VonSebastian Mollschließen
Experte Jay Famiglietti prognostiziert: In 20 Jahren wird es in US-Städten wie Phoenix kein Wasser mehr geben
Professor Famiglietti, Sie untersuchen die Wasserversorgung in verschiedenen Regionen der Welt. Wie schlimm ist die Situation im Südwesten der USA im Vergleich?
Ziemlich schlimm. Die Lage am unteren Flusslauf des Colorado, in Neu Mexiko, Arizona und Kalifornien, steht kurz vor dem Kippen. Wir kommen an den Punkt, an dem einfach nicht mehr genug Wasser da ist, um die Bevölkerung zu versorgen. Es müssen harte Entscheidungen getroffen werden, wofür wir das Wasser verwenden.
Die ganze Region hängt von einem einzigen Fluss ab, der jetzt austrocknet.
Das ist teils richtig. Weil das Wasser im Colorado knapp wird, werden zunehmend die Grundwasserreserven angezapft. Das Problem dabei ist jedoch, dass die Nutzung des Grundwassers vollkommen unreguliert ist. Da herrscht der Wilde Westen.
Aber der Staat Kalifornien hat doch zumindest ein Gesetz zur Nutzung des Grundwassers.
Ja, das stimmt, aber das Gesetz ist bislang das einzige, und es ist weder voll implementiert noch wird seine Befolgung durchgesetzt. Der Zeitrahmen, den die Gesetzgeber sich gesteckt haben, um nachhaltige Wassernutzung in Kalifornien zu erzielen, liegt bei 20 Jahren. Das ist viel zu lange. Das Grundwasser verschwindet im Moment in einer rasenden Geschwindigkeit. Bis jetzt werden die Dinge schlimmer und nicht besser.
Sie befürchten also, dass es in 20 Jahren im Südwesten der USA kein Wasser mehr gibt?
Ich glaube in der Tat, dass es in 20 Jahren kein Wasser mehr gibt, das zu managen wäre. Wir stehen hier tatsächlich am Abgrund.
Was sind die Konsequenzen, wenn die Region austrocknet?
In Kalifornien ist der größte Wasserverbraucher die Landwirtschaft. Die landwirtschaftliche Produktion dort ist unersetzlich für die Versorgung der gesamten USA. Wenn die Produktion hier drastisch zurückgeht oder verschwindet, bringt das die Lebensmittelmärkte rund um die Welt in Schwierigkeiten. In Arizona gibt es nur noch ganz wenig Oberflächenwasser, da gibt es große Wüstengebiete. Weil es dort nur wenig Landwirtschaft gibt, sind die Grundwasserreserven noch halbwegs intakt, aber sie schwinden im Moment auch rasant. Wenn das so weitergeht, dann können Wüstenstädte wie Phoenix nicht überleben.
Diese Entwicklung war seit Jahrzehnten absehbar. Warum hat man sie nicht verhindert?
Ich glaube, die Fehler wurden von Anfang an gemacht. Man hat sich bei der Besiedelung des Westens einfach keine Gedanken über begrenzte natürliche Ressourcen gemacht. Das hat sich etwa im Wasserabkommen von 1922 widergespiegelt, der das Wasser des Colorado River unter den sieben Anrainerstaaten aufgeteilt hat. Die Verteilungsmenge basierte auf Daten einer historisch außerordentlich wasserreichen Periode. Natürlich hat sich die Zivilisation des Westens rund um diese Entscheidungen entwickelt und kann jetzt nur noch schwer rückgängig gemacht werden.
Was würden Sie tun, wenn Sie von vorne anfangen könnten?
Man würde von Anfang an die verschiedensten Wassernutzungen in die Planung einbeziehen: Wasser für die Umwelt, Wasser für die Industrie, Wasser für die Menschen, Wasser, um Lebensmittel zu produzieren, Wasser, um Energie zu produzieren. Wir müssten den Klimawandel in die Kalkulation einbeziehen, und wir müssten Oberflächenwasser und Grundwasser als zusammenhängendes System denken. Alles Dinge, die wir nicht tun. Deshalb ist die Wasserversorgung der USA ein Kartenhaus.
Sie haben die indigenen Völker der Region noch nicht erwähnt, die von der Wasserknappheit mit am schlimmsten betroffen sind.
Das ist richtig, sie wurden bei der Planung immer vergessen, und das hat sich bis heute nicht geändert. Sie tragen die größte Last von Entwicklungen wie Wasserverschmutzung und Klimawandel.
Wie lässt sich das Schlimmste in der Region noch verhindern?
Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Bundesregierung einschreitet. Die betroffenen Parteien – Stämme, Industrie, Landwirtschaft, die Staaten – können sich auf keine Lösung einigen. Aber wie wir wissen, gibt es in den USA, gerade in konservativen Regionen wie Arizona und Nevada, enorme Widerstände gegen die Einmischung des Bundes.
Ist denn die Bundesregierung mittlerweile dazu bereit, aktiv zu werden?
Ich glaube, ja. Die gegenwärtige Regierung hat den Ernst der Lage erkannt. Der Deal zur Wassereinsparung, den Präsident Joe Biden zwischen Nevada, Kalifornien und Arizona in diesem Mai eingefädelt hat, war ein wichtiger Schritt.
Was muss jetzt am dringendsten geschehen?
Die größte Gefahr jetzt ist, dass das Grundwasser so stark absinkt, dass man es nicht mehr wirtschaftlich fördern kann. Das wird massive Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung haben. Deshalb müssen wir dringend schnell die Nutzung des Grundwassers regulieren. Die Menschen verstehen noch immer nicht, dass das Grundwasser unsere wichtigste Quelle für Frischwasser ist. Deshalb wird es nicht geschützt.
Sie arbeiten ja global und wissen deshalb, dass dies kein rein US-amerikanisches Problem ist. Wo liegen die anderen Krisenzonen?
Die Liste ist lang. Die Lage im Nahen Osten ist prekär, nicht nur auf der arabischen Halbinsel sondern auch in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran, der gesamte Norden von Indien ist bedroht, die Ebenen von Nordchina, Nordwest-Australien, der Nordwesten der Sahara und sogar in Südamerika entlang des Colorado und des Rio Negro ist die Wasserversorgung bedroht.
Ein sehr alarmierendes Bild.
In der Tat.
