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Die Risiken einer israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen sind groß. Dennoch verdichten sich die Anzeichen, dass der Einmarsch unmittelbar bevorsteht.
Tel Aviv – Nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober lässt die Reaktion einer kolportierten Bodenoffensive im Krieg Israels gegen die Terrororganisation weiter auf sich warten. Israels Präsident hatte bereits jüngst die Luftangriffe im Gazastreifen nur als „Anfang“ bezeichnet und die Ankündigung gemacht, dass „wir die Hamas zerstören werden“.
Bodenoffensive im Israel-Krieg gegen die Hamas ist im Gazastreifen „unausweichlich“
Auch der ehemalige Außenminister Israels, Jossi Bellin, sieht eine Bodenoffensive im Gazastreifen als Reaktion auf den Krieg in Israel, als „einzige Möglichkeit, die wir jetzt haben, um die Hamas-Führung zu stoppen und zu ersetzen.“ Darüber hinaus fügte er im Interview mit dem ZDF an. „Ich meine, ich war die ganzen Jahre gegen eine Bodenoffensive wegen des Preises für beide Seiten. Ich habe keine bessere Antwort und weiß, dass es eine Antwort gegeben werden muss.“
Der wohl weltweit führende Experte für Häuserkämpfe, John Spencer, glaubt ebenso an eine Bodenoffensive in Gaza: „Es wird eine Antwort auf den Angriff der Hamas geben; eine Operation, die sicherstellen soll, dass sich so etwas nie wiederholt“, so der ehemalige US-Major im Gespräch mit Spiegel.
Gaza-Offensive im Israel-Krieg gegen die Hamas: „Koordination unglaublich schwierig“
Ein erster möglicher Zeitpunkt einer Bodenoffensive im Israel-Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen wurde zunächst verschoben – aufgrund des Wetters. Dieses hätte den Einsatz von Drohnen und die Effektivität der Luftwaffe eingeschränkt. Doch das könnte nicht der einzige Faktor gewesen sein. „Vor ein paar Tagen herrschte für die Israelis noch ‚Frieden‘ und innerhalb kürzester Zeit planen sie eine der größten Militäroperationen, die Israel jemals durchführen würde“, erklärte der britische Militärexperte Sean Bell bei Sky News.
„Israel spricht von einem Einsatz in der Luft, am Boden und übers Wasser. Die Koordination ist unglaublich schwierig“, so Bell weiter. „Die Mobilisierung von 300.000 Reservisten, die Ausrüstung, die Waffen und die Logistik zu klären“, gleicht einer Herkulesaufgabe.
Gaza-Offensive gegen die Hamas steht offenbar unmittelbar bevor: „Befehl wird kommen“
Inzwischen verdichten sich allerdings die Anzeichen, dass die Bodenoffensive unmittelbar bevorstehen könnte. Satellitenbilder, die New York Times am Donnerstag veröffentlicht hat, sollen Panzer- und Truppenbewegungen unweit des Grenzübergangs Erez, dem nördlichen Hauptzugangspunkt zum Gazastreifen, zeigen.
Die Rhetorik von Israels Spitzenpolitikern lässt ebenso darauf schließen. „Ihr seht Gaza jetzt aus der Ferne, ihr werdet es bald von innen sehen“, sagte Verteidigungsminister Yoav Gallant bei einem Truppenbesuch in der Nähe des Gazastreifens. „Der Befehl wird kommen.“ Bei einem separaten Besuch richtete auch Israels Präsident Benjamin Netanjahu einen Appell an die Soldaten, „wie Löwen zu kämpfen“.
Gefahren der Gaza-Bodenoffensive im Israel-Krieg: Menschliche Schutzschilde und Hamas-Geiseln
Während die logistischen Vorbereitungen möglicherweise abgeschlossen sein könnten, birgt eine Bodenoffensive im Gazastreifen dennoch viele weitere Risiken. Bei den möglichen Straßen- und Häuserkämpfen könnte es so nicht nur zu hohen Verlusten in den eigenen Reihen, sondern auch unter der Zivilbevölkerung der Palästinenser kommen.
„Die menschlichen Schutzschilde und die Geiseln machen das Vorgehen sehr schwierig. Ihr Schicksal hat starken Einfluss darauf, wie die internationale Gemeinschaft auf die Operation blickt“, schätzt Spencer weitere aktuelle Herausforderung für Israels Bodenoffensive bei Spiegel ein.
Risiken für Israels Bodenoffensive im Gazastreifen: Urbane Lage ein Problem im Kampf gegen die Hamas
Die Gefahren auf der politischen Ebene könnten dem Kalkül der Hamas bei einer israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen in die Hände spielen. Die Ziele der Terrororganisation könnten genau darauf abzielen, dass Israel den Rückhalt der internationalen Gemeinschaft verliert und das Vorgehen des israelischen Militärs für ihre Propaganda instrumentalisiert, um so möglicherweise weitere Unterstützung beispielsweise von der Hisbollah oder direkt aus dem Iran zu erhalten.
Unabhängig davon lassen sich die militärischen Risiken einer solch großangelegten Operation kaum quantifizieren. Nach Einschätzung des Militärexperten Carlo Masala bereite vor allem die urbane Lage im Gazastreifen dem israelischen Militär Kopfzerbrechen. „Damit drohen den israelischen Streitkräften im Prinzip dreidimensionale Gefahren: von oben, von vorne, von hinten und auch von unten, aus den Tunnelsystemen, aus der Kanalisation“, so Masala im ZDF-Morgenmagazin. Zudem müssten Zivilisten geschützt werden. „Das ist alles extrem schwierig und herausfordernd.“
Häuserkampf in Israels Gaza-Offensive: Hamas wird Guerillataktiken anwenden
Auch Spencer verdeutlicht die militärischen Schwierigkeiten einer Bodenoffensive im Gazastreifen bei Spiegel noch einmal: „Die Hamas wird nicht nur alle möglichen Guerillataktiken einsetzen, Killertrupps mit Panzerfäusten, Maschinengewehre, Autobomben und Ähnliches. Sie verfügt auch über Tunnel und andere mit Beton befestigte unterirdische Räume, und das in einem Umfang, wie wir es bisher wohl noch nicht gesehen haben“, erklärt der Militärexperte.
„Das wird ein Kampf Block um Block, Haus um Haus, Tunnel um Tunnel. Es wird Hunderte kleine Schlachten geben“, so Spencer weiter. „Die Hamas soll offenbar als Ganzes vernichtet werden, die Raketen, die Tunnel, die Führung. Das bedeutet: viel mehr Zerstörung, viel mehr Tote, viel mehr Zeit.“
Bodenoffensive im Israel-Krieg: „Teuflische“ Hinterhalte im Häuserkampf in Gaza
Der ehemalige US-Kommandeur der Truppen im Irak, David Petraeus, weist ebenfalls auf die Herausforderungen einer Bodenoffensive hin. „Es gibt Hochhäuser, nicht nur mehrstöckige Wohnungen oder Häuser. Sie wissen, dass sie wahrscheinlich jedes Gebäude, jede Etage, jeden Raum, jeden Keller räumen müssen“, erläuterte der Ex-CIA-Direktor im Interview mit der britischen The Times. Im Gespräch mit Politico zeichnete er sogar noch düsteres Szenario und sagte, dass sich die Bodenoffensive zu einem „Mogadischu auf Steroiden“ entwickeln könnte.
Die Hamas hat mit ihrer Kenntnis des Terrains und dem Tunnelsystem im Gazastreifen einen großen taktischen Vorteil, auch wenn Israel über Möglichkeit verfügt, mit Bunkerbrechern die Tunnel aus der Luft zu zerstören, wird sie nicht in der Lage sein, alle durch dieses Vorgehen zu erwischen. Die Terror-Gruppe „hatte Monate Zeit, sich darauf vorzubereiten“, betont Petraeus.
Eskalation des Israel-Kriegs: Bodenoffensive in Gaza könnte zu einem „Flächenbrand“ im Nahen Osten führen
Die Gefahren, dass sich die Bodenoffensive für Israel zu einem Desaster entwickeln könnte, sind mannigfaltig. Und laut Bell sei der Gazastreifen „ein gefährliches Schlachtfeld, das kein Ort für unerfahrene Soldaten ist“. Hinzu kommen die möglichen geopolitischen Auswirkungen, die eine solche Militäroperation auf die gesamte Region des Nahen Ostens haben könnten.
Neben dem Schicksal der Geiseln, der möglichen hohen Verluste und der Sorge über einen Flächenbrand stellt sich bei einer Eroberung des Gazastreifens die Frage, was danach passiert? Israel werde wohl kaum daran gelegen sein, als Besatzungsmacht aufzutreten und die eigenen Soldaten als dauerhafte Zielscheiben im Gazastreifen patrouillieren zu lassen. Auch deshalb fehlt es Masala fehlt es bei Israels Vorgehen gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen bislang an einem klar formulierten politischen Ziel.
Bei erfolgreicher Bodenoffensive im Israel-Krieg: Was passiert danach mit dem Gazastreifen?
„Eigentlich ist Militär dazu da, politische Ziele zu verfolgen“, sagte Masala im ZDF-„Morgenmagazin“. „Wir haben aber momentan nur ein erklärtes militärisches Ziel.“ Dieses Ziel sei die politische und militärische Auslöschung der Hamas. Es stelle sich die Frage, was mit Gaza passiere, wenn dieser Plan erfüllt sei. „Dazu gibt es noch keine Äußerung.“
Aufgrund all dieser Faktoren hält sich wohl auch Israel beim genauen Zeitpunkt der Bodenoffensive in Gaza noch bedeckt. Für Experten und ehemalige Politiker stellt sich hingegen nicht die Frage eins Ob, sondern vielmehr eines Wann.
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