Viele Ukraine-Geflüchtete wollen nicht mehr zurück: Ein Experte erklärt Lösungswege
VonFlorian Naumann
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Studien zufolge wollen viele Geflüchtete aus der Ukraine wollen nicht mehr zurückkehren, das Ausmaß des Problems könnte sich bei Kriegsende zeigen.
Migration wird oft abstrakt diskutiert, doch dahinter stehen Menschen. Ein schon öfter zu erlebender Irrtum ist, dass Menschen kommen, einige Jahre bleiben und dann zurückkehren. Diese Annahme galt auch in Deutschland, als man „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ einlud.
In vielen Ländern ist die Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine zeitlich begrenzt. Dänemark beispielsweise hat im Ukraine-Krieg die Aufenthaltserlaubnisse vorerst bis April 2026 verlängert. Eine aktuelle Umfrage zeigt jedoch, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer in Dänemark bleiben möchten – selbst wenn die Situation in ihrer Heimat wieder sicher ist. Viele von ihnen haben zudem „Angst, zurückgeschickt zu werden“.
Eduard Klein von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen warnt auf Anfrage der Frankfurter Rundschau angesichts solcher Zahlen bereits vor einem „Desaster“ für die Ukraine. Denn andere, größer angelegte Umfragen bestätigen dieses Bild. Paradoxerweise könnte sich das Problem mit einem Kriegsende noch verschärfen.
Studie aus Dänemark: Viele Ukrainer wollen nun bleiben – „Wahrscheinlich auf andere Länder übertragbar“
Die Universität Kopenhagen und die Rockwool Foundation haben die neue Studie Anfang dieser Woche veröffentlicht. Basis ist ein Fragebogen, der an alle bis Juli 2024 in Dänemark angekommenen erwachsenen Geflüchteten versendet wurde. Rund 40.000 Ukrainerinnen und Ukrainer haben nach offiziellen Zahl in Dänemark Aufnahme gefunden. 8318 Antworten kamen zurück. Die Studienmacher bezeichnen die Daten als „Momentaufnahme“.
Das Ergebnis zeigt, dass 69 Prozent der Befragten in Dänemark bleiben möchten, „auch wenn der Krieg keine Bedrohung mehr darstellt“. 42 Prozent empfinden die „Angst, zurückgeschickt zu werden“, als „schwerwiegendes“ oder „ziemlich großes“ Problem. Im Frühjahr 2023 wollten noch „nur“ 50 Prozent in Dänemark bleiben. Die an der Studie beteiligte Forscherin Mette Foged sagt: „Wir halten diese Ergebnisse für wahrscheinlich übertragbar auf andere Länder Europas.“
Neue Migrationsbewegung aus der Ukraine bei Kriegs-Ende? „Hunderttausende Ehemänner“
Ukraine-Experte Klein bestätigt diese Einschätzung. Er verweist auf weitere Umfragen unter ukrainischen Geflüchteten im Ausland. Die Zahlen variierten leicht, zeigen aber denselben Trend: Je länger der Krieg andauert und je besser die Geflüchteten im Ausland Fuß fassen, desto geringer werde die Rückkehrbereitschaft. In einer Umfrage des Center for Economic Strategy gaben im November 2022 noch 50 Prozent der befragten Ukrainerinnen und Ukrainer an, definitiv zurückzukehren. Zuletzt waren es nur noch 20 Prozent – „Tendenz weiter sinkend“, so Klein.
Die Studie der Universität Kopenhagen zeigt, dass gerade Menschen ohne Familienangehörige in der Ukraine in Dänemark bleiben wollen. Unter ihnen sind es 73 Prozent. Das Problem könnte jedoch noch größer werden. Rund die Hälfte der Geflüchteten aus der Ukraine seien Kinder (29 Prozent) und Frauen (21 Prozent), erklärt Klein. „Bei einem Kriegsende ist zu befürchten, dass Hunderttausende Ehemänner nachkommen, die in ähnlichem Alter sind“, sagt er. Dadurch könnte die Ukraine einen erheblichen Teil ihrer produktiven Bevölkerung und der Kinder verlieren. Derzeit dürfen wehrfähige Männer die Ukraine nicht verlassen.
„Es wäre somit nicht nur ein demografisches Desaster, auf das die Ukraine zusteuert, sondern auch ein wirtschaftliches – wer soll die zerstörte Infrastruktur, die Städte wiederaufbauen und die Wirtschaft wieder ankurbeln?“, fragt Klein. Laut der dänischen Studie sind es vor allem die Älteren, die in die Ukraine zurückkehren möchten. Unter ihnen sind es weiterhin mehr als 50 Prozent.
Ukraine-Geflüchtete und die Rückkehr: Experte sieht große Herausforderung – was helfen könnte
Klein betont, dass die ukrainische und die europäische Politik vor einer großen Herausforderung stehen. Die Rückkehr müsse attraktiv sein. „Als erstes und wichtigstes brauchen die Menschen Sicherheit und Planbarkeit, das heißt wirklich ein Ende der Kampfhandlungen und einen gerechten Frieden“, erläutert er. „Zweitens benötigen sie ein Dach über dem Kopf sowie eine wirtschaftliche und damit finanzielle Perspektive – also Jobs in der freien Wirtschaft, beim Wiederaufbau, im Staatswesen.“
Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU
Hinzu komme, dass viele Geflüchtete in ihren Aufnahmeländern höhere Standards in Sachen Korruptionsbekämpfung, Rechtsstaatlichkeit oder Demokratie kennengelernt hätten. Auch hier habe die Ukraine also Maßnahmen nötig – die auch im Zuge des möglichen EU-Beitritts umsetzbar wären. Und zu guter Letzt gebe es eine „Vielzahl kleinerer und daher schneller umsetzbarer“ Punkte: Anerkennung von ausländischen Abschlüssen, doppelte Staatsbürgerschaft oder effizientere Dienstleistungen.
Flucht vor dem Ukraine-Krieg: Viele wollen im neuen Land bleiben – „Desaströse Entwicklung“ droht
Glücken solche Bemühungen nicht, könne die Bevölkerungszahl der Ukraine bis 2035 auf nur noch 31 Millionen Menschen sinken, warnt Klein. Um das Jahr 2000 lebten noch etwa 50 Millionen Menschen im Land. Das wäre „eine desaströse Entwicklung mit dramatischen Konsequenzen für die Zukunft des Landes“, sagt der Experte der Uni Bremen.