Die Türkei könnte in Zukunft trotz politischer Spannungen ein wichtiger Verteidigungspartner werden. Breuer hat nun staatliche Rüstungskonzerne besucht.
Ankara – Die Türkei rüstet unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan in den letzten Jahren massiv auf. Dabei legt das Nato-Land den Fokus nicht etwa auf Einkäufe aus dem Ausland, sondern auf einen möglichst hohen Anteil an Eigenproduktion. Der staatliche Rüstungskonzern Aselsan spielt zusammen mit weiteren Rüstungsfirmen eine zentrale Rolle. Generalinspekteur Carsten Breuer hat nun die Aselsan-Zentrale in Ankara besucht.
Generalinspekteur Breuer in der Türkei: Besuch beim Rüstungskonzern Aselsan
Der Geschäftsführer von Aselsan, Ahmet Akyol, informierte im Kurznachrichtendienst X über den Besuch von Breuer am Dienstag (15. April). „Wir freuen uns, den deutschen Generalinspekteur, General Carsten Breuer, bei Aselsan empfangen zu dürfen“, schrieb der Chef des Konzerns.
Man habe Breuer über „unsere Projekte im Bereich der Verteidigungstechnologien informiert, die für die internationale Zusammenarbeit offen sind“. Weiter hieß es von Akyol: „Als Aselsan werden wir durch die Entwicklung bahnbrechender Technologien weiterhin zur Sicherheit auf globaler Ebene beitragen.“
In einem Beitrag auf Instagram schrieb Breuer selbst über seine Reise: „Sehr gute militärpolitische Gespräche in Ankara.“ Die Türkei sei „ein wichtiger strategischer Partner innerhalb der Nato, Nachbar der EU, hat Einfluss im Nahen Osten und bemüht sich um Vermittlung zur Beendigung von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine“. In einem „vertrauensvollen Austausch“ mit dem türkischen Generalstabschef Metin Gürak haben sich die beiden Generäle demnach über die aktuelle Lage in Syrien, die Sicherheit im Schwarzen Meer und „bilaterale militärische Kooperation“ ausgetauscht.
Almanya Genelkurmay Başkanı Orgeneral Carsten Breuer’i ASELSAN’da ağırlamaktan memnuniyet duyduk.
Kendilerine savunma teknolojilerindeki uluslararası iş birliğine açık projelerimiz hakkında bilgi verdik.
Breuers Besuch beschränkte sich nicht nur auf den Konzern Aselsan, der wichtige elektronische Systeme für das türkische Militär bereitstellt. Danaben besuchte er auch den staatlichen Luft- und Raumfahrtkonzern Tusas, der neben dutzenden Drohnen auch die Produktion des türkischen Kampfjets der fünften Generation, KAAN, übernimmt. Breuer besichtigte gemeinsam mit Vertretern von Tusas wie etwa Geschäftsführer Mehmet Demiroglu den Prototypen des Kampfflugzeuges.
Später sagte Demiroglu türkischen Medien zufolge über Breuers Besuch: „Wir haben ein ausführliches Gespräch über den aktuellen Stand unserer Rüstungsindustrie und die strategische Bedeutung der heimischen Produktion geführt. Es war ein produktives Treffen, bei dem wir über den Erfolg unserer Produkte gesprochen haben, die ein Symbol unserer Ingenieursleistung sind.“
Trump kehrt der EU den Rücken zu: Suche nach neuen Partnern bei Verteidigung
Der Besuch von Breuer in der Türkei erfolgt zu einer heiklen Zeit. US-Präsident Donald Trumps Unberechenbarkeit und außenpolitische Kehrtwenden auch mit Blick auf die Verteidigung Europas etwa gegen Russland und Kreml-Chef Wladimir Putin sorgen für ein Umdenken bei europäischen Ländern. Viele wollen die Abhängigkeit von den USA vor allem bei Verteidigungsfragen abbauen. Daher will Europa aufrüsten, um mehr Verantwortung für die eigene Verteidigung übernehmen zu können.
An dieser Stelle kommt die Türkei, die die zweitgrößte Armee der Nato nach den USA stellt, als möglicher Kooperationspartner infrage. Denn das Land setzt auf Unabhängigkeit bei Aufrüstung und produziert daher unzählige Land-, Luft- und Seesysteme – nicht nur für die eigene Nutzung, sondern auch für den Export. Die Bayraktar TB2-Drohnen des Herstellers Baykar etwa wurden wegen ihres guten Preis-Leistungsverhältnisses bereits an dutzende Länder verkauft – auch an den Nato-Verbündeten Polen und die Ukraine.
Generalinspekteur Breuer in der Türkei: Gespräche mit Rüstungskonzernen und mit Amtskollege
Gegenüber Merkur.de von IPPEN.MEDIA kommentierte der türkische Verteidigungsexperte und Chefredakteur des Verteidigungsmagazins SavunmaSanayiST, Anil Sahin, den Besuch von Breuer in der Türkei. Es handle sich um eines der „hochrangigsten Besuche der deutschen Verteidigungs- und Sicherheitsbürokratie in der Türkei in den letzten sechs bis zehn Jahren“. Sahin verwies dabei auf das Embargo gegen die Türkei bei Rüstungsgütern innerhalb dieses Zeitraums.
„Natürlich sind sowohl der Zeitpunkt als auch die Route des Besuchs von General Breuer kein Zufall“, sagte Sahin. Bereits mit dem Ukraine-Krieg habe sich die EU dazu entschlossen, „ihre Verteidigungs- und Sicherheitsinfrastruktur zu modernisieren“. Wegen Trump wolle man diese Bemühungen jetzt noch schlagkräftiger durchzuführen. Allerdings: Die Waffenbestände seien weitgehend leer und die EU wolle sich bei der Modernisierung von den USA fernhalten. „Das macht die Einbeziehung verschiedener Akteure erforderlich“, erklärte der Experte.
„Kampferprobte Produkte“: Generalinspekteur Breuer besucht türkische Hauptstadt Ankara
Die Türkei habe „dank seiner Produkte mit kampferprobtem Status einen wichtigen Platz auf dem Exportmarkt erlangt“. Sahin verwies auf die militärische Beteiligung der Türkei bei Konflikten in Syrien, Bergkarabach und Libyen sowie auf die Produktion von Drohnen, Artillerie gemeinsam mit zugehöriger Munition. „Darüber hinaus herrscht in der türkischen Verteidigungs-, Luft- und Raumfahrtindustrie, die 100.000 Menschen beschäftigt, im Zuge der durchgeführten Schulungsprogramme kein Mangel an neuem Personal“, so Sahin. Demnach führt all das dazu, dass europäische Länder nun mit der Türkei zusammenarbeiten wollen.
Die türkische Rüstungsindustrie kann zwar einen sehr hohen Anteil an Eigenproduktion nachweisen. Allerdings ist sie bei mehreren Projekten weiter auf Technologie aus dem Ausland angewiesen. Bei Motoren etwa laufen in der Türkei eigene Projekte, doch bis dahin benötigen Panzer wie ALTAY und Haubitzen wie FIRTINA Motoren und weitere Teile aus Deutschland. Dass Berlin nicht liefert, sorgte bislang für Spannungen.
Sahin zufolge könnte sich das bald ändern. Deutschland sei „dazu geneigt, dieses Embargo aufzuheben.“ Das Rüstungspaket im Wert von 336 Millionen Euro, über das der Spiegel berichtet hatte, sei ein Indiz dafür. Im vergangenen Jahr wurde außerdem auch bekannt, dass die Rüstungsexporte in die Türkei auf dem höchsten Stand seit 2006 angelangt sind. Für Sahin deuten die aktuellen Entwicklungen daraufhin, „dass die türkische Verteidigungs-, Luft- und Raumfahrtindustrie nun in die EU einbezogen wird“. Ein solches Beispiel ist die „European Sky Shield Initiative“, in die auch die Türkei aufgenommen wurde.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten
Türkei als wichtiger EU-Partner und Nato-Verbündeter: Politische Lage sorgt für Spannungen
Fest steht, dass die EU und Türkei angesichts der Weltlage nach Wegen suchen werden, näher aneinander heranzurücken. Im Koalitionsvertrag der Union und SPD wird die Türkei als ein „wichtiger strategischer Partner innerhalb der Nato, Nachbar der EU und einflussreicher Akteur im Nahen Osten, mit dem wir von der Sicherheitspolitik bis zur Migration gemeinsam geopolitischen Herausforderungen begegnen wollen“, charakterisiert.
Weiter heißt es: „Eine grundlegende Verbesserung der demokratischen, rechtsstaatlichen und menschenrechtlichen Situation ist für uns ein zentrales Element.“ Die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu von der Oppositionspartei CHP etwa hat zuletzt für Spannungen gesorgt. Europäische Politiker äußerten laute Kritik an der Regierung von Präsident Erdogan – allerdings verbunden mit Aussagen, die die Türkei dennoch als kritischen Partner beschreiben. (bb)