- VonPhilipp Bräunerschließen
Nach dem Anschlag bei Moskau sind Fachleute in Europa alarmiert, aber nicht wirklich überrascht. Was aus ihrer Sicht nun auf Europa zukommen könnte.
Moskau – Während in der Öffentlichkeit das Thema des islamistischen Terrorismus bis vor kurzem an Bedeutung verloren zu haben schien, sehen Fachleute darin schon länger eine wieder wachsende Gefahr. Vor allem von dem IS-Ableger „Islamischer Staat Provinz Khorasan“ (ISPK), der die Urheberschaft an dem Attentat auf eine Konzerthalle nahe Moskau für sich reklamiert, gehe eine Bedrohung aus – auch für Westeuropa.
ISPK-Gefahr schon vor Terror bei Moskau Thema bei Fachleuten
In Deutschland stimmen Fachleute weitestgehend darin überein, dass mit Anfang der 2020er Jahre verstärkte Aktivitäten dieser Terrorgruppe zu verzeichnen sind. Der Thüringer Verfassungsschutz-Präsident Stephan Kramer spricht gegenüber der ARD von einer „hohen, abstrakten Gefährdungslage“, die sich speziell innerhalb der letzten zwei bis drei Jahre entwickelt habe.
Erste Anzeichen für Aktivitäten des ISPK in Deutschland gab es laut Terrorismus-Experte Michael Götschenberg bereits 2019. Bei tagesschau.de verweist er auf eine Terrorzelle in NRW, die offenbar einen Mordanschlag auf einen Islamkritiker in Deutschland geplant hatte. Die inzwischen verurteilten Männer stammten offenbar ausnahmslos aus Tadschikistan, genau wie die mutmaßlichen Attentäter nahe Moskau. Ihre Anweisungen sollen sie aus Afghanistan erhalten haben.
Auch der Plan für einen Anschlag auf den Kölner Dom im Dezember 2023 soll auf das Konto der Gruppe gehen. Außerdem sollen die beiden vergangene Woche in Gera festgenommen mutmaßlichen Terroristen dem ISPK angehören. Sie hatten offenbar einen Anschlag auf das schwedische Parlament geplant.
Laut Experte unterscheidet sich Gefahr durch ISPK in Europa zu Asien
Der ISPK ist in Afghanistan, Pakistan und Zentralasien örtlich fest verankert. Diese starke lokale Bindung führe dazu, dass in Westeuropa mit einer anderen Qualität von Anschlägen gerechnet werden sollte, sagte der ehemalige Referatsleiter „Internationaler Terrorismus“ Guido Steinberg gegenüber dem Stern.
Konkret bedeute das: „Der IS hat hier kein eigenes Personal.“ Die Terrorgruppe rekrutiere vor allem auf virtuellem Wege, etwa über soziale Medien. „Das hat weniger starke Bindungen und weniger effektive Planungen zur Folge“, sagte der Experte weiter. Deswegen sei die Gefahr, die vom ISPK für Deutschland und Westeuropa ausgehe, weniger hoch als etwa in Pakistan oder Russland.
Moskau-Terror nur eine Etappe auf dem Weg in Richtung Europa?
Eine weniger abwiegelnde Haltung zur Bedrohung Europas durch den ISPK hat die Afghanistan-Expertin Ellinor Zeino. „Ich glaube, es wird wieder vermehrt Anschläge geben“, sagte sie gegenüber n-tv. Vor allem durch die wenigen Informationen, die aus dem von den Taliban kontrollierten Land kommen, sei es zu einer Art „blindem Fleck“ geworden, die Zeit der relativen Ruhe womöglich nur eine Übergangsphase. Zeino glaube daher: „Moskau ist für den ISKP nur ein Zwischenschritt auf dem Weg nach Westen.“ (pkb)
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