Plant Putin „zweite Runde des Krieges“? Ukraine fürchtet noch langen Kampf mit Russland
VonStephanie Munk
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Der russische Präsident spielt im Ukraine-Krieg offenbar auf Zeit. Ein Selenskyj-Berater meint: In Russland würden Vorbereitungen für die zweite Phase laufen.
Kiew/Moskau - Die Gegenoffensive der Ukraine ist angelaufen - doch ein durchschlagender Erfolg scheint auszubleiben: Laut Berichten hat die ukrainische Armee in zwei Wochen 100 Quadratkilometer und acht Dörfer zurückerobert. Stellungen der russischen Armee wurden bisher offenbar nicht durchbrochen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte bereits vor zu hohen Erwartungen - der Ukraine-Krieg sei kein „Hollywood-Film“, wo schnelle Ergebnisse zu erwarten seien.
Im Gegenteil: Es gibt Stimmen, die nahelegen, dass der Verteidigungskrieg der Ukrainer gegen die angreifenden Russen noch sehr lange dauern könnte. Mykhailo Podolyak, einer der wichtigsten Berater von Selenskyj, glaubt, dass der russische Präsident Wladimir Putin sich gerade auf eine „zweite Runde des Krieges“ vorbereite.
Selenskyj-Berater warnt: Russland wolle Ukraine-Krieg um jeden Preis einfrieren
„Russlands strategisches Ziel ist, den Konflikt um jeden Preis einzufrieren“, schreibt der Selenskyj-Berater auf Twitter zu Russlands „zweiter Runde“. Putins nächste Schritte seien, sein Regime durch die Wahlen 2024 zu zementieren und Russland innenpolitisch zu stabilisieren. Gleichzeitig wolle er Russlands militärischen Kapazitäten wiederaufbauen sowie Europa im Gegenzug destabilisieren.
Putins Propagandamaschine sei zu diesem Zweck in vollem Gang, warnt Podolyak: Täglich gebe es aus dem Kreml Statements über die angebliche Bereitschaft zu Verhandlungen und über Friedensinitiativen von Drittländern, die laut Podolyak eigentlich darauf abzielten, die Konflikt einzufrieren.
Warnung vor Friedensverhandlungen mit Putin: „Das Böse kehrt immer wieder zurück“
Dazu komme eine Medienhysterie über das angebliche Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive, atomare Erpressungen durch Putin und eine Wiederbelebung der prorussischen Lobby in Europa. Rufe nach einem Waffenstillstand würden derzeit allein den Russen in die Karten spielen, glaubt der ukrainische Politiker.
In einem weiteren Tweet warnt Podolyak auch vehement vor Verhandlungen mit Russland zum jetzigen Zeitpunkt: „Jeder Versuch, zur Tagesordnung zurückzukehren, sich an den Verhandlungstisch zu setzen, wird den Völkermord als Instrument der internationalen Beziehungen legalisieren und unseren Planeten zu einem viel gefährlicheren Ort machen“, so Podolyak. Er fügt hinzu: „Das ungestrafte Böse kehrt immer wieder zurück und nimmt mit der Zeit zu.“
Selenskyj mit großen Befürchtungen: „Werden nicht zustimmen“
Auch Selenskyj warnte gegenüber der BBC vor einem Einfrieren des Ukraine-Konflikts und kündigte an: „Egal, wie weit wir in unserer Gegenoffensive vorankommen, wir werden einem eingefrorenen Konflikt nicht zustimmen, denn das ist Krieg, das ist eine aussichtslose Entwicklung für die Ukraine.“
Dass die Ukraine zu einem jahre- oder gar jahrzehntelangen Kriegsherd wird, fürchteten auch die Gäste in der Sendung von Maybrit Illner vom 15. Juni „Wir kommen jetzt in eine brutale Phase“, sagte Oberst André Wüstner. Die russische Armee habe viel Zeit gehabt, ihre Stellungen neu zu organisieren.
„Keine Anzeichen, dass Putin Luft ausgeht“
Eine zeitnahe Beendigung des Krieges liege derzeit allein in den Händen Putins, war sich die Runde einig - dieser scheint aber kein Interesse daran zu haben. „Ich kenne kein Anzeichen, dass Putin jetzt die Luft ausgeht“, sagte Wolfgang Ischinger, Ex-Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Auch der Bundeswehr-Oberst a.D. und CDU-Politiker Roderich Kiesewetter rechnet noch mit einem langen Krieg. „Dieser Krieg ist ein Marathonlauf“, sagt Roderich Kiesewetter (CDU). „Die Ukraine wird ohne unsere Unterstützung den Krieg nicht durchstehen.“
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Sicherheitsexperte warnt: Ukraine-Krieg als „dauerhafter Konflikt“
Sicherheitsexperte Christian Mölling erklärte im Stern-Podcast „Ukraine - die Lage“, was ein eingefrorener Konflikt bedeuten würde. „Wenn beide Seiten zur gleichen Zeit keine militärischen Kräfte mehr haben, die sie aufbringen können für eine Offensiv-Operation, dann würde dieser Krieg ‚einschlafen‘“, so der Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung in Berlin. Jederzeit könne der Krieg aber wieder aufflammen, wenn sich einer der Parteien wieder militärisch im Vorteil sehe. Das Resultat eines solchen eingefrorenen Krieges sei ein „dauerhafter Konflikt auf sehr niedrigem Niveau“, weil über die politischen Interessen dahinter keine Einigung bestehe.