Trumps Abschieberegelung endet – und die Anspannung an US-Grenze wächst
VonChristian Stör
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Die US-Behörden erwarten an der Grenze zu Mexiko einen Ansturm von Asylsuchenden. Präsident Biden befürchtet „chaotische“ Zustände.
Mexiko-Stadt/Washington, D.C. – Die Situation ist äußerst angespannt, allenthalben herrscht Nervosität. Denn niemand weiß so recht, was nach dem Ende der umstrittenen Abschieberegelung „Title 42“ in den USA geschehen wird. Joe Biden hob jedenfalls schon mal warnend den Zeigefinger. Auf die Frage, ob das Land auf einen Ansturm von Menschen an der Grenze vorbereitet sei, gab sich der US-Präsident skeptisch: „Das bleibt abzuwarten. Es wird für eine Weile chaotisch sein.“
Tatsächlich warten derzeit Zehntausende in ganz Lateinamerika darauf, die Grenze überqueren zu können. So berichtete das mexikanische Portal Infobaeam Mittwoch (10. Mai), dass in verschiedenen Städten in Grenznähe die Menschen ausharrten, um nun in die USA zu gelangen. Schon jetzt haben die Städte El Paso, Brownsville und Laredo im US-Bundesstaat Texas, der an Mexiko angrenzt, den Ausnahmezustand erklärt. Dort werde mit der Ankunft von bis zu 12.000 Menschen pro Tag gerechnet, berichtete die mexikanische Zeitung Milenio. Schon am Dienstag wurden mehr als 11.000 Menschen beim Überqueren der Südgrenze entdeckt.
Aus für „Title 42“: Wachsende Unruhe an der Grenze zu Mexiko
Vieles geht offenbar schief. So erzählte der Venezolaner Yohan Torres Ugas dem US-Sender NBC News, dass er in den vergangenen zwei Monaten versucht habe, über eine mobile App für Migranten für sich und seinen Sohn einen Termin für einen Asylantrag in den USA zu vereinbaren. Dies sei ihm aber nicht gelungen. „Also habe ich die Chance genutzt, die Mauer zu überqueren, es gab keinen anderen Weg.“
Nun habe er inzwischen zwar Dokumente in der Hand, weiß aber nicht, ob diese ihnen die Reise in den USA überhaupt erlaubten. Auch durften sie noch nicht legal im Land arbeiten. „Unsere Angst ist, dass sie uns abschieben und wir nach allem, was uns das gekostet hat, von vorne anfangen müssen“, sagte er. „Wir haben Monate gebraucht, um hierher zu gelangen, durch den Dschungel, durch mehrere Länder und unter Einsatz unseres Lebens. Wir können nicht nach Venezuela zurückkehren.“ Er wolle aber El Paso verlassen, weil er Angst vor der wachsenden einwanderungsfeindlichen Stimmung in der Grenzstadt habe.
Ähnlich sieht es seine Landsfrau Rosa, die aus Furcht vor Vergeltung durch die Behörden darum bat, dass ihr vollständiger Name nicht genannt wird. „Jeder hat Angst vor dem Ende von Title 42, dass sie uns ausweisen, dass sie uns nicht bearbeiten“, sagte sie gegenüber NBC News. „Man opfert so viel, um dann umsonst hier anzukommen.“
Trumps Einreiseverbot endet: 24.000 Grenzpolizisten im Einsatz
Die US-Regierung hat 24.000 Grenzpolizisten im Einsatz und zusätzlich zu den bereits 2500 an der Grenze zur Unterstützung eingesetzten Soldaten weitere 1500 Soldaten mobilisiert. Sie verschärfte zudem die Asylregeln, um eine abschreckende Wirkung gegen illegale Grenzübertritte zu erzielen.
Hintergrund ist das Auslaufen der Abschieberegelung „Title 42“ am Donnerstagabend um 23.59 Uhr US-Ostküstenzeit (Freitag 05.59 Uhr MESZ). Sie war im März 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie unter dem früheren US-Präsidenten Donald Trump eingeführt worden. Das Einreiseverbot ermöglichte es den USA, an der Grenze zu Mexiko aufgegriffene Asylsuchende umgehend abzuweisen. Nach Angaben des Zoll- und Grenzschutzes haben die Einwanderungsbehörden in dieser Zeit mehr als 2,8 Millionen Menschen zurückgewiesen.
Die Abschieberegelung endet nun zeitgleich mit dem Auslaufen des nationalen Corona-Gesundheitsnotstandes in den USA in der Nacht auf Freitag. Das bedeute aber nicht, „dass unsere Grenze offen ist“, betonte Heimatschutzminister Alejandro Mayorkas noch einmal. „Schmuggler arbeiten schon seit langer Zeit hart an der Verbreitung der Falschinformation, dass die Grenze nach dem 11. Mai offen sein wird. Das wird nicht so sein. Sie lügen.“
Gleichzeitig stimmte Mayorkas die Öffentlichkeit aber auch auf eine Zuspitzung der Lage an der Südgrenze ein. „Die kommenden Tage und Wochen könnten sehr schwierig werden“, sagte er. Es sei zu erwarten, dass in nächster Zeit viele Menschen aufgegriffen würden, die versuchten, ins Land zu kommen. In bestimmten Gegenden sei das bereits der Fall. Mayorkas sagte weiter, die US-Regierung habe sich lange auf den Wegfall der Pandemie-Regelung vorbereitet und verstärke das Personal an der Grenze deutlich.
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Für Joe Biden ist die Krise an der Grenze zu Mexiko politisch äußerst heikel
Der Minister sagte, die Regierung arbeite daran, eine legale Einreise in die USA zu ermöglichen. Zugleich wolle man „jenen harte Konsequenzen auferlegen, die sich entscheiden, diese Wege nicht zu beschreiten“. Gemäß einer neuen Regelung sollen Menschen ihren Anspruch auf Asyl verlieren und abgeschoben werden, wenn sie illegal in die USA einreisen. Ausnahmen soll es unter anderem geben, wenn den Menschen in ihrer Heimat Folter droht. Nach dem Wegfall von „Title 42“ kehren die USA zur Anwendung der unter dem Namen „Title 8“ bekannten Regelung zurück, die im Falle illegaler Einwanderung zum Beispiel ein fünfjähriges Wiedereinreiseverbot vorsieht.
Für Präsident Biden ist die Krise an der Grenze zu Mexiko politisch äußerst heikel – und die Grenzpolitik ein schwieriger Balanceakt. Die oppositionellen Republikaner werfen ihm vor, ungehindert Hunderttausende Menschen aus dem Ausland in die USA zu lassen, und schüren Ängste vor einer Zunahme von Kriminalität und Drogenproblemen. Zugleich steht Biden, der selbst eine überaus konservative Einwanderungspolitik verfolgt, unter dem Druck des linken Flügels seiner Demokratischen Partei. Dort wird dem Präsidenten vorgeworfen, sein Wahlversprechen einer humaneren Flüchtlings- und Einwanderungspolitik nicht einzulösen. (cs)