanistan feiern Einladung nach Doha als Schritt zur internationalen Anerkennung

Zugleich feiern die Radikalislamisten ihre Einladung nach Doha als Schritt zur internationalen Anerkennung. Rosa Otunbajewa, Leiterin der UN-Mission für Afghanistan (Unama) beteuert dagegen, die angestrebte Kooperation sei „keine Legitimierung“. Etwas anders klang der UN-Sonderkoordinator für Afghanistan, Feridun Sinirlioglu, der im Vorfeld wissen ließ, in Doha solle über einen „Fahrplan zur Reintegration Afghanistans in das internationale System“ gesprochen werden. Mehr Kooperation müsse es bei Klimawandel, Terrorismus- und Drogenbekämpfung geben.

Unbestritten hoch ist jedenfalls die große Not der afghanischen Bevölkerung als ganzer: 24 Millionen Menschen, das ist mehr als die Hälfte, sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, drei Millionen Kinder hungern. Berichten zufolge sollen Vertreterinnen von Frauenrechtsorganisationen in Doha immerhin am Rande der offiziellen Verhandlungen gehört werden. (Ursula Rüssmann)

*Namen geändert

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