VonSebastian Mollschließen
Im Südwesten der USA zeichnet sich eine Katastrophe ab: Städten wie Las Vegas und Los Angeles wird in 20 Jahren das Wasser ausgehen.
USA - Der Hoover Dam, keine halbe Stunde außerhalb von Las Vegas gelegen, gehört seit Jahrzehnten zum Standardprogramm eines Besuchs im Westen der Vereinigten Staaten. Der Mega-Damm, mehr als 200 Meter hoch und 380 Meter breit, gilt als Paradebeispiel der Ingenieurskunst und des US-amerikanischen Pioniergeistes. Seine Errichtung in den 1930er Jahren sicherte mehr als 20 Millionen Menschen im Westen des Landes die Versorgung mit Wasser und Strom.
In den vergangenen Jahren ist ein Besuch am Hoover Dam jedoch zu einer beklemmenden Erfahrung geworden. Der 180 Kilometer lange Lake Mead, zu dem der Damm den Colorado River in der Hochwüste zusammenstaut, bietet einen erschreckenden Anblick. Die Kruste, die der Wasserstand über die Jahre in den Fels entlang des Seeufers gemalt halt, liegt heute bald 60 Meter höher als die Wasseroberfläche. Seinen höchsten Stand erreichte der See vor knapp 40 Jahren, anno 1983. Der einst mächtige Stausee wirkt heute wie eine leere Badewanne.
Der Lake Mead steht nur noch bei 25 Prozent seiner Kapazität und ist somit das deutlichste Zeichen dafür, dass der Colorado River, der ihn füttert, austrocknet. Die Wassermenge, die der Fluss trägt, ist im Durchschnitt um 20 Prozent zurückgegangen. Fachleute gehen davon aus, dass er bis zum Ende des Jahrhunderts nur noch die Hälfte seiner höchsten Wassermasse transportiert.
Die Staaten in den USA müssten längst Wasser sparen - tun sie aber nicht
Solche Statistiken wären für jeden Fluss tragisch. Im Fall des Colorado River hat das Austrocknen jedoch potenziell katastrophale Konsequenzen. Der gesamte Südwesten der USA ist von diesem Fluss abhängig: rund 40 Millionen Menschen. Städte wie Las Vegas, Los Angeles, Denver oder Phoenix können ohne den Colorado River nicht existieren. 29 indigene Stämme hängen von seinem Wasser ab, außerdem große Landstriche im Norden von Mexiko.
Der Südwesten – in der US-amerikanischen Vorstellung seit beinahe 200 Jahren so etwas wie ein gelobtes Land, in dem es unbegrenzte Ressourcen und unbegrenzte Möglichkeiten gibt -, droht zu einem Katastrophengebiet zu werden. Im Sommer des Jahres 2021 rief die US-Bundesregierung zum ersten Mal entlang des Colorado River einen Wassernotstand aus und zwang die Staaten Arizona und Nevada zu einer drastischen Reduzierung ihres Wasserverbrauchs. Im Jahr 2022 folgte dann ein Aufruf aus Washington an die sieben Staaten entlang des Flusses, sich darauf zu einigen, ihren Verbrauch dauerhaft um rund 40 Prozent insgesamt zu reduzieren.
Doch als reine Empfehlung blieb der Aufruf ergebnislos. Die Staaten konnten sich erwartungsgemäß auf gar nichts einigen. Und die Bundesregierung scheut bislang noch davor zurück, mehr Druck auszuüben und stärker einzuschreiten.
Die gesamte Lebensmittelversorgung der USA ist bedroht
Doch früher oder später wird der Südwesten der USA nicht an dramatischen Anpassungen vorbeikommen. „Die Staaten müssen radikal überdenken, welchen Städten sie Wachstum erlauben, welche Industrien sie unterstützen. Die gesamte Region muss von vorne anfangen, wenn sie überleben möchte“, sagt Abrahm Lustgarten, investigativer Reporter für die Stiftung Pro Publica, der sich seit vielen Jahren mit der Wasserversorgung des Westens beschäftigt. Der Weg des unbegrenzten Wachstums, den die Region in den vergangenen 100 Jahren beschritten hat, ist zur Sackgasse geworden.
Das Austrocknen des Westens ist eine Katastrophe mit Ansage. Die Region weiß seit Jahrzehnten, dass sie mit ihren Ressourcen irgendwann an ihre Grenzen stoßen wird – auch ohne den Klimawandel, der die Lage noch einmal verschärft hat. Bereits im Vertrag der sieben Colorado-River-Staaten über die Nutzung des Flusses im Jahr 1922 wurde mehr Wasser verteilt, als der Colorado trägt. Und Nutzer wie die indigenen Völker und die Regionen in Mexiko, die den Fluss brauchen, wurden von der Kalkulation vollständig ausgenommen.
Trotzdem wurde munter expandiert. Bis heute sind Las Vegas, Phoenix und Denver rasant wachsende Städte. In den vergangenen 30 Jahren ist die Bevölkerung der Region um 15 Millionen Menschen gewachsen. Vor allem jedoch siedelte sich ein großer Teil der Landwirtschaft in den sonnigen Tälern des Westens an. Das Imperial Valley von Kalifornien ist der Gemüsegarten der USA – rund zwei Drittel des nationalen Bedarfs stammt aus dem Landstrich entlang der mexikanischen Grenze. So gerät mit dem Austrocknen des Flusses nun auch die gesamte Lebensmittelversorgung der USA ins Wanken.
Die Landwirtschaft verbraucht rund 70 Prozent des Wassers der Region
Um sowohl die Region als auch die Ernährung des Landes zu retten, wären nun einschneidende Änderungen der bestehenden Praktiken notwendig. Die Landwirtschaft verbraucht rund 70 Prozent des Wassers der Region. Eine Dezentralisierung und/oder nachhaltigere Praktiken könnten viele der Probleme lösen. Doch Abrahm Lustgarten ist eher pessimistisch: „Es ist ein vertracktes Problem. Die Landwirtschaft in der bestehenden Form gehört zur Kultur und zur Identität dieser Region. Und es hängen viele Einkommen davon ab.“ Deshalb traut sich bislang die Politik nicht, das Problem wirklich im Kern anzugehen.
Als Beispiel für die Reform-Resistenz der Landwirtschaft nennt Lustgarten etwa die Priorisierung der Alfalfa-Produktion. Die Nutzpflanze Alfalfa wird vorwiegend zur Viehfütterung verwendet, ein bedeutsamer Anteil der kalifornischen Produktion wird exportiert. Doch Washington zaudert, sich mit den ausländischen Handelspartnern und der Fleischindustrie anzulegen, zumal die Rancher in Arizona und Nevada mehrfach ihre Bereitschaft demonstriert haben, sich zur Not auch militant mit dem Bund anzulegen.
Wenn nicht bald etwas geschieht, ist die Katastrophe nicht mehr abzuwenden
So hält die Bundesregierung dysfunktionale Praktiken aufrecht, anstatt einzuschreiten. Die Alfalfa- und die Fleischproduktion werden subventioniert. Gleichzeitig bezahlt man Bäuerinnen und Bauern dafür, das Wasser, das sie nicht brauchen, nicht einfach versickern zu lassen. Veraltete Regeln räumen Nutzenden wieder das Recht auf die gleiche Wassermenge ein, wenn sie im Vorjahr ihr gesamtes Kontingent verbraucht haben. Das hat im Imperial Valley zu einer Wasserverschwendung monumentalen Ausmaßes geführt.
So führt an einem harten Eingreifen der Bundesregierung, allen Widerständen zum Trotz, kein Weg vorbei, wenn die Region überleben will. „Wir brauchen eine nationale Wasserpolitik, die auf die Lebensmittel- und die Energiepolitik abgestimmt ist“, sagt Jay Famiglietti, Direktor des Globalen Instituts für Wassersicherheit an der Universität von Saskatchewan. Und dabei darf kein Augenblick mehr verschwendet werden. „Wir stehen an einem Scheideweg. Wir sind dabei, zu scheitern.“ (Sebastian Moll)
Rubriklistenbild: © afp

