Kolumne „Midtermwatch“

Sanders warnt Demokraten vor Abtreibungsrecht-Wahlkampf

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Der prominenteste US-Linke, Senator Bernie Sanders, hält die Midterm-Strategie der Demokraten für unzureichend. Das entscheidende Wahlkampfthema werde vernachlässigt.

Über Bernie Sanders, den progressiven Senator aus dem US-Bundesstaat Vermont, sagte Hillary Clinton einmal: „Niemand mag ihn.“ Dass sie und viele andere neoliberale Establishment-Demokraten für Bernie Sanders nichts übrighaben, trifft sicherlich zu. Doch laut Umfragen ist er bei den Menschen in den USA der beliebteste amtierende Politiker unter den Demokraten, dabei ist er nicht einmal einer von ihnen, sondern parteilos. Er gehört im Senat jedoch der demokratischen Fraktion an und richtete nun eine dringende Warnung an die Partei im Midterm-Wahlkampf.

Bernie Sanders, der linke Senator aus dem US-Bundesstaat Vermont

Die Midterm-Wahlen finden bereits am 8. November statt und der Wahlkampf befindet sich in der heißen Phase. Demokraten und Republikaner versuchen alles, um die jeweils andere Partei schlechtzumachen und die Wähler:innen von sich zu überzeugen. In seinem Kommentar in The Guardian schreibt Bernie Sanders, er sei darüber „alarmiert“, dass vielen Demokraten von „Establishment-Beratern und Leitern gut finanzierter Super Pacs“ dazu geraten werde, sich im Wahlkampf-Endspurt ausschließlich auf Abtreibung zu konzentrieren. Er sei anderer Meinung.

Bernie Sanders: Demokraten sollten die Wirtschaft zum Midterm-Thema machen

Obwohl das Recht auf Abtreibung ein wichtiges Thema auch im Wahlkampf sei, sollten die Demokraten den reaktionären Republikanern beim wichtigen Thema Wirtschaft nicht das Feld überlassen. Die Demokraten könnten die Midterms nicht ohne die Unterstützung der Arbeiterschaft gewinnen. Um diese zu erhalten, müssten sie dafür kämpfen, deren wirtschaftliche Situation zu verbessern. „Die Demokraten müssen sich an die Seite der Arbeiterschaft dieses Landes stellen und die Republikaner als die Schwindler entlarven, die sie sind.“

Auch wenn sich in diesem Midterm-Wahlkampf vieles immer wieder verändert hat, eine Konstante bleibt bestehen: Die beiden Topthemen sind Umfragen zufolge die Wirtschaft und die Inflation. Damit meinen die Befragten in der Regel die eigene wirtschaftliche Situation unter Einfluss der Inflation. Auch diesmal ist es wahrscheinlich, dass die Partei erfolgreicher aus den Wahlen hervorgehen wird, der die Wähler:innen mehr ökonomische Kompetenz zutrauen. Und welche Partei ist das momentan? Ausgerechnet die wirtschaftlich rechts-libertären Republikaner mit 54 zu 37 Prozent – ein Desaster für die Demokraten. Noch bei der US-Wahl 2020 lagen US-Präsident Joe Biden und der damalige Amtsinhaber Donald Trump bei dieser Frage gleichauf.

Die wirtschaftliche Situation für die Menschen in den USA ist derzeit verheerend: 56 Prozent gaben in einer Umfrage des Gallup Instituts an, dass ihnen Preissteigerungen finanzielle Schwierigkeiten bereiten. Im vergangenen Jahr sind die Krankenversicherungskosten um 28 Prozent gestiegen, die Mieten um 7 Prozent und die Lebensmittelpreise um 13 Prozent. Die Benzinpreise sind seit dem Sommer zwar etwas gesunken, liegen jedoch im Vergleich zum letzten Jahr 18 Prozent höher. Die Preise für Heizgas sind um 33 Prozent gestiegen.

Großspendern geht es finanziell hervorragend

Da sollte man annehmen, dass beide US-Parteien vornehmlich diese Probleme zum Mittelpunkt ihres Wahlkampfes machen und der Wählerschaft jeweils unterschiedliche Lösungsansätze anbieten. Doch in den USA funktioniert die Politik etwas anders, sie ist privatisiert – wie vieles andere auch. Den Großspender:innen beider Parteien, die überwiegend identisch sind, geht es, im Gegensatz zu den Wähler:innen, nämlich finanziell ausgezeichnet.

Die fünf größten Ölkonzerne – Exxon, Chevron, Shell, BP und Total – haben allein im zweiten Quartal 59 Milliarden US-Dollar Gewinn gemacht. Die weltweit im Lebensmittel- und Agrarsektor tätigen Milliardäre haben in den letzten zwei Jahren ihr kollektives Vermögen um 382 Milliarden Dollar (45 Prozent) erhöhen können. Die drei größten Pharmakonzerne der USA – Pfizer, Johnson & Johnson und AbbVie – haben ihre Gewinne im vergangenen Jahr um 90 Prozent auf 54 Milliarden Dollar gesteigert. Die sechs größten US-Krankenversicherungsunternehmen haben 2021 über 60 Milliarden Dollar Gewinn gemacht.

Zwischenwahlen USA: Die zehn spannendsten Duelle im Senat

John Fetterman von den Demokraten
Der linke Demokrat John Fetterman ist amtierender Vizegouverneur von Pennsylvania und tritt dort gegen den republikanischen Trump-Schützling Mehmet Oz an. Kurz vor den demokratischen Vorwahlen im Mai erlitt Fetterman einen Schlaganfall, von dem er sich noch immer erholt.  © Kriston Jae Bethel/afp
Mehemt Oz aus Pennsylvania
Der Republikaner Mehmet Oz wird im Wahlkampf in Pennsylvania um den Sitz im US-Senat von Ex-Präsident Donald Trump unterstützt. Der Kardiologe und ehemalige TV-Arzt geriet in die Kritik, weil er in seiner Sendung, „The Dr. Oz Show“, pseudowissenschaftliche und alternativmedizinische Ansichten verbreitete. © Ed Jones/AFP
Mandela Barnes
Der progressive Demokrat Mandela Barnes ist Vizegouverneur von Wisconsin und will den amtierenden republikanischen Senator, Ron Johnson, ablösen. Barnes setzt sich insbesondere für Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte ein. Seine Kandidatur wird von den prominenten US-Linken Bernie Sanders, Alexandria Ocasio-Cortez und Elizabeth Warren offiziell unterstützt. © Scott Olson/AFP
Ron Johnson von den Republikanern
Der MAGA-Republikaner Ron Johnson ist der amtierende Senator von Wisconsin und rechtsextrem. Er will die staatliche Kranken- und Rentenversicherung privatisieren. Den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 bezeichnete er als „überwiegend friedlich“, es sei kein bewaffneter Aufstand gewesen. © Mark Hertzberg/Imago
Raphael Warnock von den Demokraten
Raphael Warnock ist Senator des Swing States Georgia. Er wird herausgefordert von dem Trump-Protegé Herschel Walker. Warnock ist Pastor der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, in der einst der bekannte Bürgerrechtsaktivist Martin Luther King Jr. predigte. Warnock ist der erste Schwarze, der den Südstaat Georgia im US-Senat vertritt. © Anna Moneymaker/AFP
Herschel Walker von den Republikanern
Der Ex-American-Football-Spieler und Republikaner Herschel Walker tritt in Georgia gegen den demokratischen Senator Raphael Warnock an. Seine Kandidatur wird von Donald Trump unterstützt. Walker fällt immer wieder durch vergangene Skandale auf. Der erklärte Abtreibungsgegner soll eine Ex-Freundin zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt und dafür bezahlt haben. © Megan Varner/AFP
Catherine Cortez Masto von den Demokraten
In Nevada wackelt der Senatssitz der demokratischen Amtsinhaberin Catherine Cortez Masto. Ihr Herausforderer ist der von Donald Trump unterstütze Republikaner und Wahlleugner Adam Laxalt. Cortez Masto macht sich im Wahlkampf insbesondere für das Recht auf Abtreibung stark. Bevor sie Senatorin wurde, war sie Navadas Generalstaatsanwältin. © Kevin Dietsch/AFP
Republikaner Adam Laxalt, Kandidat für den Senat
Der Republikaner Adam Laxalt fordert in Nevada die demokratische Amtsinhaberin Catherine Cortez Masto heraus. Laxalt wird von Donald Trump unterstützt und ist demzufolge Wahlleugner. Der ehemalige Generalstaatsanwalt von Nevada konzentriert sich auf die Themen Inflation und „Law and Order“. © Bridget Bennett/AFP
Tim Ryan aus Ohio
Demokrat Tim Ryan kämpft in Ohio mit dem Republikaner J. D. Vance um den frei werdenden Senatssitz. Ryan ist Abgeordneter im Repräsentantenhaus und war 2019 Präsidentschaftskandidat der Demokraten, doch schied vorzeitig aus dem Rennen aus. © Jerry Mennenga/Imago
JD Vance kandidiert für die Republikaner
J. D. Vance kandidiert auf republikanischer Seite in Ohio gegen den Demokraten Tim Ryan für den Senat. Vance ist Risikokapitalgeber und Autor des autobiografischen Bestsellers „Hillbilly Elegie“. Er sicherte sich die republikanische Nominierung im Vorwahlkampf durch rechtsextreme Positionen und die Unterstützung von Donald Trump. © Jeff Swensen/AFP
Marco Rubio kandidiert für die Republikaner
In Florida sieht sich der amtierende republikanische Senator Marco Rubio seiner demokratischen Herausforderin Val Demings gegenüber. Donald Trump verpasste Rubio, der 2016 als dessen Kontrahent in den republikanischen Präsidentschaftsvorwahlen antrat, den hämischen Spitznamen „little Marco“ (kleiner Marco). © Anna Moneymaker/AFP
Val Demings kandidiert für die Demokraten
Die Demokratin Val Demings fordert in Florida den amtierenden republikanischen Senator Marco Rubio heraus. Sie ist die ehemalige Polizeichefin von Orlando und konnte bereits republikanische Attacken abwehren, die darauf abzielten, sie als zu lax in puncto Strafverfolgung darzustellen. © Joe Readle/AFP
Ted Budd kandidiert für die Republikaner
In North Carolina tritt der Republikaner Ted Budd gegen die Demokratin Cheri Beasley an. Der von Trump unterstützte rechtsextreme Abgeordnete Budd ist Wahlleugner und Inhaber eines Schusswaffengeschäfts. © Seth Herald/AFP
Cheri Beasly kandidiert für die Demokraten
Die Demokratin Cheri Beasley kämpft in North Carolina mit dem Trump-Republikaner Ted Budd um den Sitz im Senat. Beasley ist ehemalige Richterin am Supreme Court des Bundesstaates North Carolina und befürwortet das Recht auf Abtreibung. © Sean Rayford/AFP
Mark Kelly kandidiert für die Demokraten
In Arizona wird der demokratische Amtsinhaber Mark Kelly vom Trump-Schützling und rechtsextremen Republikaner Blake Masters herausgefordert. Kelly ist ehemaliger Astronaut und Ehemann der ehemaligen Abgeordneten Gabby Giffords, der bei einer Veranstaltung in den Kopf geschossen wurde und die überlebte. Demzufolge setzt sich Kelly für strengere Schusswaffengesetze ein. © Kevin Dietsch/AFP
Blake Masters kandidiert für die Republikaner
Der rechtsextreme Republikaner Blake Masters fordert in Arizona den demokratischen Amtsinhaber Mark Kelly heraus. Masters ist ein Schützling Donald Trumps und sprach sich im Vorwahlkampf nicht nur gegen Abtreibungen, sondern auch gegen Empfängnisverhütung aus. Er ist auch Anhänger des rechten, rassistischen Verschwörungsmythos vom „Großen Austausch“. © Brandon Bell/afp
Maggie Hassan kandidiert für die Demokraten
Die Demokratin Maggie Hassan ist die Amtsinhaberin des Senatssitzes für New Hampshire. Sie wird von dem Republikaner Don Bolduc herausgefordert. Hassan konzentriert sich im Wahlkampf auf den Schutz des Rechts auf Abtreibung. Sie war bereits Gouverneurin von New Hampshire. © Scott Eisen/AFP
Don Bolduc kandidiert für die Republikaner
Der Republikaner Don Bolduc fordert in New Hampshire die demokratische Amtsinhaberin Maggie Hassan heraus. Bolduc lobte die höchst umstrittene Anti-Abtreibungsentscheidung des Supreme Courts. Der pensionierte Brigadegeneral ist ein rechtsextremer Kandidat, doch er wird nicht von Donald Trump unterstützt. © Scott Eisen/AFP
Michael Bennet kandidiert für die Demokraten
In Colorado wird der demokratische Amtsinhaber Michael Bennet von dem Republikaner Joe O’Dea herausgefordert. Bennet hat sich während seiner Amtszeit auf die Ausweitung der Steuergutschrift für Kinder konzentriert. Er macht auch Wahlkampf mit den Mitteln aus dem Infrastrukturpaket, die seinem Bundesstaat zuerkannt wurden. © POOL

Da diese Konzerne die Wahlkämpfe der meisten US-Politiker:innen mit hohen Spenden direkt oder indirekt finanzieren, sind es deren Interessen, die gegenüber denen der Wählerschaft überwiegen. Womit wird diese also im Wahlkampf abgespeist, was soll ihre Emotionen in Wallung versetzen und sie demzufolge an die Wahlurnen beziehungsweise -maschinen treiben? Bei den Demokraten ist es das Recht auf Abtreibung, die Republikaner setzen auf Kriminalität. Also nicht die ihres Paten Donald Trump, sondern die gestiegene Kriminalitätsrate im Land.

Demokraten machen Wahlkampf mit Abtreibungsrecht, Republikaner mit Kriminalität

Diese Erkenntnis stammt von Kyle Kondik, einem US-Wahlexperten, der sich die Mühe gemacht hat, annähernd 350 Wahlwerbespots anzusehen und auszuwerten. Den einzelnen Kandidat:innen geht es darin insbesondere darum, ihre Kontrahent:innen zu diffamieren und als möglichst toxisch darzustellen. Die Demokraten schüren die – berechtigten – Ängste ihrer Wählerschaft vor einem landesweiten Abtreibungsverbot durch die Republikaner. Diese hingegen wollen ihre Anhänger:innen in Schrecken versetzen, dass „linksradikale, Soft-on-Crime-Demokraten Kriminelle auf unsere Straßen lassen“.

Ob diese Botschaften letztlich verfangen und in mehr Wählerstimmen resultieren werden, ist unklar. Allerdings haben die letzten Wochen gezeigt, dass die republikanischen Kandidaten in besonders umkämpften Senatsrennen aufholen konnten. In Pennsylvania laufen zugunsten des Republikaners Mehmet Oz, der von Donald Trump unterstützt wird, Wahlwerbespots, die seinem demokratischen Gegner John Fetterman als Vizegouverneur zu viele Begnadigungen von Gefängnisinsassen vorwerfen. Derzeit liegt Fetterman in den Umfragen noch immer vor Oz, doch sein Vorsprung hat sich verkleinert.

In Wisconsin tritt aufseiten der Demokraten ebenfalls ein Progressiver an: Mandela Barnes. Von Mitte August bis Ende September lag Barnes vor dem republikanischen Amtsinhaber Ron Johnson, einem Rechtsextremen. Dann strömte „großes Geld“ vonseiten der Republikaner in den Wahlkampf – Mandela Barnes akzeptiert hingegen nur Kleinspenden. In Wahlwerbespots wird der 35-jährige schwarze Vizegouverneur mit teilweise rassistisch konnotierten Diffamierungen überzogen. Ferner wird ihm angekreidet, dass er sich dafür aussprach, Polizeibudgets zu kürzen und gegen Masseninhaftierung vorzugehen. Inzwischen liegt Ron Johnson in den Umfragen vor Mandela Barnes.

Was will die US-Wählerschaft wirklich?

Was könnten die Demokraten in den letzten rund drei Wochen tun, um sich im Wahlkampf besser zu positionieren? Vielleicht auf die bisherigen Errungenschaften seit Joe Bidens Amtsantritt im Januar 2021 verweisen? Laut dem Meinungsforscher und progressiven Wahlstrategen Stanley Greenberg wäre dies keine empfehlenswerte Strategie. Seiner Erhebung zufolge sind die wichtigsten Wahlkampfthemen Lebenshaltungskosten, Löhne und unternehmerische Gier.

Die Demokraten müssen, so Greenberg, den Wähler:innen einen Grund geben, für sie zu stimmen, indem sie ihnen im Falle eines Wahlsieges finanzielle Unterstützung zusagen. Gleichzeitig sollten sie darauf verweisen, dass die Republikaner Extremisten seien und nicht daran interessiert, ihnen zu helfen. Zwei Drittel der Befragten finden, dass sich die USA auf dem falschen Weg befinden und es würde den Demokraten schaden, wenn diese ihre vermeintlichen Errungenschaften und die angeblich gute Wirtschaftslage anpriesen.

Um die Hilfszahlungen zu finanzieren, sollten die gewinnträchtigen Konzerne stärker besteuert werden. Damit schlägt Stanley Greenberg in die gleiche Kerbe wie Bernie Sanders. Es wäre zu hoffen, dass die Demokraten kurz vor der Wahl eine entsprechende Kurskorrektur vornehmen, aber Zweifel sind angebracht. Denn in Washington mag man weder Bernie Sanders noch progressive Politik – diese entspricht nicht den Vorstellungen der Großspender:innen. (Johanna Soll)

Rubriklistenbild: © Michael Brochstein/Imago

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