- VonBettina Menzelschließen
Awdijiwka einzunehmen, ist ein wichtiges politisches Ziel Putins. Doch die russischen Vorstöße scheiterten zuletzt immer wieder. Drohnenvideos zeigen schwere Verluste.
Awdijiwka – Im Ukraine-Krieg dauern die heftigen Kämpfe Süden und Osten des Landes weiter an. Allein am Sonntag habe es mehr als 60 Angriffe gegeben, unter anderem in den Frontabschnitten Awdijiwka und Marjinka, so der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte am Sonntagabend (22. Oktober) auf Facebook. Die Stadt Awdijiwka ist bereits seit Beginn des Ukraine-Konfliktes im Jahr 2014 im Fokus, seit Mitte Oktober hat Russland seine Anstrengungen dort erneut verstärkt. Doch die Verluste auf russischer Seite sind groß.
Bodenoffensive der Ukraine: Neun russische Panzer auf einen Schlag zerstört
Awdijiwka sei bisher ein großes Hindernis, um die Kontrolle über das teils von Moskau besetzte Gebiet Donezk zu übernehmen, hieß es in einer Analyse des britischen Verteidigungsministeriums am vergangenen Dienstag. Zuletzt sei ein größerer Vorstoß Russlands gescheitert und die Streitkräfte hätten erneut schwere Verluste erlitten, fasste die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) die Lage in einem Bericht am Sonntag zusammen. Das Gebiet rund um Awdijiwka ist laut Kriegsreportern vor Ort recht weitläufig und bietet wenig Deckung für große Militäreinheiten. Entsprechend leicht lassen sich die angreifenden russischen Einheiten offenbar von ukrainischen Überwachungsdrohnen entdecken.
Am Sonntag wollte Russland im Morgengrauen in der Region Donezk einen Überraschungsangriff auf die ukrainischen Stellungen ausführen, wie das Kommando der Luftlandetruppen der ukrainischen Streitkräfte berichtete. „Um den Effekt einer völligen Überraschung zu erzielen, verwendete der Feind Rauch“, so der Bericht des Kommandos am Sonntag auf Facebook. Doch der Vormarsch sei rechtzeitig von der Ukraine entdeckt worden, sodass die Artillerie der Fallschirmjäger Gegenwehr leisten konnte. Dazu teilte das Militär ein Video, das die ukrainischen Gegenschläge zeigen soll.
Die Panzerabwehrtruppe der Brigade habe in das Gefecht eingegriffen, sobald sich die russischen Streitkräfte auf die erforderliche Distanz genähert hätten. Dann habe die Ukraine „mit präzisem Feuer aus Panzerabwehrraketensystemen“ geschossen. Auch Drohnen und andere unbemannte Fluggeräte seien zum Einsatz gekommen. Dadurch sei es gelungen, neun gepanzerte Kampffahrzeuge Russlands zu zerstören, berichteten die Militärs weiter. Es soll sich dabei um fünf Panzer und vier Schützenpanzer des Typs BMP handeln, so der Bericht. Auch über zwanzig russische Infanteristen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig verifizieren.
Minenfelder im Ukraine-Krieg: Russlands Truppen geraten bei Awdijiwka in Schwierigkeiten
Ukrainische Drohnen und andere Präzisionswaffen würden die gepanzerten Fahrzeuge Russlands zunehmend verwundbar machen, wodurch Bodenangriffe immer schwieriger würden, hieß es vonseiten eines russischen Militärbloggers. Zudem hätten die russischen Streitkräfte bei Awdijiwka Schwierigkeiten, die ukrainischen Minenfelder zu überwinden, so der russische Militärexperte weiter.
Deutlich wird dies etwa in einem Drohnenvideo von einem russischen Angriffsversuch, der am vergangenen Freitag stattgefunden haben soll. Die Fahrspuren der russischen Panzer sind in dem mit Reif bedeckten Gelände gut zu sehen. Voran fährt ein Minenräumfahrzeug, im „Entenmarsch“ dahinter mindestens 14 Kampffahrzeuge.
Just spectacular
— 🇺🇦Ukraine Resists Russian Genocide... Yeah Again (@ArmedMaidan) October 23, 2023
“One of the greatest destructions of Russian columns filmed from start to finish”
Avdiivka: “The assault begins. A Russian column of armored vehicles advances across a field covered with frost. Everything is according to science: there is a mine trawl ahead…… pic.twitter.com/1cpe4YrYOc
Drohnenvideo von russischem Angriff: Mindestens die Hälfte der Kampffahrzeuge außer Gefecht
Dann folgt der ukrainische Gegenschlag: Zunächst treffen Geschosse das dritte Fahrzeug in der Reihe, dieses war aber weiterhin manövrierfähig. Im Anschluss zerstört ein Treffer ein weiteres Fahrzeug, das daraufhin stehenbleibt. Es entsteht ein Stau, die hinteren Panzer können weder vor noch zurück. Denn ein Ausweichen ist aufgrund des Minenfeldes ohne vorausfahrendes Räumfahrzeug nicht möglich.
Wenige Momente nach Beginn des ukrainischen Gegenschlags kehrt das russische Minenfahrzeug um. Die festgesetzten Fahrzeuge versuchen indes an Ort und Stelle zu wenden, ohne auf die Minen aufzufahren. Insgesamt zerstörten oder beschädigten ukrainische Truppen laut Kyiv Post bei diesem Gegenschlag mindestens die Hälfte der russischen Kampffahrzeuge und Panzer.
Die Situation um Awdijiwka entwickelt sich dynamisch. Der Erfolg Moskaus in der Region hängt auch davon ab, ob die Truppen aus ihren militärischen Fehlern die richtigen Konsequenzen ziehen. „Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die russischen Streitkräfte über die Fähigkeiten und die Flexibilität verfügen, sich in gewisser Weise anzupassen“, so die ISW-Kriegsexperten. Trotz schwerer Verluste verlegt Russland offenbar weiterhin Personal in Richtung Awdijiwka. „Die operative Lage im Osten und Süden der Ukraine bleibt schwierig“, räumte der ukrainische Generalstab am Sonntag ein.