„Weltweit“ eingreifen: Mit diesem neuen Hightech-Flugzeugträger will China den USA Paroli bieten
VonSven Hauberg
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China steht kurz davor, seinen dritten Flugzeugträger in Dienst zu nehmen. Technologisch ist das Schiff auf Augenhöhe mit den USA – zumindest theoretisch.
Der Stolz der chinesischen Marine ist 316 Meter lang, 75 Meter breit, hat eine Verdrängung von mindestens 80.000 Tonnen und heißt „Fujian“: Der hochmoderne Flugzeugträger ist das wohl eindrucksvollste Zeichen der militärischen Stärke der Volksrepublik, nach umfangreichen Tests könnte er schon bald in Dienst gestellt werden. „Der Tag, auf den wir alle gespannt warten, rückt immer näher“, sagte Ende September ein Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums.
Die Volksrepublik hat dann drei einsatzfähige Flugzeugträger, deutlich weniger zwar als die USA. Aber der Abstand zwischen den beiden militärischen Großmächten schwindet zusehends. „Chinas Aufrüstung hat in den letzten zehn, 15 Jahren wesentlich schnellere Fortschritte erzielt, als die meisten Beobachter für möglich gehalten hätten“, sagte Sarah Kirchberger, Direktorin des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. „Die USA betrachten Chinas Militär inzwischen als ‚peer competitor‘, also eine gleichrangige Herausforderung.“
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Die „Fujian“ zeigt exemplarisch, wie weit Chinas Militärtechnologie bereits ist. Der Flugzeugträger ist erst der zweite weltweit mit einem sogenannten elektromagnetischen Flugzeugkatapult (EMALS). Die Technologie, die ansonsten nur die USA beherrschen, macht es möglich, deutlich schwerere Flugzeuge starten zu lassen als mit herkömmlichen Dampfkatapulten, wie sie seit Jahrzehnten im Einsatz sind. Flugzeuge können somit auch schwerer bewaffnet werden oder mehr Treibstoff tanken – ihre Reichweite wächst, die Schlagkraft des Flugzeugträgers steigt.
Ende September zeigte das chinesische Staatsfernsehen die Technologie erstmals im Einsatz. In einem martialisch anmutenden Videoclip war zu sehen, wie der Tarnkappenjet J-35, das Kampfflugzeug J-15T sowie das Frühwarnflugzeug KJ-600 vom Deck der „Fujian“ starten. Von einem „erstaunlichen Sprung nach vorne“ schrieb anerkennend das US-Fachmedium The War Zone.
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In der Praxis müsse sich das System allerdings erst noch beweisen, sagt der Militärexperte Sheu Jyh-Shyang vom taiwanischen Institute for National Defense and Security Research (INDSR). „Man weiß noch nicht, ob das System so gut ist wie das amerikanische“, das auf der „USS Gerald R. Ford“ im Einsatz ist, sagte Sheu unserer Redaktion. Das EMALS-System benötige zudem sehr viel Energie, und anders als die „Gerald R. Ford“ verfüge die „Fujian“ nicht über einen Atomreaktor, sondern lediglich über einen konventionellen Antrieb. Die „Fujian“ hat also nicht nur eine geringere Reichweite, sondern auch weniger Energie zum Betreiben des EMALS-Systems.
Anders als die ersten beiden chinesischen Flugzeugträger, die aus Sowjetzeiten stammende „Liaoning“ und die nach russischem Vorbild gebaute „Shandong“, wurde die „Fujian“ vollständig in China entwickelt. Und das innerhalb des selbst gesetzten Zeitraums – während die US-Navy immer wieder mit Verzögerungen zu kämpfen hat. So verschiebt sich die Auslieferung der neuesten US-Flugzeugträger, der „USS Kennedy“ und der „USS Enterprise“, von 2022 auf 2027 beziehungsweise von 2028 auf die frühen 2030er-Jahre. Beide Schiffe werden allerdings über einen Atomantrieb verfügen, was den Bau deutlich komplizierter macht als den von Schiffen mit herkömmlichem Antrieb.
Die „Fujian“ war im Juni 2022 vom Stapel gelaufen und wird seitdem umfangreichen Tests unterzogen. „Die Probefahrten der ‚Fujian‘ sind sehr gut vorangekommen, und es wird erwartet, dass sie noch in diesem Jahr in Dienst gestellt wird“, erklärte das chinesische Staatsfernsehen im Juni dieses Jahres. Wenig später schickte Peking die „Fujian“ auf eine Testfahrt durch die Taiwanstraße, die Meeresenge, die Taiwan und die Volksrepublik China trennt. Die chinesische Marine sprach damals von einem „Routinevorgang“, der sich „nicht gegen ein bestimmtes Ziel“ richte. Dennoch war die Durchfahrt ein brisantes Signal, denn Peking betrachtet das demokratisch regierte Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets und droht mit der Eroberung des Inselstaats. Im Kriegsfall käme der „Fujian“ möglicherweise die Rolle zu, Verbündeten Taiwans, etwa den USA, den Zugang zu dem Inselstaat zu verwehren oder ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken, sagt INDSR-Analyst Sheu.
Neuer Flugzeugträger soll „Chinas Status als Großmacht unterstreichen“
Auch ein Einsatz im Südchinesischen Meer sei denkbar, wo China mit anderen Anrainerstaaten wie den Philippinen seit Jahren über Dutzende Inselchen und Atolle streitet. Immer wieder kommt es dort zu Zusammenstößen. Eine rein defensive Rolle werde die „Fujian“ jedenfalls nicht spielen, glaubt Sheu, dazu seien Flugzeugträger generell nicht geeignet. „Die ‚Fujian‘ ist ein wichtiges politisches Symbol, sie soll Chinas Status als Großmacht unterstreichen“, so der Analyst. China gehe es mit seinen bald drei Flugzeugträgern darum, „weltweit intervenieren“ und militärische Ziele durchsetzen zu können.
Derweil arbeitet China offenbar bereits an einem vierten Flugzeugträger, Codename „Typ 004“. Offiziell bestätigt hat Peking den Bau des Schiffes zwar nicht, Experten gehen aber davon aus, dass „Typ 004“ derzeit in einer Werft im nordchinesischen Dalian zusammengeschweißt wird. Auf aktuellen Satellitenaufnahmen könne man erkennen, dass der Bau des Schiffes Fortschritte mache, berichtete unlängst die South China Morning Post. „Typ 004“ wäre nicht nur der zweite vollständig in China entwickelte Flugzeugträger – Experten gehen auch davon aus, dass das Schiff erstmals über einen Atomreaktor verfügen könnte. China wäre dann nach den USA und Frankreich das dritte Land mit einem nuklear angetriebenen Flugzeugträger. (Quellen: Sheu Jyh-Shyang, Sarah Kirchberger, South China Morning Post, chinesisches Verteidigungsministerium, The War Zone)