Kinderschutz

„Die Kindergrundsicherung ist im Interesse der Gesellschaft“

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Freizeit ist ein wichtiger Teil der Kindheit. Einer, der vielen armen Kindern vorenthalten wird.
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Sabine Andresen, Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes, über die tiefgreifenden Folgen von Armut für Bildung und Freizeit von Familien sowie die Kurzsichtigkeit der Regierung.

Frau Andresen, Sie sind 1966 geboren. Kinder wuchsen damals mit mehr Bewegungsfreiheit auf, standen nicht ständig unter Beobachtung. War das eine bessere Zeit als heute, um Kind zu sein?

Es kommt sehr darauf an, was wir miteinander vergleichen. Wenn wir auf Familien heute hier in Deutschland blicken, lässt sich sagen, dass es vermutlich noch nie einen so großen Anteil an Vätern und Müttern gab, die bereit sind, sich an den Bedürfnissen ihrer Kinder zu orientieren und zumindest versuchen, das eigene Handeln ein Stück weit danach auszurichten. Auch hatten wir als Kinder noch nicht das Recht auf gewaltfreies Aufwachsen, was natürlich nicht heißt, dass alle Kinder in den 1960er Jahren geschlagen wurden. Und es gab damals diese Freiräume, am Nachmittag selbstbestimmt und unbeobachtet sein zu können, allein aus dem Grund, dass es in der Bundesrepublik kaum Ganztagsangebote gab. Für die einen ist das vielleicht ein Vorteil gewesen, für die anderen eher ein Nachteil. Und für Ostdeutschland muss die Betrachtung in dieser Hinsicht wiederum ganz anders aussehen. Insofern bin ich vorsichtig mit einer eindeutigen Antwort.

Welche Bedeutung hatte die Schule?

Als ich in die Schule gekommen bin, hat meine Mutter zusammen mit anderen Müttern aus meiner Klasse abends einen Kurs in Mengenlehre gemacht, um mich bei den Hausaufgaben unterstützen zu können. Das Bewusstsein für die Bedeutung eines höheren Bildungsabschlusses ist auch in der Arbeiterklasse gestiegen. Für meine Biographie war die sozialliberale Bildungsreform Ende der 1960er Jahre wichtig.

Auch damals gab es viele Familien, deren Kinder wegen Geldmangels von vielen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen waren. Was bedeutet es für ein Kind, nicht mit den anderen mithalten zu können – bei den Klamotten, bei Unternehmungen?

Wenn die Erfahrung, nicht mithalten zu können, den Alltag bestimmt, führt das zu Belastungen. Wenn es keine Wahlmöglichkeiten gibt, schränkt das das Wohlbefinden des Kindes ein. In Armut aufzuwachsen beeinträchtigt alle Lebensbereiche eines Kindes. Aus empirischen Studien wissen wir, dass es für ein Kind aus einem Haushalt mit wenig Geld in der Regel nicht möglich ist, mit der Familie einmal im Jahr eine Woche Ferien außerhalb der elterlichen Wohnung zu machen. Ich spreche nicht von einer Flugreise, sondern von einer Pension oder einem Apartment im Odenwald.

Sabine Andresen, geb. 1966, ist seit Mitte Mai Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes. Die Pädagogin ist Professorin an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Woran mangelt es noch?

Kindsein heute ist geprägt von Bildungsoptionen unterschiedlicher Art und – im Idealfall – von sinnstiftender, erfüllender Freizeitgestaltung, die Fähigkeiten und Interessen fördert. Doch viele Kinder und Jugendliche können nicht regelmäßig einer Freizeitbeschäftigung nachgehen, die Geld kostet. Aber auch den eigenen Geburtstag mit anderen Kindern zu feiern, Freunde einzuladen oder selbst eingeladen zu werden und dann – mit einem Geschenk – hingehen zu können, ist für Kinder in Armut die Ausnahme. Wer wenig Geld hat, lebt in beengten Verhältnissen; das gilt auch für Familien, die eher der Mittelschicht zuzuordnen sind, weil der Wohnraum in Städten knapp ist und sehr teuer. Es gibt auch gut belegte Hinweise auf gesundheitliche Beeinträchtigungen: Eine über den ganzen Monat hinweg ausgewogene Ernährung ist mit dem bisherigen Grundsicherungssatz für Kinder und Jugendliche nahezu unmöglich. Und jede Schulvergleichs- und Kompetenzstudie führt uns doch eines deutlich vor Augen: dass Rückstände beim Wissens- und Kompetenzerwerb in Deutschland auf Armut zurückzuführen sind.

Nach Zahlen der Bertelsmann-Stiftung wächst jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut auf. Woran es diesen Kindern fehlt, haben Sie schon geschildert. Was braucht es denn für einen guten Start ins Leben?

Für einen guten Start ins Leben braucht es erst einmal Menschen, die bedingungslos zum Kind stehen. Ein Kind braucht leibliche oder soziale Eltern, enge Bezugspersonen. Die internationale Forschung zum Wohlbefinden zeigt auf, dass die Qualität von Beziehungen zentral ist. Die Qualität bemisst sich unter anderem an der gemeinsam verbrachten Zeit, am echten Interesse, aber auch an der Ermöglichung von lehrreichen Erfahrungen. Wichtig für ein Kind ist aber auch, dass Mütter und Väter oder auch andere Angehörige in Krisen wissen, wo sie sich Hilfe holen können. Man muss nicht alles wissen, aber es gibt viele Angebote zur Beratung und niedrigschwelligen Unterstützung. Vor Ort werden vielfältige Angebote benötigt, ein Elterntreff im Stadtteil- oder eine Telefonhotline für Krisensituationen. Zusammengefasst: Es braucht eine starke Familie, ein starkes Netzwerk und ausreichend Ressourcen. Wir dürfen aber finanzielle Ressourcen nicht ausspielen gegen Investitionen in die Infrastruktur, das wird leider oft gemacht. Diese Debatte führt uns nicht weiter, denn Kinder brauchen beides. Wir müssen wegkommen von den stigmatisierenden Bildern, wonach Geld, das in die Familien geht, sofort ausgegeben wird, aber eben nicht für die Kinder.

Damit sind wir mitten im Streit über die Kindergrundsicherung. Im Koalitionsvertrag ist sie festgeschrieben; 2025 soll sie kommen, aber die FDP mauert. Was entgegnen Sie FDP-Chef Christian Lindner, der sagt, für Familien mit Kindern sei bereits viel getan worden, das Kindergeld sei auf 250 Euro erhöht worden und außerdem sei Kinderarmut oftmals in der Arbeitslosigkeit der Eltern begründet, weshalb deren Integration in den Arbeitsmarkt entscheidend sei?

Die Erwerbsarbeit der Eltern ist bestimmt ein zentraler Schlüssel, aber nicht jede Erwerbsarbeit verhindert Kinder- und Jugendarmut. Rund zwei Drittel aller armen Kinder haben erwerbstätige Eltern, die mit Sozialleistungen aufstocken müssen. Auch, weil die Lebenshaltungskosten sehr hoch sind, die Wohnkosten enorm – häufig genau in den Regionen, in denen sich überhaupt eine Arbeit finden lässt. Viele Kinder, die in Armut aufwachsen, leben in einer Ein-Eltern-Familie oder haben zwei und mehr Geschwister. Das sind Strukturphänomene, die es anzugehen gilt.

Und das Argument, dass den Familien schon an anderer Stelle geholfen werde?

Es stimmt, dass einiges für Kinder getan worden ist. Aber nehmen wir das Kindergeld: Ein Kind in Armut profitiert nicht von einer Erhöhung, weil das Kindergeld voll auf jegliche Sozialleistung und den Unterhaltsvorschuss angerechnet wird. Das ist der springende Punkt. Alle Kinder, die staatliche Unterstützungsleistungen erhalten, sind bei den Kindergelderhöhungen leer ausgegangen. Wir können nur von einer Kindergrundsicherung sprechen, wenn sie wirklich als Instrument so ausgestaltet ist, dass sie Kinder und Jugendliche erreicht, die jetzt in Armut sind. Das Konzept der Kindergrundsicherung sieht einen Grundbetrag für alle Kinder vor, und dann einkommensabhängig einen Betrag für Kinder und Jugendliche in Armut, um mehr Geld gezielt dorthin zu leiten, wo das Haushaltseinkommen zu niedrig ist. Wenn das so umgesetzt wird, ist das wirklich neu. Damit verbunden ist auch der Gedanke, dass wir Kinder und Jugendliche nicht ausschließlich als Anhängsel ihrer Familien oder ihrer Eltern sehen. Sie sind Subjekte eigenen Rechts. Sie haben einen Anspruch darauf, dass die Gesellschaft ihnen gute Ausgangsbedingungen ermöglicht, wenn das Haushaltseinkommen nicht ausreicht. Wenn wir am Ende eine Verwaltungsreform haben, die Kinderarmut aber nicht reduziert, haben wir eine Chance vertan.

Sozialverbände und auch der Kinderschutzbund fordern, das kindliche Existenzminimum neu zu definieren. Was genau ist damit gemeint?

Das ist ein Teil dieses Konzepts. Allerdings finde ich die Begrifflichkeit schwierig. Meiner Ansicht nach sollten wir bei Kindern gar nicht von Existenzminimum sprechen. Wir benötigen einen anderen Ansatz: Ich würde von kindlicher Existenzsicherung sprechen. Das ist ein Perspektivwechsel. Wir sollten uns für die Existenzsicherung nicht wie bisher an den niedrigsten Konsummöglichkeiten von Erwachsenen orientieren, sondern daran, was Kindern im Durchschnitt ermöglicht wird, wenn die Eltern ein ausreichend gutes Auskommen haben. Eine Existenzsicherung, die diesen Namen verdient, muss sich daran ausrichten, was Kindheit und Jugend im Vergleich zur Erwachsenenphase ausmacht, und sie muss – das ist auch eine Forderung des Kinderschutzbundes – Kinder und Jugendliche an der Neubestimmung beteiligen. Die können nämlich selbst ganz gut benennen, was sie für einen durchschnittlich guten Alltag benötigen.

Kindergrundsicherung

Derzeit bekommen Familien pro Kind Kindergeld und gegebenenfalls zusätzliche Leistungen wie Bürgergeld für Kinder, Zuschläge für Bildung oder den Kinderzuschlag. Die Kindergrundsicherung, wie sie im Koalitionsvertrag der Ampel vorgesehen ist, soll die bisherigen Leistungen ersetzen und bündeln.

Ein Grundbetrag soll mindestens dem Kindergeld in seiner jetzigen Form entsprechen, derzeit also 250 Euro pro Kind im Monat. Dieser Betrag soll alle zwei Jahre angepasst werden. Er soll als „Garantiebetrag“ nicht mit Sozialleistungen wie etwa dem Bürgergeld der Eltern verrechnet werden können. Ein Zusatzbeitrag soll abhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt werden.

Die Pläne zur Kindergrundsicherung liegen zur Abstimmung in den Ministerien. Nach der parlamentarischen Sommerpause soll das Gesetzgebungsverfahren beginnen, 2025 die geplante Kindergrundsicherung dann in Kraft treten.

Familienministerin Lisa Paus (Grüne) beziffert die Kosten für die Kindergrundsicherung auf mindestens zwölf Milliarden Euro. Finanzminister Christian Lindner (FDP) sieht im Bundeshaushalt kaum Spielraum dafür und will nicht mehr als drei Milliarden Euro für das Projekt bereitstellen.

Als armutsgefährdet gilt ein Haushalt, der über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte verfügt.

Kostenlose telefonische Beratung gibt es für Kinder und Jugendliche unter der Nummer 116 111 (montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr). Dahinter steht der Verein „Nummer gegen Kummer“, den der Kinderschutzbund unterstützt. Eltern können sich unter 0800 111 0 550 beraten lassen, ebenfalls kostenlos und anonym. sha

Was sagen die Kinder denn?

Aus den Studien, die ich dazu gemacht habe, weiß ich: Wenn Sie die Kinder fragen, kommen die nicht mit „Ich möchte mit einem Raumschiff zum Mond fliegen“, sondern sie möchten in einem Verein Fußball spielen und wünschen sich vielleicht auch ein Trikot. Viele Kinder und Jugendliche wünschen sich auch Geld zur eigenen Verfügung. Warum? Sie möchten zum Beispiel ein wenig Geld ansparen. Das ist sehr vernünftig, denn so können sie planen und könnten die Geburtstagseinladung der Freundin annehmen, weil sie ein Geschenk kaufen können. Kinder und Jugendliche benötigen Spielräume und Ersparnisse. Das verschafft das Gefühl, unabhängig zu sein.

Leuchtet ein. Und es ist doch eigentlich eine sehr offensichtliche Kalkulation: Wenn genug an öffentlichem Geld in eine gute Kindheit für alle investiert wird, kann der Staat sich spätere, meist wesentlich teurere Hilfs- und Transferleistungen sparen. Die frühen Jahre gelten ja nicht zu Unrecht als Schlüssel für ein gelingendes Leben. Müsste das nicht auch die FDP begreifen?

Ich will das gar nicht nur an der FDP festmachen – wobei es natürlich so offensichtlich ist (lacht). Im Ernst: Auch die SPD, die den Bundeskanzler stellt, hat die Kindergrundsicherung im Wahlprogramm. Da wünsche ich mir auch von dieser Seite mehr Engagement. Man muss keine Kindheitsforscherin und auch nicht an Kinderrechten orientiert sein, man kann es auch ökonomisch betrachten: In den vergangenen 20 Jahren hat jeder Schulleistungs- Vergleichstest erbracht, dass in Armut aufzuwachsen bedeutet, weniger Bildungschancen zu haben. Jede Einschränkung hat Konsequenzen für das spätere Leben, das zeigen auch bildungsökonomische Studien. Es ist also nicht zu verstehen, warum nicht alles getan wird, um Kinder, die jetzt in Armut leben, da herauszuholen. Das ist ja keine kleine Gruppe. Es geht hier um eine Investition in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes, auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Ich bin sicher, dass man eine Mehrheit in der Bevölkerung auf einem solchen Weg mitnehmen kann. Wenn Kinder in Armut jetzt die Kindergrundsicherung erhalten, ist das im Interesse jedes einzelnen Kindes, aber auch im Interesse der Gesellschaft.

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