Merz-Regierung „unberechenbar“

Grünen-Chefin sieht „fatales Signal“ durch Wehrdienst-Streit – „Bundeswehr ist kein Jahrmarkt“

  • schließen

Wehrpflicht-Streit: Bei Union und SPD hängt erneut der Haussegen schief. Grünen-Chefin Brantner kritisiert eine „Regierung, die ihr Handwerk nicht beherrscht“.

Berlin – Erneut scheitert in der Koalition aus Union und SPD kurzfristig eine Einigung. Nach der Sommerpause hatte die Regierung unter Kanzler Friedrich Merz eigentlich Einigkeit beschworen: Mit dem Streit um die Wehrpflicht scheint die Harmonie nun erst einmal dahin. Während Sozialdemokraten bemüht sind, die Debatte zu entschärfen, fällt die Opposition ein vernichtendes Urteil.

Union und SPD streiten über den neuen Wehrdienst. (Symbolbild)

„Der geplatzte Kompromiss zeigt erneut, wie unberechenbar und zerstritten diese Regierung agiert und das ausgerechnet in einer Frage, die unsere Verteidigungsfähigkeit betrifft“, erklärt Grünen-Parteichefin Franziska Brantner gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Nach dem Chaos der Kanzlerwahl und der verpatzten Richterwahl setzt sich das Bild fort: eine Bundesregierung, die ihr Handwerk offensichtlich nicht beherrscht.“

Merz-Regierung streitet über die Wehrpflicht: Vom „guten Geist von Würzburg“ keine Spur

Nach einem holprigen Start mit einer Kanzlerwahl erst im zweiten Anlauf, einer verpatzten Richterwahl und viel Streit in der Sache hatten Union und SPD nach der Sommerpause an einem neuen Teamgeist gearbeitet. An diesen erinnert infolge der geplatzten Wehrdienst-Einigung auch der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese: „Der Geist von Würzburg ist nicht in den Herbstferien“, erklärte er bezogen auf eine Klausur der Fraktionsspitzen Ende August in Würzburg. Von diesem damals ausgerufenen „Geist“ ist mit Blick auf den Wehrdienst-Streit der vergangenen Tage jedoch wenig zu spüren.

Nach tagelangen Verhandlungen hatten sich Fachpolitiker beider Koalitionsfraktionen am Montagabend (13. Oktober) auf Eckpunkte für ein Wehrdienstmodell auf der Grundlage eines Gesetzentwurfs von Verteidigungsminister Boris Pistorius verständigt. In der SPD-Fraktion gab es am Dienstag jedoch keine Zustimmung – in der Union wird das vor allem darauf zurückgeführt, dass Pistorius in der Fraktionssitzung Stimmung gegen den Kompromiss gemacht haben soll. Eine Pressekonferenz über die Wehrdienst-Pläne wurde kurzerhand abgesagt.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Wehrpflicht per Losverfahren: „Wehrdienst ist kein Spiel, die Bundeswehr kein Jahrmarkt“

Doch nicht nur den Stil kritisiert Grünen-Chefin Franziska Brantner deutlich: auch inhaltlich wirft sie der Koalition vor: „Dass über Nacht aus einem freiwilligen Wehrdienst ein Losverfahren für Zwang wurde, ist ein fatales Signal an junge Menschen.“ Die zunächst gefundene Grundsatzeinigung der Unterhändler von Union und SPD sah ein Losverfahren vor, sollte es nicht genug Freiwillige geben. Auch innerhalb der SPD soll vor allem dieses Losverfahren für Unmut gesorgt haben.

„Wehrdienst ist kein Spiel, die Bundeswehr kein Jahrmarkt – es geht um unsere Sicherheit, um die Zukunft junger Menschen und um Verlässlichkeit gegenüber unseren Partnern“, kritisiert die Grünen-Chefin. Anstatt die Bundeswehr zu stärken, junge Menschen zu motivieren und die Truppe „endlich ordentlich auszustatten“, erlebe man nun „ein Theater zwischen Herrn Pistorius und den Fraktionsspitzen, das dem Thema schlicht unwürdig ist“.

Juso-Chef wirft Union und SPD „politische Bruchlandung“ wie in Ampelzeiten vor

Die SPD hingegen gibt sich gelassen: Eine abgesagte Pressekonferenz sei „kein Beinbruch“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, am Mittwoch in Berlin. Eine negative Außenwirkung räumte der SPD-Politiker aber ein. „Das ärgert mich.“ Deutlicher wurde Juso-Chef Philipp Türmer – er warf der Koalition angesichts der Debatte um den neuen Wehrdienst eine „politische Bruchlandung“ wie in Ampelzeiten vor. Der Streit sei „katastrophal, weil es die ohnehin bestehende Unsicherheit bei jungen Menschen noch steigert“, kritisierte Türmer gegenüber dem Spiegel

Der Wehrdienst-Gesetzentwurf soll am Donnerstag zunächst in seiner vom Kabinett beschlossenen Fassung in den Bundestag eingebracht werden. Die Union drängt weiter auf deutliche Änderungen an Pistorius‘ Gesetzentwurf im parlamentarischen Verfahren. Die Regierung strebt eine Verabschiedung noch in diesem Jahr an, damit die Neuregelungen zum 1. Januar in Kraft treten können. (dpa/AFP/eigene Recherche) (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Christian Spicker

Kommentare