Union fürchtet „Vielehe“: Ampel kündigt „Verantwortungsgemeinschaft“ an – wem sie nützen soll
VonFlorian Naumann
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Nach zwei Jahren ist es so weit: Marco Buschmann will die „Verantwortungsgemeinschaft“ vorstellen – an wen sich das Ampel-Konzept richtet.
Berlin – Politische Gemeinsamkeiten sind bei der Ampel-Koalition rar – diese immerhin lag aber auf der Hand: Schon im Koalitionsvertrag kündigten SPD, Grüne und FDP die „Verantwortungsgemeinschaft“ an. Eine Möglichkeit, außerhalb klassischer Ehestrukturen füreinander einzustehen.
Nun soll tatsächlich Schwung in die Angelegenheit kommen. Die Eckpunkte für die Reform seien bereits fertig, „im nächsten Jahr könnte das Gesetz in Kraft treten“, sagte Justizminister Marco Buschmann den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vom Sonntag (4. Februar). Auch erste Details stellte der FDP-Politiker vor. Die Union warnt bereits vor unnötigen Mehrkosten.
Wem nützt die Ampel-Verantwortungsgemeinschaft? Buschmann liefert Beispiel
„Ich glaube, es gibt einen Bedarf für die Verantwortungsgemeinschaft“, betonte indes Buschmann. „Wir haben immer mehr Alleinerziehende, wir haben immer mehr alleinstehende Ältere“, erklärte er. Konkret richtet sich das neue Modell diesen Angaben zufolge an Gemeinschaften von zwei bis sechs Personen – die zum Beispiel zusammen wohnen und sich auch im Notfall helfen wollen. Es werde „vieles einfacher“ machen, versprach Buschmann.
Als Anwendungsfälle nannte er das Auskunftsrecht gegenüber Ärzten und andere „Vertretungsfragen“. Als konkretes Beispiel präsentierte der Minister zwei alleinstehende ältere Damen, die zusammen in einer WG leben: „Sie sind kein Paar, sie wollen nicht heiraten.“
Wer die Verantwortungsgemeinschaft eingehe, gebe einem sozialen Verhältnis eine Struktur und einen positiven Namen, erläuterte Buschmann. „Ich denke, das ist attraktiv – gerade für Menschen, die sich mit heiklen Fragen wie der Vertretung im Fall von Krankheit oder Pflegebedürftigkeit eigentlich lieber nicht beschäftigen.“
Keine „Ehe light“: CDU fürchtet mit „Verantwortungsgemeinschaft“ dennoch die „Vielehe“
Buschmann betonte aber auch, es handle sich nicht um eine „Ehe light“. Die Verantwortungsgemeinschaft werde etwa keine Auswirkungen auf das Eltern-Kind-Verhältnis haben, es werde auch keine Steuererleichterungen geben, auch keine erbrechtlichen Folgen oder Unterhaltspflichten. Wer wolle, könne allerdings den Vermögensausgleich nach Beendigung einer Verantwortungsgemeinschaft regeln.
Der Hinweis dürfte sich an Verfechter des mehr oder minder „heiligen“ Bundes der Ehe gerichtet haben. Aus der Union kam dennoch umgehend eine Warnung in dieser Richtung. Der CDU-Rechtsexperte Günter Krings warnte vor der Einführung einer Vielehe durch die Hintertür. „Niemand wird kontrollieren können, welcher Art die Verbindung zwischen den Menschen in einer solchen Verantwortungsgemeinschaft ist“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Was, wenn der Staat am Ende auch Verbindungen anerkennt, die unsere Rechtsordnung bisher mit Recht strikt ablehnt? Das könnte zum Beispiel die Vielehe sein.“
„Bausteine“ in Buschmanns Plänen wohl am Montag klar: Union sieht Mehrkosten – oder auch nicht
Krings‘ Parteifreundin Silvia Breher erhob einen pragmatischeren Einwand: Sie warnte vor Mehrkosten. „Vorsorgevollmachten kann man sich schon jetzt kostenlos im Internet herunterladen, ein Gang zum Notar ist nur in Ausnahmefällen notwendig“, sagte die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion der AFP. „Bei der Verantwortungsgemeinschaft ist der Gang zum Notar nun die Regel – mit den entsprechenden Kosten.“ Auch Krings verwies auf seit Jahrzehnten erprobte Vertragstexte, meinte aber, der Gang zum Notar sei weiterhin nötig.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Weitere Details zu den Ampel-Plänen sollen am Montag publik werden: Dann will Buschmann seine Pläne der Öffentlichkeit vorstellen. Am Sonntag blieben einige Feinheiten noch im Vagen. Die Rede war von verschiedenen vertraglichen Bausteinen, die zu individuellen Modellen zusammengestellt werden können sollen.
Buschmann liegt offenbar gerade noch so im eigenen Zeitplan: Anfang 2022 hatte er eine Familienrechtsreform für Mitte der Wahlperiode angekündigt - die „größte der letzten Jahrzehnte“. (fn/AFP)