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Islam-Experte Olivier Roy über den Anschlag in Moskau, die Urheberschaft des IS und die Motivation der mutmaßlichen Attentäter.
Professor Roy, halten Sie das Bekenntnis des Islamischen Staates (IS), Urheber des Anschlags in Moskau zu sein, für glaubwürdig?
Ja. Der IS ist entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze stark und rekrutiert seine Kämpfer unter zentralasiatischen und kaukasischen Muslimen. Zwei Anschläge in Frankreich wurden von Tschetschenen verübt, an einem Anschlag in Istanbul im Januar war ein Tadschike beteiligt. Offenbar sind auch diesmal Tadschiken im Spiel, was die IS-Hypothese untermauert. Mehr und mehr russische Muslime im IS bedeuten mehr und mehr Anschläge in Russland.
Warum greift der IS Russland an? Was sind seine Ziele?
Um zu existieren, muss der IS handeln. Im Westen wird es für den Islamischen Staat immer schwieriger. Es ist einfacher, dies in Russland zu tun, weil die IS-Kämpfer entweder Migranten in Russland sind oder selbst russische Staatsbürger.
Was ist mit den muslimischen Minderheiten in Russland, sind sie ein Problem für Putin?
Das ist kein politisches Problem – Tschetschenien wird von Kadyrow kontrolliert, Daghestan ist ebenfalls unter Kontrolle –, aber es gibt die „Aussteiger“ aus den früheren Konflikten. Außerdem wird die Zwangsrekrutierung von Kaukasiern durch die russische Armee zum Kampf in der Ukraine die Rekrutierung des IS verstärken. Es ist besser, unter der Flagge des Propheten zu sterben als unter der von Putin.
Zur Person
Olivier Roy , geboren 1949, ist ein französischer Politikwissenschaftler und Berater des französischen Außenministeriums. Am Nationalen Forschungszentrum in Paris ist er Forschungsdirektor.
Er lehrt zudem am Institut d’études politiques und ist Professor am Robert Schuman Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz. Zum Islam und über Zentralasien, speziell Afghanistan, hat Roy zahlreiche Bücher veröffentlicht.
Gibt es Parallelen zu dem Anschlag in Beslan vor 20 Jahren?
Ja, das gilt auch für den Anschlag auf ein Theater in Moskau vor einigen Jahren. Nur dass sie jetzt nicht mehr versuchen, Geiseln zu nehmen, sondern nur noch zu töten. Es ist eher wie im Bataclan.
Olivier Roy erklärt, warum die USA so früh von den Anschlägen wussten
Warum wussten die Amerikaner so früh von den Anschlägen?
Wahrscheinlich aus Afghanistan, wo sich das Hauptquartier des IS zu befinden scheint, und wer weiß, vielleicht haben sie den Tipp von den Taliban bekommen.
Wenn es der IS war, wie wird Russland reagieren?
Zuerst werden sie mit Hilfe der „weißen“ russischen Bevölkerung Druck auf die Muslime aus dem Kaukasus und Zentralasien in Moskau ausüben. Eine Razzia im Kaukasus wird die Spannungen in der Region erhöhen. Und ein Angriff in Afghanistan würde zu neuen regionalen Spannungen führen. Diese beiden letzten Optionen sind also problematisch. Wahrscheinlich werden sie daher weiterhin der Ukraine und den USA die Schuld geben.
Interview: Michael Hesse
Rubriklistenbild: © IMAGO/Newscom / El Pais

