VonJakob Maurerschließen
Wie sich die US-Hauptstadt Washington auf eine unklare Wahlnacht und mögliche Krawalle vorbereitet. Eine Reportage.
Washington D. C. wappnet sich für die nahende Wahl. Und für das, was danach kommen soll – oder was kommen könnte. Ungewöhnlich früh werden in der Hauptstadt der USA jetzt sogar schon Sicherheitsvorkehrungen sichtbar für den Tag, an dem der Republikaner Donald Trump oder die Demokratin Kamala Harris ins Präsidentschaftsamt eingeführt werden. Jener 20. Januar, der Inauguration Day, scheint noch in weiter Ferne, schließlich erstmal gewählt werden. Viele fürchten in der Zwichenzeit aber politische Tumulte.
Ex-Präsident Trump sagte kürzlich, er könnte das Militär einsetzen, um gegen den „Feind im Inneren“ vorzugehen. Ihn besorgt nicht das Chaos, das von seinen Anhänger:innen oder ausländischen Akteuren ausgehen könnte, sondern von „linksradikalen Verrückten“. Tatsächlich überlebte der Republikaner im Juli ein Attentat, dessen Hintergründe sind aber unklar. Und vor allem stehen damit nicht die Abgeordneten in Verbindung, die Trump namentlich erwähnte.
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Amtsinhaber Joe Biden wiederum sagte Anfang Oktober über die Wahl: „Ich bin zuversichtlich, dass sie frei und fair sein wird.“ Er warnte aber für den Fall einer Trump-Niederlage, „ich weiß nicht, ob es friedlich sein wird.“ Der Politologe Robert A. Pape schrieb in der „New York Times“ von Umfragen, die ein „beunruhigend hohes Maß an Unterstützung für politische Gewalt“ zeigten. Da verwundert dann kaum, dass schon jetzt Zäune und Absperrungen an den Zentren der Macht auftauchen. Vor dem Weißen Haus fragt ein Tourist „Können wir da rein?“ Eine Beamtin antwortet: „Nein. Hier ist bis März alles abgesperrt.“
Der District of Columbia geht davon aus, dass in der Wahlnacht weder Trump noch Kamala Harris den Sieg sicher haben. „Wir könnten in eine Phase eintreten, in der es zu weit verbreiteten Fehlinformationen und Desinformationen über das Wahlergebnis kommt“, warnte Chris Rodrigez, stellvertretender Stadtverwalter des Hauptstadtbezirks, am Dienstag. Die Rede ist von einem „fluiden, unvorhersehbaren Sicherheitsumfeld“, das auch extremistische Gruppen und potenzielle Unruhen einschließt.
Am engmaschigen Zaun vor dem Weißen Haus sind abwechseln „BETRETEN VERBOTEN“-Schilder angebracht und soche, die ein wenig mehr erklären: „Bitte entschuldigen Sie die Störung“, heißt es freundlich, hier werde eine Bühne für die Feierlichkeiten zur Amtseinführung aufgebaut. Das Gerippe ist bereits zu sehen zwischen Baucontainern, Kränen und Holzladungen. Dort wo sich normalerweise die Menschen drängen, um Fotos vom Sitz des Präsidenten zu machen, hüpfen nun die Eichhörnchen unbesorgt umher. Ein Wachmann patrouilliert mit einem Schäferhund an der Leine. Auf dem Dach hat Sicherheitspersonal das Umfeld im Blick.
Krieg in Gaza: Protest-Zelt muss umziehen
Ein Protestzelt gegen Israels Gaza-Krieg und die Unterstützung der USA musste daher umziehen. Es steht nun ein wenig weiter nördlich, dort, wo sich auch die Tourist:innen nun mit schlechterer Sicht begnügen müssen. Ein Paar nimmt die letzten Meter dennoch im Laufschritt – nicht, dass noch ein neuer Zaun hochgezogen wird.
Eine andere Gruppe hat sich auf der Südseite eingefunden, dort ist man weiter weg, aber hat eine weniger versperrte Sicht. Doch auch die große Wiese hinter ihnen ist teilweise abgesperrt: „The Ellipse“ heißt die ovale Rasenfläche, eigentlich ein Ort für Feiern und Kundgebungen.
Auf Ereignisse dort gehen die Sicherheitssorgen von heute zurück. Denn hier wiegelte am 6. Januar 2021 Trump seinen Mob mit Worten wie diesen auf : „Wir kämpfen wie die Hölle. Und wenn ihr nicht wie die Hölle kämpft, werdet ihr kein Land mehr haben!“ Jetzt herrscht hier herbstliche Ruhe. Ein Schwarm Stare flattert hinter dem Wachmann mit Sturmgewehr, jenseits der Absperrungen zum Weißen Haus.
Trumps Meute zog damals los, die breite Pennsylvania Avenue hinunter, wo das Kapitol immer näher rückt. Vorbei am Justizministerium und dem Schriftzug „Wo das Gesetz endet, beginnt die Tyrannei“.
Die Westseite des Kapitons ist bereits abgesperrt. Hinter den Zäunen der „Kapitol-Polizei“ hört man es Hämmern. Schon Mitte September schlugen Abgeordnete feierlich die symbolischen ersten Nägel in die Holzbühne, die langsam als Zentrum der Amtseinführung erkennbar wird.
Die Bürgermeisterin von Washington D.C., Muriel Bowser, kündigte am Dienstag an, vom 6. Januar bis zum 21. Januar sei mit einer robusten Umzäunung des Kapitols zu rechnen sei. Zudem sollen fast 4000 zusätzliche Polizeikräfte in die Stadt kommen.
Im Kapitol ruht derzeit der Politik-Betrieb. Viele Abgeordnete sind für den Wahlkampf im ganzen Land unterwegs. Menschen aus der ganzen Welt können jedoch weiterhin für Touren in das Parlamentsgebäude. „Diese Wände wurden getestet“, hören sie in einem Video über die lange Geschichte des Gebäudes, „ihre Festigkeit hat keine Risse bekommen.“
Angesprochen auf Schäden durch den Kapitolsturm, als Hunderte Aufwiegler Türen einschlugen, Büros stürmten und fünf Personen starben, sagt ein Guide im Raum unter der Kuppel: „Diese Frage höre ich jeden Tag.“ Die schwarze Flagge der Kriegsgefangenen, die den Raum nie hätte verlassen sollen, sei gestohlen worden. Schwerer wiegen die Schäden am Gebäude und Gelände drumherum – offiziellen Angaben zufolge mehr als 30 Millionen Dollar. Eine Frau in der Gruppe verzieht das Gesicht. Die Tour endet, vorbei an Schüler:innen mit Trump-Hüten und -Shirts geht es zum Ausgang.
Im ganzen Land steigen die Sicherheitsbedenken. Der Politologe Pape fordert in seinem Gastbeitrag mehr Schutz für Wahlhelfer:innen und die Integrität der Wahlergebnisse. Und er schreibt: „Die letzten vier Jahre haben gezeigt, dass wir in einer gefährlichen neuen Welt leben.“

