VonFabian Müllerschließen
Bislang kam Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin glimpflich davon, obwohl er Russlands Machthaber Wladimir Putin mit seinem Aufstand öffentlich demütigte. Die Suche nach einer Erklärung läuft.
Moskau – Noch immer ist unklar, warum der Putschversuch des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin bislang noch nicht zu einer energischen Reaktion des russischen Präsidenten Wladimir Putin geführt hat. Die Bestätigung des Kreml, wonach sich Prigoschin und Putin wenige Tage später getroffen haben, heizt die Spekulationen weiter an.
Die Nachrichtenagentur AP berichtet nun von einer möglichen Erklärung für Putins bisher zurückhaltendes Vorgehen. Abbas Galljamow, ein ehemaliger Redenschreiber des russischen Präsidenten, sagte der Nachrichtenagentur, Putin erkenne an, dass Prigoschin ein Patriot sei. Zudem benötige er dringend die Wagner-Söldner in der Ukraine an der Front. Prigoschin wiederum sei darauf angewiesen, dass ihn Putin nicht ins Gefängnis stecken lasse, so Galljamow. Für den Redenschreiber ist der Gewinner des Putschversuchs klar: Der Wagner-Chef sei gestärkt aus der Rebellion hervorgegangen. Denn der habe gezeigt, „dass er Herr der Lage ist“, so Galljamow.
Nach Treffen zwischen Putin und Prigoschin: Russlands Präsident verschont Wagner-Chef
Nach dem Aufstand von Wagner hatte Putin die Söldner und deren Chef öffentlich als „Verräter“ beschimpft. Laut Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wolle die Wagner-Armee aber weiterhin für Russland kämpfen. Details aus dem Treffen von Prigoschin und Putin, das der Kreml am Montag bestätigte, drangen bislang nicht nach außen.
Zuvor hatten Medien über das Treffen Putins mit Prigoschin berichtet. Seit Tagen hatten Experten international spekuliert über die Zukunft Prigoschins und seiner Wagner-Truppe, die für den Kreml etwa auch in Afrika und im Nahen Osten wichtig ist. Immerhin hat Putin seinem Ex-Vertrauten Prigoschin und dessen mit Panzern und Flugzeugen voll ausgestatteter Armee auch in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine erhebliche Gebietsgewinne zu verdanken. Die Wagner-Armee hatte etwa die ostukrainische Stadt Bachmut im Gebiet Donezk eingenommen, um die aber weiter gekämpft wird.
Nach Wagner-Aufstand: Aussprache zwischen Putin und Prigoschin
Nach Darstellung Peskows dauerte die Aussprache drei Stunden. Zu dem Treffen kam es demnach am 29. Juni - also mehrere Tage nach der am 24. Juni plötzlich beendeten Revolte Prigoschins gegen die Militärführung. Während des Gesprächs habe Putin seine Einschätzung sowohl bezüglich der Aktivitäten von Wagner auf dem Schlachtfeld in der Ukraine gegeben als auch zum Aufstand, der am 23. Juni begonnen hatte. Der Kremlchef habe sich aber auch die Version der Wagner-Offiziere zu dem Aufstand angehört, sagte Peskow.
Prigoschin hatte wenige Tage nach der Rebellion dementiert, einen Machtwechsel in Moskau angestrebt zu haben. „Wir sind losgegangen, um Protest zu demonstrieren, nicht um die Obrigkeit im Land zu stürzen“, beteuerte der 62-Jährige vor zwei Wochen in einer öffentlichen Stellungnahme. Einmal mehr wiederholte er da auch seinen Vorwurf gegen das russische Verteidigungsministerium, Militärlager der Söldner beschossen zu haben. Dabei wurden seinen Angaben nach 30 Wagner-Kämpfer getötet.
Video: Nach Aufstand: Treffen zwischen Putin und Prigoschin bestätigt
In Russlands Elite ist der Putschversuch natürlich ebenfalls aufmerksam verfolgt worden. Tatiana Stanovaya vom Carnegie Russia Eurasia Center sagte AP, viele russische Beobachter seien verblüfft von den Entwicklungen rund um Prigoschin. „Wenn man es sich aus der Sicht der russischen Elite anschaut, ist es irre“, sagte Stanovaya. Die Vorgänge rund um den 24. Juni nannte sie „einfach unglaublich“ und „schockierend“. (fmü/dpa)
