„Noch nie dagewesene“ Vorbereitungen

„Early Voting“ bei der US-Wahl: Fast 50 Millionen haben bereits gewählt

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Ein früher Wähler: US-Präsident Joe Biden gibt in Delaware seine Stimme ab.
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Die US-Wahl läuft schon jetzt auf Hochtouren. Doch Fachleute warnen vor den Folgen von Desinformation vor, während und nach dem „early voting“.

Washington, D.C. – Die Welt fiebert der US-Wahl entgegen – doch in den meisten Bundesstaaten läuft die schon. Stand Dienstagmorgen, eine Woche vor dem Wahltag, hatten fast 50 Millionen Menschen persönlich oder per Post bereits abgestimmt. Das geht aus Datenanalysen der Universität Florida hervor. 2020, in der Pandemie, waren demnach mehr als zwei Drittel der insgesamt gut 150 Millionen Stimmen vorab abgegeben worden, 2016 noch halb so viele.

Auch in der Hauptstadt öffneten diese Woche die Wahllokale. In der Nachbarschaft des Kapitols waren am Montagmittag keine Schlangen zu sehen, doch ein steter Zulauf an Wählerinnen und Wählern aller Altersklassen. Als sich eine junge Frau in der zum Wahllokal umfunktionierten Sporthalle anmeldete, rief eine Helferin: „Wir haben eine Erstwählerin!“ Jubel kam auf.

„Early Voter“ äußert „Angst“ vor Trump-Sieg bei US-Wahl: „Mehr denn je eine entscheidende Wahl“

Die Menschen können elektronisch oder auf Papier abstimmen. Dazu stehen zum einen klassische Kabinen bereit und zum anderen Maschinen mit Touchscreen, die digital ausgefüllte Stimmzettel ausdruckt. In beiden Varianten geben die Wahlberechtigen ihren Zettel schließlich in eine elektronische Urne, die die Stimmabgabe erfasst. Nur in kleineren Kreisen wird noch von Hand ausgezählt.

Einer der Wähler aus Washington sagte der Frankfurter Rundschau, er sei vorab gekommen, um möglichem Chaos am eigentlichen Wahltag, dem 5. November, aus dem Weg zu gehen. Nach der Stimmabgabe machte der 35-Jährige ein Selfie und sprach von einem emotionalen Moment: „Es ist mehr denn je eine entscheidende Wahl. Ich habe Angst, falls Donald Trump gewählt wird“, sagte er.

Analysen der Vorab-Stimmen bei der US-Wahl in den Swing States

In Washington D.C. stimmen die Menschen erfahrungsgemäß mit großer Mehrheit demokratisch. Für den 35-Jährigen ist es wichtig, zur Wahl zu gehen, auch wenn das Ergebnis quasi feststeht: Er hofft auf ein Signal durch das „popular vote“, also die Zahl der in den ganzen USA abgegebenen Stimmen. Ein starkes landesweites Ergebnis soll seiner Favoritin, Kamala Harris, auch bei einem knappen Sieg ein starkes politisches Mandat geben.

Analysen der Vorab-Stimmen lassen erste Rückschlüsse zu auf die Verteilung der Wahlbeteiligung nach Parteizugehörigkeit. Tatsächliche Wahlergebnisse gibt es jedoch erst kommende Woche. Demnach hat etwa in Michigan und Pennsylvania bislang eine Mehrheit an demokratisch registrierten Wähler:innen gewählt.

In Georgia, Arizona und Nevada wird dagegen ein leichtes Plus republikanisch verorteter Wähler:innen gemeldet. Fachleute warnen aber davor, zu viel in die Zahlen hineinzulesen. Vor allem in den genannten Staaten, die als Swing States gelten, könne sich am Wahltag noch vieles drehen. Neu ist aber, dass auch Republikaner zum „early voting“ aufrufen – obwohl Trump noch immer ohne Basis behauptet, es gebe bei Briefwahl und mit den Wahlmaschinen massenhaft Betrug. Zudem hält er an der widerlegten Wahllüge fest, dass ihm 2020 der Sieg gestohlen worden sei.

Desinformation im US-Wahlkampf: Wachsendes Misstrauen in US-Wahl im Trump-Lager

Derweil verbreitet sich Desinformation. So wiesen Behörden Behauptungen zurück, wonach Wahlmaschinen in Texas Stimmen abgeändert hätten. Das FBI hat zudem am Freitag mitgeteilt, Russland stecke hinter einem gefälschtem Video, das eine Person beim Zerreißen von Stimmzetteln in Pennsylvania zeigt.

Vor allem unter republikanisch-orientierten Menschen macht sich jedoch Skepsis breit: Nur 28 Prozent von ihnen vertrauen laut dem Institut Gallup den Wahlen, während es auf demokratischer Seite 84 Prozent tun.

„Toxische Skepsis“ vor US-Wahl: „Noch nie dagewesenen“ Gefahren und Vorbereitungen

In der Hauptstadt versichert die Expertin Jennifer Morrell, die Präsidentschaftswahl von 2020 sei die „sicherste aller Zeiten“ gewesen und dass „die Wahl 2024 noch sicherer sein wird“. William Kresse, ein Mitglied der Wahlkommission von Chicago sagt, „eine skeptische Öffentlichkeit ist gut“, doch er sehe immer mehr eine „toxische Skepsis“ – die Lügen zeigten Wirkung. Er sagte, das System werde keinen Betrug im großen Stil zulassen.

Es ist auch die erste Präsidentschaftswahl, bei der die 2021 gegründete „Election Threats Task Force“ aktiv ist. Die Arbeitsgruppe des US-Justizministeriums ermittelt bei Gewalt und Bedrohungen gegen Wahloffizielle. Morrell berichtete von „noch nie dagewesenen“ Gefahren und Vorbereitungen, etwa mit kugelsicheren Glasscheiben und erhöhter Polizeipräsenz. Auch in Washington waren am Montag Sicherheitskräfte vor einem Wahllokal in Downtown postiert.

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