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Pennsylvania ist ein zentraler Swing State. Vor allem in den „suburbs“ betreiben beide Parteien enorm viel Aufwand. Aber was bewegt die Menschen dort?
Pennsylvania – Auto um Auto steuert das Wahllokal in Pennsylvania an. Vor dem vollen Warteraum redet ein Mann mit Football-Kappe nicht lange herum. Warum er hier ist? „Donald Trump, wegen ihm wähle ich!“, sagt der 59-jährige Erstwähler. Seine Begleiterin boxt ihm in die Seite und schaut sich ertappt um. „Was denn?“, fragt der Mann.
Die beiden wollen per „early voting“, also vor dem Wahltag, im engen Rennen um das Weiße Haus ihre Stimme abgeben. Sie leben im Wahlkreis der Hauptstadt Harrisburg, wo in dem diversen Bundesstaat an der Ostküste der USA Stadt und Land aufeinandertreffen.
Seit Wochen schauen die USA auf Pennsylvania. Hier wurde Trump angeschossen, hier hatte er seinen McDonald’s-Auftritt, hier fand im September die TV-Debatte statt und hier war am Montagabend (nach Redaktionsschluss) einer der letzten Auftritte der Demokratin Kamala Harris geplant – mit Barack Obama und Bruce Springsteen. 2016 gewann Trump den Staat um die Metropole Philadelphia, 2020 siegte Joe Biden. 2024 ist der Ausgang erneut offen.
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US-Wahl 2024: Es kommt auf die Vororte, die sogenannten „suburbs“, an
Gegenden wie die um Harrisburg stehen im Fokus – spätestens, wenn im US-Fernsehen wieder die interaktiven Bildschirme auftauchen und Kreise, Städte und sogar Nachbarschaften in Blau und Rot minutiös analysiert werden. Als „König der Karten“ gilt der CNN-Analyst John King. 2020 sagte der 61-Jährige ein Wort immer wieder: „suburbs“. Auf die Vororte, die endlosen Häuserreihen mit Vorgärten und breiten Straßen, in denen mehr als die Hälfte der Menschen in den USA leben, kommt es an.
Das bekommen auch die Menschen in dem Wahllokal mit. „Es ist belastend, so entscheidend für das Rennen zu sein“, sagt ein jüngerer Wähler: „Viel Werbung, viel Post und immer wieder Freiwillige vor der Tür.“ Er hofft auf einen Sieg für Harris und setzt auf Nachbarschaften, die Zuzug Jüngerer erlebt haben.
Die Trump-Wählerin am Eingang sagt hingegen: „Viele Leute sind hungrig.“ Wenn sie auf die vergangenen acht Jahre zurückblicke, „dann waren die letzten vier nicht so gut wie die vier davor.“ Laut dem progressiven Think-Tank „Brookings“ wuchs die Armut in den Vororten zwischen 2019 und 2022 tatsächlich „dreimal so schnell wie in den Großstädten“. Das ist der Zeitraum der Pandemie, in der die Inflation von 0,2 Prozent 2020 auf 9,1 Mitte 2022 stieg. Seit einem Jahr liegt sie unter drei Prozent.
US-Wahl 2024: Abstiegsängste auf Vorgarten-Schildern
Die Republikaner packen trotzdem Abstiegsängste auf Vorgarten-Schilder, die hier vielerorts zu sehen sind: „Trump: niedrige Steuern – Harris: hohe Steuern“ oder „Trump: niedrige Preise – Harris: hohe Preise“, heißt es.
Tom Trautmann, ein Rentner aus dem Vorort Camp Hill, hält all das für „völlig übertrieben“. Er beginnt den Tag mit einem Spaziergang durch seine in den 50er-Jahren gebaute Nachbarschaft. Der 71-Jährige genießt das Leben hier: Es sei ruhig und friedlich, hier lebten Menschen der Mittelklasse sowie viele Zugewanderte. „Das ist der Kern, das Rückgrat des Landes“, sagt Trautmann.
Er stamme aus einer Bergarbeiterfamilie und habe sein Leben lang die Republikaner gewählt. Doch Trumps Panikmache gehe zu weit. Wenn der Ex-Präsident über die Vororte spricht, zeichnet er sie als unter Kriminalität leidend und von Migrant:innen „überrannt“, „geplündert“, oder „zerstört“. „Ich sehe keine Probleme“, hält Trautmann dagegen, neu Eingewanderte wollten „einfach arbeiten und mit ihrem Leben vorankommen“. In seinem Freundeskreis gebe es dennoch viele Trump-Fans. „Sie sind extrem rassistisch“, sagt er offen. Das mache ihm Angst. Auch deswegen will Tom Harris wählen.
Camp Hill, Trautmanns Wohnort, war schon einmal umkämpft. Im über die Abschaffung der Sklaverei ausgefochtenen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert lagerten hier Truppen des Nordens und besiegten die Südstaatler in der nördlichsten Schlacht des Konflikts, wie eine Plakette erzählt.
Jetzt kommen hier an einem Samstag Familien zusammen. Die Kleinsten spielen Fußball, es riecht nach geschnittenem Rasen, der Spielplatz ist voll belegt. Doch weil es das vorletzte Wochenende vor der Wahl ist, ist es nicht überall so beschaulich. Freiwillige der Demokraten kommen mit Bussen von weit her, etwa aus Washington D. C. oder New Jersey.
US-Wahl 2024: Donald Trump und Kamala Harris - die Überreue
Auch durch das ländliche Pennsylvania rollt ein Bus. Trump und sein „running mate“ JD Vance sind darauf abgebildet. In einer Scheune warten rund 60 Frauen und Männer, die Hälfte trägt Trump-Kappen. „Gott hat Pennsylvania ausgewählt, um Donald Trumps Leben zu retten“, sagt die Hauptrednerin der Kundgebung, Kimberly Guilfoyle – einst Fox-Moderatorin, heute Trumps Schwiegertochter. „Amen“, erwidert eine Frau im Publikum.
Guilfoyle redet unter Applaus weiter – kurz klingt es wieder nach Bürgerkrieg: „Jetzt steht ihr an der Frontlinie, um die Republik zu retten.“ Beim Wort „re-e-e-etten“ schwingt die Stimme der 55-Jährigen emotional. Am Ende tanzt die Scheune zu „YMCA“ und alle unterschreiben auf den Wänden des Busses, wo Trump und Vance vom Bild strahlen.
Hier zeigt sich: Es geht jetzt nicht mehr darum, Andersgesinnte zu überzeugen. Das Motto lautet vielmehr: „Get out the vote!“ – die Überzeugten an die Urne bringen. Und das so schnell wie möglich. Denn alle, die gewählt haben, müssen nicht mehr mit viel Geld umworben werden.
Diese Mission hat auch die Demokratin Michelle Smith. In Exton, einem Vorort von Philadelphia, im Südosten Pennsylvanias, organisiert sie den Wahlkampf.
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Die Nachbarschaften werden hier nobler, die Häuser herrschaftlicher. 40 Kilometer sind es bis in die Stadt, Smith sagt: „Man sagt hier, man lebt in Philly, aber eigentlich tut man das nicht.“ Das mache die suburbs aus. In Deutschland würde man Speckgürtel sagen. Hier machte kürzlich auch der Milliardär Elon Musk für Donald Trump Stimmung.
Das Kampagnen-Büro der Demokraten liegt in einem der unzähligen Gewerbegebiete, die sich hier entlang der Einfallstraßen und der historischen Bahnlinie „Main Line“ aneinanderreihen. Smith koordiniert die Aktivitäten in der Gegend, in bis zu 100 ehrenamtlichen Arbeitsstunden pro Woche trommelt sie rund 400 Freiwillige zusammen und leitet sie an: „Wir klopfen pro Woche an etwa 3000 Türen.“
Die Republikaner hätten den Wahlkreis dominiert, bis Trump 2016 gewann, sagt Smith. „Dann sind die Leute aufgewacht.“ Jetzt fänden sich immer mehr Engagierte. Dass es trotz Trumps aggressiver Rhetorik so knapp sei, mache sie traurig. Und sie sagt etwas, das mehrere Menschen erwähnen, etwa auch Tom Trautmann aus Camp Hill: „Ich will nicht, dass es so wird wie in Ihrem Land“, gemeint ist Deutschland „in den Dreißigern“.
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Harrisburg, Camp Hill, Exton, die Main Line bei Philadelphia – vielleicht fallen diese Namen, wenn CNN-Mann John King bald an die Karten schreitet. Auch er war dieser Tage im Swing State und besuchte, wie er in einem Bericht auf John-King-Manier sagt, „one of the suburban Philadelphia counties crucial to the math for battleground Pennsylvania“ – einen „entscheidenden Vorort in der Wahlarithmetik des Schlachtfelds Pennsylvania“.
Rubriklistenbild: © J. Maurer


