„Amerikas Hitler“: J. D. Vance stand nicht immer hinter Trump – wofür der Vize-Kandidat steht
VonLukas Rogalla
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Vor wenigen Jahren sprach sich J. D. Vance noch gegen Donald Trump als US-Präsident aus. Nun wird er als „Erbe“ Trumps gehandelt. Wie kam es dazu?
Washington, D.C. – Auf dem Parteitag der Republikaner hat Donald Trump ganz offiziell J. D. Vance als seinen „Running Mate“ bei der US-Wahl vorgestellt. Erst seit 2023 vertritt er als Senator im Kongress seinen Heimatbundesstaat Ohio, machte dort in den vergangenen anderthalb Jahren aber mächtig Lärm als Anhänger des rechten Flügels der Republikaner.
Trump, der selbst vom politischen Außenseiter zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde, hat sich mit Vance also einen Vize ausgesucht, der ihm zumindest in dieser Rolle ähnelt. Dabei hatte Vance lange Zeit überhaupt nichts für Trump übrig – zumindest vor Beginn seiner politischen Karriere.
J. D. Vance war vor Jahren noch Trump-Gegner – und soll ihn mit Hitler verglichen haben
Vance selbst gehört zu den wendigsten der nicht wenigen Wendehälse unter den Trump-Loyalisten im Kongress. Es ist erst ein paar Jahre her, dass er voller Abscheu über Trump redete: „Mein Gott, was für ein Idiot“, twitterte Vance 2016 über den späteren Präsidenten. Er sprach von sich selbst als „Never Trumper“ und schrieb in einem Meinungsstück in der New York Times, dass „Herr Trump für das höchste Amt unseres Landes ungeeignet“ sei. Er sei ein „kulturelles Heroin“, ein „neues Schmerzmittel“, schrieb er zudem in einem Gastbeitrag für The Atlantic.
Sogar mit Adolf Hitler verglich er den Rechtspopulisten einmal. „Ich schwanke zwischen der Ansicht, dass Trump ein zynisches Arschloch wie Nixon ist, das nicht so schlimm wäre (und vielleicht sogar nützlich), oder dass er Amerikas Hitler ist“, schrieb er laut Reuters 2016 privat an einen Bekannten auf Facebook. Der Mann namens Josh McLaurin machte den Screenshot Jahre später publik. „Die Öffentlichkeit verdient es, das Ausmaß der Unaufrichtigkeit dieses Mannes zu erfahren“, schrieb McLaurin, der heute für die Demokraten im Repräsentantenhaus im Bundesstaat Georgia sitzt.
J. D. Vance stammt aus ärmlichen Verhältnissen – ganz im Gegensatz zu Trump
Jahre später sieht alles ganz anders aus. In einem Porträt der New York Times wird Vance bereits als potenzieller „Erbe“ Trumps gehandelt. „Trump wird so lange am MAGA-Stab festhalten, wie er nur kann“, sagte Chip Saltsman, ein langjähriger republikanischer Stratege, der Zeitung. Doch Vance habe einen Vorsprung in der Frage, wer in die Fußstapfen des mittlerweile 78-jährigen Trumps treten kann. Dieser könnte nur noch vier weitere Jahre als US-Präsident regieren. Auf dem Parteitag hat es viel Applaus für Vance gegeben.
Trump und Vance sind in komplett unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen. Trump ist in eine wohlhabende Familie in New York City hineingeboren. Er war Immobilienhändler, Reality-TV-Star – und erst ganz spät Politiker. Dekadenz ist bis heute eines seiner Markenzeichen. Vance hingegen stammt aus einer Arbeiterfamilie. Er wuchs in Ohio in instabilen Verhältnissen auf und verbrachte große Teile seiner Kindheit bei den Großeltern. Nach dem Schulabschluss ging er zum Militär, diente im Zuge dessen auch im Irak. Im Anschluss begann Vance, der immer wieder den Stellenwert von Bildung betont, seine akademische Laufbahn – er beendete sie als Jurist mit Abschlusszeugnis von der Eliteuniversität Yale.
Später war er im Finanzsektor tätig und begann dort, über seine eigenen Wurzeln und die Herausforderungen der weißen Arbeiterklasse zu reflektieren, aus der er stammt. Diese Eindrücke flossen in seine Memoiren „Hillbilly-Elegie“ ein, mit denen er 2016 Erfolge feierte. Der Bestseller, der 2020 verfilmt wurde, erzählt von einer Schicht, die damals Trumps Wahlsieg mit möglich machte.
Name
James David „J. D.“ Vance
Geboren
2. August 1984
Geburtsort
Middletown, Ohio
Ehepartnerin
Usha Chilukuri Vance (verh. 2014)
Geschwister
Lindsay Ratliff
Ein republikanischer Hardliner: Trump wählt J. D. Vance als möglichen Vize
In die Politik stieg Vance aber erst 2021 so wirklich ein und kandidierte ein Jahr später für den US-Senat. Im parteiinternen Vorwahlkampf warf Vance dann auch seine alten Bedenken über Bord und sicherte sich Trumps Unterstützung – und somit schließlich auch den Sieg über die parteiinterne Konkurrenz. „Trump ist der beste Präsident, den ich je erlebt habe. Er hat wie kein anderer die Korruption in den USA aufgedeckt“, zitiert ihn die Tagesschau. Ein plötzlicher Sinneswandel.
Seinen Erfolg bei der Wahl um den Senatsposten dürfte Vance allerdings nicht nur seiner politischen Botschaft, sondern auch äußerst spendablen Geldgebern zu verdanken haben, die er aus seiner Zeit an der Westküste kennt. Darunter ist der Paypal-Gründer Peter Thiel, der Millionen für den Wahlkampf bereitstellte. So oder so: Für einen politischen Neueinsteiger ist ein Senatsposten ein beachtlicher Karrierestart.
Vance hat seine persönliche Beziehung zu Trump nach Angaben eines Insiders hauptsächlich während der republikanischen Vorwahlen aufgebaut, berichtet Reuters. Er unterstützte Trump bereits im Januar 2023 – vor vielen anderen Parteigrößen. Das sei als wichtiger Loyalitätsbeweis aufgefasst worden.
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Nominierung J. D. Vances zeigt: Republikaner um Trump stürzen sich auf Arbeiterklasse der Swing States
J. D. Vance ist aus innenpolitischer Sicht ein Abtreibungsgegner. Der Republikaner hat sich gegen die Festschreibung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch per Gesetz oder den bundesweiten Zugang zu Verhütungsmitteln gestellt. Auch bei anderen gesellschaftlichen Themen orientiert er sich weitgehend am rechten Flügel der Partei. Vance fordert eine Einwanderung nach Leistungsprinzip und die Fertigstellung von Trumps Grenzmauer. Er sagte außerdem einst: „Ich bin skeptisch gegenüber der Vorstellung, dass der Klimawandel allein durch den Menschen verursacht wird.“
Schon in der Ankündigung, dass Vance sein Vize wird, machte Trump klar, worin er die Aufgaben des jungen Senators sieht. Vance werde sich im Wahlkampf unter anderem auf Arbeiter und Farmer in umkämpften Bundesstaaten wie Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Ohio, Minnesota konzentrieren, schrieb er. Diese sogenannten Swing States sind weder fest in der Hand der Demokraten noch der Republikaner – und sind damit wahlentscheidend. Trump dürfte sich von Vance also versprechen, dass er Wählerinnen und Wähler aus der weißen Arbeiterschicht Amerikas anzieht. Ähnlichkeiten mit Trump zeigt Vance heute vor allem bei seiner scharfen Rhetorik.
Vance-Rede auf Parteitag der Republikaner erwartet
Vance vertritt einige Ideen, die mit denen Trumps übereinstimmen. So hatte er etwa die Entlassung „aller Beamten im Verwaltungsapparat“ gefordert, um sie durch „unsere Leute“ zu ersetzen. Nach dem Attentat auf Trump machte er Präsident Joe Biden und Demokraten verantwortlich, deren Rhetorik „direkt zu Präsident Trumps versuchter Ermordung führte“. Zudem gilt Vance als einer der stärksten Verfechter des Isolationismus in seiner Partei. Damit soll insbesondere der US-amerikanischen Industrie geholfen werden. Wenn Trump erneut ins Weiße Haus einzieht, werde man „einen viel aggressiveren Ansatz zum Schutz der heimischen Hersteller sehen“, sagte Vance Politico im Mai.
Wofür J. D. Vance im US-Wahlkampf und möglicherweise als Vizepräsident stehen will, hat er aber bisher nicht direkt verraten. Seine Rede beim Republikaner-Parteitag in Milwaukee wird in der deutschen Nacht zu Donnerstag erwartet. (lrg/dpa/afp)