Darum verschweigen Nordkoreas Staatsmedien die Entsendung von Soldaten in den Ukraine-Krieg
VonSven Hauberg
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Nordkoreas Staatsmedien berichten nur wenig über den Ukraine-Krieg. Die Entsendung von Soldaten verschweigen sie ganz. Aus gutem Grund, wie eine Expertin erklärt.
Wer ARD und ZDF für Staatsfunk hält, sollte zur Abwechslung KCTV einschalten, das Staatsfernsehen von Nordkorea. Zum Beispiel um acht Uhr abends Pjöngjang-Zeit, wenn die Hauptnachrichten laufen und eine resolute Sprecherin 30 Minuten lang die Sicht der regierenden Arbeiterpartei auf die Lage in der Welt verliest.
Freie Medien gibt es in Nordkorea nicht, ein freies Internet auch nicht, die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ führt das Land in ihrer Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 177 von 180. Nur aus dem Süden der geteilten Halbinsel dringen hin und wieder Nachrichten in das abgeschottete Land. Etwa, wenn Aktivisten mal wieder Luftballons in den Norden fliegen lassen, an die sie USB-Sticks mit Informationen über das Leben da draußen geknotet haben.
„Die nordkoreanischen Medien haben noch nicht über die Entsendung nordkoreanischer Soldaten nach Russland beziehungsweise in die Ukraine berichtet“, sagt die Nordkorea-Expertin Rachel Minyoung Lee von der US-Denkfabrik Stimson Center zu IPPEN.MEDIA. Bekannt sei lediglich eine Presseerklärung eines stellvertretenden Außenministers, in der dieser nicht bestreitet, dass der Norden Truppen entsandt hat. Veröffentlicht worden sei der Text allerdings auf einer Seite, die von Nordkorea aus nicht zu erreichen ist.
Nordkorea macht die USA für den Ukraine-Krieg verantwortlich
In Nordkorea müsse man zwei Arten von Medien unterscheiden, so Lee: solche, die sich an ein heimisches Publikum richten, und Medien, deren Zielgruppe im Ausland sitzt. Letztere hätten schon kurz nach Beginn des russischen Einmarschs über den Krieg berichtet. So machte die Internetseite des nordkoreanischen Außenministeriums bereits am 26. Februar, also zwei Tage nach Kriegsbeginn, die USA für die „Krise“ in der Ukraine verantwortlich.
Medien für ein heimisches Publikum hätten den Krieg hingegen ein volles Jahr lang nicht erwähnt, sagt Lee. Erst im März 2023 schrieb die Parteizeitung Rodong Sinmun über die „Ukraine-Krise“ – wieder mit Verweis auf die USA, denen das Blatt vorwarf, „Öl ins Feuer zu gießen“. „Die inländischen Medien haben seitdem Nachrichtenberichte, Artikel und Kommentare veröffentlicht, die sich mit Russlands Position zur Ukraine deckten und die Vereinigten Staaten und den Westen kritisierten“, so Lee. Aber erst mit dem Pjöngjang-Besuch von Wladimir Putin im Juni erfuhren die Nordkoreaner, dass ihre Regierung die „militärische Spezialoperation“ des Kreml „vollumfänglich unterstützt“.
Tausende Soldaten kämpfen für Putin im Ukraine-Krieg
Westliche Geheimdienste schätzen, dass Pjöngjang dem Kreml Hunderttausende Schuss Artilleriemunition geliefert hat und dazu schwere Geschütze; seit ein paar Wochen sollen zudem mehrere Tausend nordkoreanische Soldaten in der Region Kursk auf der Seite Russlands kämpfen. Außer den Armeeangehörigen und ihren Familien dürften davon nur die allerwenigsten im Land etwas erfahren haben. „Nordkorea scheint diese Informationen der heimischen Öffentlichkeit vorzuenthalten, weil die Bevölkerung die aktive Beteiligung Nordkoreas am Krieg und die möglichen Folgen einer solchen Beteiligung, wie zum Beispiel die Verluste und den Tod von Nordkoreas eigenen Männern, fürchten könnte“, sagt Expertin Rachel Minyoung Lee.