Schwindende Moral

Statt gegen Ukraine zu kämpfen: Russische Soldaten lassen sich wohl absichtlich verletzen

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Kritische Worte von Angehörigen russischer Soldaten finden in Russland nur selten Gehör. Nun hat sich eine Bewegung gegründet, die die Demobilisierung fordert.

Moskau – Auch wenn Kritik am Krieg in der Ukraine in der russischen Öffentlichkeit nicht häufig zum Thema wird, werden immer wieder vereinzelt Informationen laut, die die schlechte Moral in Russlands Truppen zum Inhalt haben oder in denen kritisiert wird, wie Russlands Soldaten an der Front behandelt werden. So gab es in der Vergangenheit etwa immer wieder Videos von Soldaten, deren ganze Einheit mit Fahnenflucht droht, auch deren Angehörige richten sich immer wieder an die Öffentlichkeit.

So auch im jüngste Fall in einem Bericht in dem russischen Online-Medium Govorit NeMoskva, in dem die Ehefrau eines Soldaten zu Protokoll gibt, dass sich Kämpfer an der Front absichtlich verletzten lassen, um nicht länger im Krieg gegen die Ukraine kämpfen zu müssen. Demnach streckten einige Soldaten aktuell absichtlich „die Hände aus dem Schützengraben, um verletzt zu werden und sich erholen zu können“. Den Bericht in der russischen Zeitung griffen zuletzt etwa auch die Moscow Times sowie das Wirtschaftsmagazin Business Insider auf.

Beim Versuch weiteren Kriegseinsätzen zu entgehen, werden wohl immer wieder russische Einsatzkräfte in den eigenen Schützengräben verletzt. (Symbolfoto)

Kritik an Russlands Militär: Bewegung aus Angehörigen fordert Demobilisierung

In seinem Bericht zitiert das kremlkritische russische Medium die Darstellung einer anonymen Russin, deren Ehemann im Rahmen der Mobilisierung im September 2022 zum Kriegsdienst einberufen wurde, ab Oktober 2022 an einem unzureichenden Training teilnahm und seit Januar in der Ukraine ist. Dem 35-Jährigen, der im anonymisierten Text Maxim genannt wird, sei bei seiner Rekrutierung gesagt worden, dass sein Einsatz drei oder vier Monate, maximal ein halbes Jahr dauern würde.

Weil er entgegen der Versprechungen noch immer im Einsatz ist und seit seiner Einziehung zum Militär erst einmal, im Oktober 2023, für zwei Wochen im Fronturlaub war, engagiert sich seine Frau inzwischen in einer Bewegung, die sich für die Demobilisierung der russischen Streitkräfte ausspricht. Ihr Mann leide an chronischen Krankheiten und posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch Bekannte, die sie bereits aus Kindheitstagen kennt, klagten von der Lage an der Front und ertränkten ihre freien Tage im Fronturlaub in Alkohol.

Russische Soldaten im Ukraine-Krieg: Erschöpfung führt zu Fehlern und Leichtsinn

Aus Gesprächen mit Soldaten will die Frau auch erfahren haben, dass die Soldaten an der Front so erschöpft seien, dass sie etwa Fehler machten und etwa auf die eigenen Leute schießen oder leichtsinnig würden und leichtfertig Verletzungen in Kauf nähmen, um endlich nach Hause zu kommen. So wisse sie etwa von Soldaten, die bewusst „ihre Hände aus dem Schützengraben strecken, um verletzt zu werden und sich ausruhen zu können“. Den Sinn hinter dem Ukraine-Krieg erkennen ihrer Erzählung nach die meisten bis heute nicht, auch wenn sie in der Heimat als Helden betrachtet werden.

Nach aktuellen Medienrecherchen in Russland sind nach fast zwei Jahren Ukraine-Krieg inzwischen mindestens 35.000 russische Kämpfer gefallen. Etliche weitere sind durch schwere Verletzungen nicht mehr in der Lage zu kämpfen. Viele Gruppierungen von Angehörigen fordern seit Längerem ein Ende des Kriegs, zahlreiche Kriegskritiker wurden bereits von russischen Gerichten verurteilt. (saka)

Rubriklistenbild: © Konstantin Mihalchevskiy/imago.images.de

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