VonJohannes Nußschließen
Seit der russischen Teilmobilmachung im Ukraine-Krieg gehen immer mehr Staatschefs auf Distanz zu Wladimir Putin. Selbst China und die Türkei zeigen sich reserviert.
Moskau – Seit der Teilmobilmachung im Ukraine-Krieg wird der russische Präsident Wladimir Putin international immer isolierter. Etliche Staatschefs in der Welt, die bis vor kurzem noch an der Seite von Wladimir Putin gesehen wurden, bemühen sich zunehmend um Distanz. Da kann anscheinend auch der fest eingeplante Erfolg bei den Scheinreferenden im Osten der Ukraine nichts daran ändern.
Staatschefs gehen auf Distanz zu Putin: Selbst die Türkei, die auf Russland angewiesen ist, wendet sich ab
Wie das Handelsblatt berichtet, bemüht sich selbst die Türkei, die auf Russland als Handelspartner eigentlich dringend angewiesen ist, die Distanz zum Machthaber im Kreml zu wahren. Die Teilmobilmachung in Russland, so heißt es aus dem türkischen Präsidentenpalast, würde die Bemühungen um eine Wiederbelebung des diplomatischen Prozesses erschweren und die Instabilität weiter vertiefen. Doch der türkische Präsident Erdogan geht noch weiter und drückte seine Unterstützung für die Ukraine ungewohnt scharf auf. Die Türkei stehe für die „territoriale Unversehrtheit, Unabhängigkeit und Souveränität“ der Ukraine, schreibt das Handelsblatt.
Zwar unterstützt die Türkei die Ukraine schon seit dem vergangenen Jahr – unter anderem mit Kampfdrohnen. Doch bis jetzt mühte sich der türkische Präsident immer um eine neutrale Stellung im Ukraine-Krieg. Offensichtlich wollte man den Machthaber im Kreml nicht verärgern. Doch, je mehr die internationale Stimmung zuungunsten von Putin kippt, umso schwieriger wird es für die Türken, eine neutrale Haltung zu behalten. Schließlich ist die Türkei Nato-Mitglied, wenngleich sie dies lediglich aufgrund strategischer Gründe ist. Somit dürfte der Druck, der auf Präsident Erdogan liegt, sich in den vergangenen Monaten aus der westlichen Welt deutlich erhöht haben. Auch, wenn Erdogan in der Vergangenheit schon die Russland-Sanktionen unterlaufen hat.
Wladimir Putin wegen Ukraine-Krieg isoliert: China geht auf Distanz zum Kreml-Chef
Auch Putins Kumpel, der chinesische Präsident Xi Jinping, sieht die militärischen Misserfolge Russlands in der Ukraine zunehmend kritischer. Bis jetzt hatten China und Russland stets gemeinsam an einem Strang gezogen. Das jedenfalls sagen laut dem Bericht im Handelsblatt China-Experten. Worauf man sich nicht einigen kann, sei, wann Putin eine rote Linie überschreitet, bei dem selbst die Chinesen nicht mehr mitmachen. „Es ist durchaus vorstellbar, dass im bilateralen Treffen zwischen Putin und Xi während des SOZ-Gipfels sehr deutliche Worte gefallen sind“, zitiert die Wirtschaftszeitung die China-Forscherin Nadine Godehardt von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Dies könne man aber nicht wissen.
Eine rote Linie könnte für Xi etwa überschritten sein, wenn Putin die Atombombe zündet. Inwiefern der Einsatz von taktischen Atomwaffen, die direkt im Gefecht mit dem Gegner eingesetzt werden, davon betroffen seien, konnte Godehardt nicht sagen. Für die Chinaexpertin scheint es aber möglich, dass schon die absichtliche Beschädigung eines Atomkraftwerks diese rote Linie markiert. Interesse an einem schwächelnden Putin hat man allerdings in Peking nicht, schließlich hofft man in China darauf, dass Putin den Kommunisten bei einem möglichen Angriff auf Taiwan den Rücken freihält. Man braucht sich also gegenseitig.
„Es ist die geopolitische und militärische Spannungslage, die Russland und China zusammenhält – auch wenn China mit den militärischen Misserfolgen Russlands in der Ukraine und den weltwirtschaftlich negativen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs nicht zufrieden sein kann“, zitiert das Handelsblatt Sebastian Heilmann, Chinaprofessor an der Universität Trier und Gründungsdirektor des Berliner China-Thinktanks Merics.
Staatschefs gehen auf Distanz zu Putin: Indien sieht Russland nicht mehr als verlässlichen Waffenlieferanten
Selbst Chinas Nachbar, Nordkorea und dessen Machthaber Kim Jong-un gehen zunehmend auf Distanz. Jüngst hatte es noch Bilder von einem Treffen zwischen Kim Jong-un und Putin gegeben. Da aber das Regime in Pjöngjang vollständig von China abhängig ist, dürfte hier in naher Zukunft kein Umschwenken zu beobachten sein. Zu sehr ist man in Nordkorea auf einer Linie mit Peking.
Sogar Indien, das traditionell auf gute Beziehung zu Russland setzt, zeigt sich aktuell sehr reserviert gegenüber dem Despoten Wladimir Putin. Momentan tendiere das Land eher zu den USA, heißt es in dem Bericht. Dies aus dem Grund, dass Russland wohl nicht länger als verlässlicher Waffenlieferant angesehen wird, sollte es mit China oder Pakistan zu einer militärischen Konfrontation kommen.
