US-Wahlkampf

J.D. Vance ist der wandelbare Trump-Jünger

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Hat „America first“ zu seinem Lebensmotto gemacht: J.D. Vance. dpa
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Mit J.D. Vance wählt Trump einen ultrarechten Hardliner als Vize. Der hat den Ex-Präsidenten und erneuten Kandidaten einst kritisiert, und verteidigt ihn nun vehement.

Fast 20 Jahre alt ist der Country-Song, der durch die Halle von Milwaukee schallt, als J.D. Vance seinen großen Auftritt hat. Er klingt wie ein Vorbote für den Sound der „Make America Great Again“-Republikaner unter Donald Trump. „Unsere Autobahnen und Brücken brechen zusammen“, säuselt Merle Haggard in dem Lied vor sich hin, während Vance am Montagabend (Ortszeit) seiner Nominierung als Trumps Vize entgegenstolziert, und weiter: „Es gibt überall auf der Welt etwas zu tun, aber lasst uns zuerst Amerika wieder aufbauen.“

Dass das Lied „America First“ jetzt läuft, ist kein Zufall: Vance hat sich ganz dieser Geisteshaltung und Trump als ihrem glühendstem Prediger hingegeben. „Für J.D. Vance ist ‚America first‘ nicht nur ein Slogan“, ruft ein Mitstreiter an dessen Seite wenig später in die Halle, „es ist sein Nordstern. Er hat ihn in jedem Moment seines Lebens und seiner Karriere befolgt.“

Steiler Aufstieg von Vance zum Trump-Vize

Der steile Aufstieg des 39-Jährigen Senators, der ihn nun ins zweithöchste Amt der Weltmacht führen könnte, nutzt Trump daher als personifizierte Symbolik für sein Heilsversprechen für das Land. Vance hat seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen im abgeschlagenen mittleren Westen mit dem Bestseller „Hillbilly-Elegie“ (samt Netflix-Verfilmung) massenwirksam erzählt. „Ich bin ein kultureller Außenseiter, ich komme nicht aus der Elite“, hat er einmal gesagt. Genau auf dieser vermeintlichen Hinwendung zu den Abgehängten fußt Trumps Popularität. Über die Marines mit einem Einsatz als Armee-Berichterstatter in Irak schaffte es Vance an die renommierte Yale Law School, später in die lukrative Finanzwelt und 2022 als Senator für Ohio in die Spitzenpolitik.

Viele Stationen sind das. Vance hat seinen Kurs – Nordstern hin oder her – also oft geändert. Diese Flexibilität zeigt sich auch in einer Stelle aus seinem Buch: „Soziale Mobilität hat nicht nur mit Geld und Wirtschaft zu tun“ schreibt er da lapidar, „sondern auch mit einem veränderten Lebensstil. Die Reichen und Mächtigen sind nicht nur reich und mächtig, sie folgen auch anderen Normen und Sitten.“ Bewunderung ist da herauszulesen.

Auch sein Blick auf den Milliardär Trump, von dem er einst fürchtete, er könnte „Amerikas Hitler“ werden, hat sich geändert. Die Demokraten attackieren Vance jetzt mit einem Zusammenschnitt seiner Trump-Kritik von früher, als er sich einen „Never-Trumper“ nannte.

Nach dem Attentat

Nach dem versuchten Mordanschlag auf Ex-Präsident Donald Trump wird der Secret Service weiter massiv kritisiert. Die Sicherheitsagentur für Amtsträger:innen und Kandierende hat Kooperation bei unabhängigen Untersuchungen zugesichert. Präsident Biden, die Agentur selbst und der Senat haben Überprüfungen des Vorfalls angeordnet. Die Direktorin des Sicherheitsdienstes, Kimberly Cheatle, sagte, der Secret Service arbeite mit den Beteiligten auf allen Ebenen zusammen, „um zu verstehen, was passiert ist, wie es passiert ist und wie wir verhindern können, dass sich ein solcher Vorfall jemals wieder ereignet“.

Die Chefin des Secret Service kündigte an, dass die Sicherheit für Trump bei dem am Montag begonnenen Parteitag der Republikaner in Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin nochmals erhöht werde. Auch US-Heimatschutzminister Alejandro Mayorkas sieht nach dem Attentat in den USA eine verschärfte Bedrohungslage. „Wir befinden uns in einer erhöhten und sehr dynamischen Bedrohungslage“, sagte Mayorkas bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus.

Das Gebäude , von dem aus der 20-jährige Thomas Matthew Crooks auf Trump geschossen und einen Menschen im Publikum getötet hat, ist nicht dem engeren Sicherheitskorridor zugeordnet. Das ist einer der Kritikpunkte. Nach dem Attentat waren zudem Telefonmitschnitte aufgetaucht, in denen Menschen versuchten, die Sicherheitskräfte vor dem Schützen zu warnen. Die „Washington Post“ berichtete nach der Auswertung von Videos, dass die Schüsse auf Trump 86 Sekunden nach den ersten hörbaren Warnungen an die Polizei fielen. Der Attentäter war Menschen im Publikum als verdächtig aufgefallen. Nachdem er auf Trump geschossen hatte, wurde der Attentäter von Secret Service-Bediensteten getötet.

Welches Motiv der Täter hatte, ist weiter unklar. Ermittlungsbehörden haben Mobiltelefon, Fahrzeug und Wohnung von Thomas Matthew Crooks durchsucht. Das habe aber keinen weiteren Aufschluss über die Beweggründe gegeben, erklärte das FBI.

Unterstützung für Trump kommt von dem Milliardär Elon Musk, der dem „Wall Street Journal“ zufolge jeden Monat 45 Millionen Dollar an einen Wahlkampf-Fonds spenden will, der Trump mit Wählerregistrierung und Aufrufen zu vorzeitiger Stimmabgabe in sogenannten Swing States unterstützen soll. Politische Aktions-Komitees (PAC) erlauben Spenden in quasi unbegrenzter Höhe. FR/dpa/afp

Diese Ablehnung hatte er übrigens mit Merle Haggard, dem Country-Sänger von „America First“ gemein. Vor seinem Tod 2016 sagte der dem „Rolling Stone“ über Trump: „Er ist kein Politiker. Ich glaube nicht, dass er versteht, wie die Dinge in Washington funktionieren, das macht mir Sorgen.“ Vance scheint das so egal zu sein wie seine eigenen Warnungen von einst.

Vance-Kurs voll auf Trumpismus

Vance machte ohne Zögern Joe Biden für das Attentat auf Trump verantwortlich: Der US-Präsident verteufle seinen Rivalen als „autoritären Faschist, der um jeden Preis gestoppt werden muss“. Vance hat sich vom Paulus zum Saulus gewandelt und ist so zum wichtigsten Trump-Jünger aufgestiegen.

Er ist für eine protektionistische Handelspolitik und gegen US-Hilfen für die Ukraine. Beim Abtreibungsrecht hat er sein Vorbild sogar rechts überholt: Vance tritt für ein rigoroses Verbot ein, sogar in Fällen von Vergewaltigung und Inzest. Trump geht mit der Wahl seines „running mate“ in Richtung Trumpismus All-in: keine Frau, kein Mitglied einer Minderheit, keine gemäßigte Figur – kein Angebot für Wechselwähler:innen. Vance steht für die MAGA-Fraktion, die die Grand Old Party gekapert hat. Er ist ein Mini-Trump: Ähnlich groß wie das 1,90-Meter-Original, mit 39 Jahren aber nur halb so alt.

Er war mit Abstand der jüngste der Kandidaten für die Vize-Rolle. Seit Jahrzehnten war keiner in der Position mehr so jung. In einem Wahlkampf, in dem Alter zum entscheidenden Faktor wird, soll er an der Seite des 78-jährigen Ex-Präsidenten auch vergessen machen, dass der nur drei Jahre jünger ist als Joe Biden. (mit afp)

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