Präsidentschaftswahlen

Kurz vor der US-Wahl: Kamala Harris setzt auf mächtige Symbolik

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Tausende wohnen dem per Videoschirm verbreiteten Auftritt von Harris vor dem Weißen Haus (M.) bei.
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Im Endspurt vor der US-Wahl ruft die Demokratin in Washington zur Einheit auf und attackiert Donald Trump als „Möchtegern-Diktator“.

Aus der Menge heraus ist Kamala Harris in ihrem schwarzen Kostüm über die Tausende von Köpfen gerade noch so zu erkennen. Auf den Kamerabildern wird sie dagegen perfekt in Szene gesetzt: Zwischen zwei US-Flaggen ist hinter ihr hell erleuchtet das Weiße Haus zu sehen. Die Tribünen, die bei vielen Rallys den Hintergrund ausfüllen, lassen an diesem Dienstagabend in Washington D. C. eine Lücke. Das Signal ist klar – und wenig überraschend: Sie will da rein.

Vor gut 100 Tagen war das eine Weltnachricht. Drei Monate nachdem US-Präsident Joe Biden den Weg frei machte für seine Vizepräsidentin, hat die Demokratin nun ihren Wahlkampf zum vorläufigen Höhepunkt geführt.

Wahlkampfrede vor der US-Wahl: Harris will Ende der Spaltung in den USA

Vor 75.000 Unterstützerinnen und Unterstützern, darunter Familien, Freundeskreise und Paare, hat die 60-Jährige sich und ihren „running mate“ Tim Walz als „neue Generation der politischen Führung“ präsentiert und für neue Einigkeit in den USA geworben: „Ich werde Euch immer zuhören, auch wenn Ihr nicht für mich stimmt“, sagte sie eine Woche vor der Wahl.

Sie versprach, dem Chaos und der Spaltung ihres republikanischen Kontrahenten Donald Trump ein Ende zu bereiten und nannte ihn einen „labilen, von Rachegelüsten besessenen Menschen, der von Missgunst zerfressen und auf unkontrollierte Macht aus ist“.

Sie hob den Zeigefinger in Richtung Weißes Haus im Hintergrund und sagte: „Am ersten Tag würde Donald Trump, falls er gewählt wird, das Büro mit einer Feindesliste betreten. Wenn ich gewählt werde, werde ich mit einer To-do-Liste antreten.“

Am Ort des Kapitolsturms: Harris warnt vor der US-Wahl vor „Möchtegern-Diktator“ Trump

Auch um diesen Gegensatz zu betonen, hatte Harris jenen symbolträchtigen Ort in der US-Hauptstadt ausgewählt: Am 6. Januar 2021 hatte hier, auf der ovalen Rasenfläche „The Ellipse“, Trump als Wahlverlierer seine Fans zum Kapitolsturm aufgehetzt. Sie sollten den Kongress daran hindern, den Sieg des Demokraten Joe Biden formal zu bestätigen. Jetzt rief Harris an der gleichen Stelle: „Die Vereinigten Staaten von Amerika sind kein Spielplatz für die Pläne von Möchtegern-Diktatoren.“

Nachrichten

Ausgerechnet mit einer Rolle in der Gesundheitspolitik will Donald Trump im Falle seiner Wahl zum US-Präsidenten am 5. November den ausgeschiedenen Kandidaten und Impfgegner Robert F. Kennedy Jr., betrauen. Er werde „die besten Köpfe“ inklusive Kennedy mit der Verbesserung der Kindergesundheit beauftragen, sagte Trump bei einem Wahlkampfauftritt im umkämpften Pennsylvania. dpa

It’s the economy, stupid! - mit diesem Slogan gewann Bill Clinton einst die US-Präsidentschaftswahlen. Falls er Recht hat, sind die Chancen von Kamala Harris wohl nicht schlecht – wie das US-Handelsministerium am Mittwoch in Washington mitteilte, legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut einer ersten Schätzung um 2,8 Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum zu. afp

Auch in Mexiko wird die US-Wahl mit viel Interesse verfolgt und das Ergebnis gebannt erwartet. Während in den USA vor allem über irreguläre Migration aus dem Land diskutiert wird, reden die Vereinigten Staaten über einen heiklen entgegengesetzten Warenstrom nicht allzu gerne: Waffen, die legal oder illegal über die US-Grenze nach Mexiko geliefert werden. Während die Waffenindustrie unter Donald Trump wohl freie Hand hätte, gibt es bei einem Sieg von Harris immerhin die Hoffnung, dass der Verkauf von besonders schweren Waffen künftig nicht mehr ganz so einfach ist. kna/FR

Weil er mit einer Machete am Dienstag zwei Frauen bedroht haben soll, die vor einem Früh-Wahllokal in Florida standen, wurde ein 18-Jähriger festgenommen, berichtete die „New York Times“ am Mittwoch. Lokale Medien zufolge soll der Mann eine Trump-Flagge bei sich getragen haben – bei den Frauen soll es sich um Harris-Sympathisantinnen gehandelt haben. Bereits in den Vortagen waren in den Bundesstaaten Washington und Oregon Boxen zum Einwerfen von Wahlzetteln in Brand gesteckt worden. FR

Im Publikum kommt das an. Schon vor der Rede sagt ein Mann, der Ort zeige den Kontrast zwischen „Gut und Böse“. Als Einwohner von Washington hat er den 6. Januar noch allzu gut in Erinnerung. Jetzt hofft er mit Kamala Harris auf ein Land, das alle Menschen akzeptiert und ihnen Chancen bietet, „unabhängig davon, auf welcher Seite wir stehen“. Auch seine Frau hebt die historische Bedeutung des Ortes hervor. Sie sei gekommen, um – schon jetzt – die erste Präsidentin vorm Weißen Haus zu sehen.

Nach untypischem Wahlkampf vor US-Wahl: Harris hat große Pläne

Für eine andere Frau, eine Demokratin durch und durch, ist es die erste Wahlkampf-Veranstaltung überhaupt. Wie steht sie zu Harris? Sie pausiert, denkt kurz nach. „Alles ist besser als Donald Trump“, sagt sie dann. Überzeugt klingt anders. Harris, erklärt sie sich, sei weiterhin recht unbekannt. „Sie ist schon lange in der politischen Arena aktiv. Aber ihre Rollen waren eher hinter den Kulissen“, sagt die Frau. „Jetzt haben wir sie gesehen, haben sie reden gehört“, fährt sie fort, „aber sie war nie eine Person, die man ständig im Fernsehen gesehen hat.“

Dessen ist sich Kamala Harris bewusst, sie nutzt diesen Moment auch, um auf ihren blitzartigen Aufstieg zur Kandidatin der Demokraten zurückzublicken: „Ich weiß, dass dies kein typischer Wahlkampf war. Und obwohl ich die Ehre hatte, in den vergangenen vier Jahren als eure Vizepräsidentin zu fungieren, weiß ich, dass viele von euch noch dabei sind, mich kennenzulernen.“ Ein schmerzvolles Eingeständnis so kurz vor der Wahl.

Doch sie will aus der Not eine Tugend machen, indem sie sich als Washington-Quereinsteigerin gibt. Und nicht als Kandidatin des „Weiter so“. Oft fiel es ihr jedoch schwer, sich abzugrenzen von Joe Biden, dessen Präsidentschaft von äußerst niedrigen Beliebtheitswerten geplagt war und der legendär für seine Patzer ist.

Wenige Tage vor US-Wahl: Aufreger um Biden bringt Demokraten in Bedrängnis

Und Biden patzt auch jetzt noch mal, auf der Zielgeraden. Während Harris die Unentschlossenen um ihre Stimme bittet, lieferte der Präsident mit Äußerungen während eines Telefonats Trump und dessen Anhängerschaft eine Steilvorlage. Biden hatte einen geschmacklosen Scherz bei Trumps Wahlkampf-Event in New York am Sonntag kommentiert. Dort hatte während einer stundenlangen Tirade aus Hass und Diffamierung durch verschiedene Sprecher ein „Comedian“ das US-Überseeterritorium Puerto Rico als eine „im Ozean schwimmende Insel aus Müll“ bezeichnet. Das löste Empörung aus und lieferte Harris’ Kampagne ordentlich Wahlkampfmunition. Allen voran X-Besitzer und Trump-Unterstützer Elon Musk unternimmt nun alles, um die Aufregung umzudrehen – mittels Bidens Satz: „Der einzige Müll, den ich da treiben sehe, sind seine Anhänger.“ Der Präsident erklärte in einem Post, er habe die dämonisierende Rhetorik Trumps gemeint.

Das Weiße Haus insistiert, der Präsident sei lediglich falsch verstanden worden. Aber Zurückrudern funktioniert in diesem dank Trump ganz besonders kruden Wahlkampf nicht.

Kamala Harris kam derweil am Dienstagabend (Ortszeit) auf Inhalte zu sprechen. In Sachen Abtreibungsrechte will sie mit einer nationalen Regelung dafür kämpfen, „das wiederherzustellen, was Donald Trump und seine handverlesenen Richter am Obersten Gerichtshof den Frauen in Amerika genommen haben“. In Sachen Migration will sie Härte statt Panikmache: „Wenn ich Präsidentin bin, werden wir diejenigen, die unrechtmäßig hierherkommen, schnell abschieben.“ Und international will sie Partnerschaften aufrechterhalten und sicherstellen, dass die USA „die stärkste und tödlichste Macht der Welt“ bleiben.

„Zwei verrückte Wochen“: US-Wahl vor der Zielgeraden

Auch weit außerhalb des umzäunten Geländes bis hinauf zum Washington Monument versammelten sich viele Menschen. Vereinzelt schallten die Rufe und das Topfschlagen von Demonstrierenden über den Zaun, die die Nahost-Politik der Biden-Harris-Regierung verurteilten.

Harris beendete ihre etwa halbstündige Rede mit der meistbenutzten Floskel des Abends, „to turn the page“: „In sieben Tagen haben wir es in der Hand, ein neues Kapitel aufzuschlagen und die außergewöhnlichste Geschichte aller Zeiten fortzuschreiben.“ Sie meint die der USA.

In den endlosen Schlangen vor dem Event unterhielten sich zwei Männer über die nahende Wahl. Einer sagte: „Das werden zwei verrückte Wochen.“ Der andere korrigierte: „Es ist doch nur noch eine Woche.“ Aber der erste dachte schon weiter: „Glaubst du wirklich, dass es so schnell entschieden sein wird?“ (Jakob Maurer)

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