Zuckerbrot und Peitsche: Putin zieht auf vielen Wegen neue Soldaten an die Front – die Republik Tatarstan setzt jetzt das Handgeld ganz massiv herauf.
Moskau – „Wenn wir Mobilisierung streng nach dem Gesetz definieren, dann bedeutet sie die Einberufung von Bürgern, die in der Reserve für den Militärdienst stehen. Aber im weiteren Sinne ist Mobilisierung einfach die Rekrutierung für die Front“, erklärte Alexei Tabalow der Moscow Times. Der Anwalt einer oppositionellen Organisation in Russland prangert aktuell erneut die verstärkte Aushebung von Truppen an; grundsätzlich scheut Wladimir Putin keine Zwangsmaßnahmen. Aber jetzt startet in seinem Namen offenbar in Teilen seines Landes eine Art Schmusekurs.
Putin lässt offenbar eine neue, lukrative Freundschaftswerbe-Aktion ausloben, wie aktuell das Institute for the Study of War (ISW) berichtet: Bargeld winkt. Vorreiter der Initiative ist Michail Jewrajew, der Gouverneur der russischen Verwaltungseinheit Jaroslawl in Tatarstan. Jede Person, die einen Freund zu einem militärischen Registrierungs- und Rekrutierungszentrum mitbringt, erhält 100.000 Rubel – ungefähr 1.150 Dollar oder rund 1.060 Euro; sofern der Freund einen Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium für den Militärdienst unterzeichnet.
Putins Tataren winken offensiv mit Handgeld und erhöhen um mehr als das Dreifache
Den durchschnittlichen Monatslohn in Russland geben verschiedene Quellen unterschiedlich an: 670 Euro betrage er laut der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar im Durchschnitt des vergangenen Jahres, andere Quellen wollen etwas über 800 bis knapp über 1.000 Euro ermittelt haben. Also beträgt das Handgeld ungefähr einen Monatslohn – die Varianz zwischen Branchen und Regionen ist groß. In dem in Sewastopol erscheinenden Magazin ForPost verkündet Jewrajew stolz, dieses Handgeld erhöht zu haben von 30.000 auf 100.000 Rubel. Zwischendurch soll der Bonus auf 50.000 Rubel gestiegen gewesen sein. Die Republik Tatarstan gilt per se als eher eigenständig.
„Ein Vertragssoldat kann also in einem Jahr so viel verdienen wie in einem zivilen Beruf in mehreren Jahren.“
Laut ForPost erhalte der Vertragsfreiwillige selbst eine einmalige Zahlung von 505.000 Rubel, sagte Jewrajew – für die Anwerbung wurde sogar die Website „Heroes of Tatarstan“ aufgelegt. In der Staatsduma jedoch regte sich Kritik: Laut dem russischen Magazin lenta.ru befürchtet Juri Sinelschtschikow, dass alsbald mit dem Lock-Angebot Schindluder getrieben werden könnte.
Da die Idee an keine direkte Freundschaft gebunden sei, könnten Menschen das Geld einfordern, sobald sie mitbekämen, dass sich eventuell ein Bekannter, ein Arbeitskollege oder ein Verwandter zum Militär gemeldet hätte, kritisierte der erste stellvertretende Vorsitzende des Staatsduma-Ausschusses für Staatsaufbau und Gesetzgebung. Im März hatte das britische Verteidigungsministerium hochgerechnet, dass Russland in diesem Jahr pro Monat 30.000 neue Soldaten rekrutiert, bis Ende dieses Jahres mindestens 300.000. Das Thema Mobilisierung ist auch in Russland heikel, Wladimir Putin hatte damit seine Bevölkerung beunruhigt und muss längst kreativer vorgehen und verdeckt ausheben.
Putins geplante Offensiv-Streitmacht gegen die Nato umfasst eineinhalb Millionen Soldaten
Laut dem ISW forderte Sinelshchikov die Überführung dieser Handgeld-Praxis in den russischen Rechtsvorschriften und äußerte sich besorgt darüber, ob die russischen Förderationsmitglieder die Finanzierung solcher Initiativen überhaupt aufrechterhalten könnten. Die russische Oppositionsquelle Cherta berichtete laut dem ISW, in Umfragen sei herausgekommen, dass einige Russen Verträge tatsächlich nur deshalb unterzeichneten, um mit dem Bonus ihre Spielschulden zu tilgen.
Ohnehin beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Soldaten laut dem Magazin Business-Insider lediglich viereinhalb Monate an der Front. Deshalb ist Putins Bedarf beinahe unstillbar, wie Margarete Klein bilanziert: „Bereits für Januar 2023 kündigte Putin eine Erhöhung auf 1,15 Millionen Soldaten an. Einen weiteren Aufwuchs auf 1,32 Millionen dekretierte er zum Dezember 2023. Bis 2026 sollen die Streitkräfte gar 1,5 Millionen Soldaten umfassen, schreibt Klein für die Stiftung Wissenschaft & Politik (SWP).
Putins Verluste betragen möglicherweise eine halbe Million Soldaten
Putins bisherige Verluste sollen sich nach Schätzungen westlicher Geheimdienste auf 500.000 Menschen summieren, schreibt sie; darin seien Verwundete und Gefangene inkludiert. „Damit wären die personellen Verluste bereits mehr als zweieinhalb Mal so hoch wie die Gesamtzahl der im Februar 2022 an der Vollinvasion beteiligten Soldaten – circa 190.000.“ Die offensiv bis aggressiv geführte Anwerbung Freiwilliger bezeichnet Klein als „verdeckte Mobilisierung“, entweder in Freiwilligenformationen wie der ehemaligen Wagner-Söldnertruppe oder als „reguläre Soldaten, die sich auf Vertragsbasis für eine bestimmte Zeit in den Streitkräften verpflichten (,Kontraktniki‘), wie sie schreibt.
Der finanzielle Anreiz ist ein Teil des Kalküls. Die nach außen getragene Freiwilligkeit folge ihres Wissens nach nicht selten der „Ausnutzung von Machtgefällen, durch Täuschung und Zwang“. Das Bemerkenswerte daran sei der Verzicht darauf, „die Streitkräfte qualitativ zu professionalisieren“, wie sie sagt, – stattdessen braucht Putin Kanonenfutter für seine Taktik der menschlichen Wellen. Laut der SWP schwanken die Soll- und Ist-Zahlen der Vertragssoldaten deutlich: Ende Dezember war aus dem Kreml noch zu hören dass im Jahr 2024 insgesamt 745.000 Vertragssoldaten angeworben werden sollten. Ende 2022 lag das Ziel noch bei 695.000 bis zum Jahr 2027.
Russlands Trost sind 50.000 Euro für einen gefallenen Angehörigen
Ursprünglich soll Russland mit 405.000 vertraglich gebundenem Personal in den Ukraine-Krieg gegangen sein. Die aktuellen Rekrutierungs-Kampagnen gestalten sich dabei unterschiedlich: Offiziere und Unteroffiziere am Ende ihrer Dienstzeit werden teils gedrängt, einen neuen Vertrag zu unterzeichnen, das Einstiegsalter wurde angehoben – bis zum Alter von 65 Jahren kann ein Vertrag geschlossen werden; und die finanziellen Anreize werden zum Teil immer verlockender – wie jetzt beispielsweise in Tatarstan.
„Erhielten Vertragssoldaten vor der Vollinvasion einen Monatssold ohne Zulagen von umgerechnet maximal 330 Euro, so liegt dieser nun bei mindestens 2.110 Euro“, schreibt Margarete Klein. Dazu addiere sich eine einmalige Anwerbeprämie von rund 2.000 Euro, die in manchen Regionen auch deutlich höher ausfalle – bis zu 10.000 Euro. „Ein Vertragssoldat kann also in einem Jahr so viel verdienen wie in einem zivilen Beruf in mehreren Jahren.“ Auch Invalidität und Tod würden sich auszahlen – und sei es für die Hinterbliebenen: Laut der SWP zahlt Moskau 30.000 Euro für Invalidität und 50.000 für einen Gefallenen.
Auch vor Gericht und in den Gefängnissen werde zielstrebig und kreativ rekrutiert, wie die Zeitung Le Monde aktuell berichtet: Aufgrund eines im März von der russischen Staatsduma verabschiedeten Gesetzes können sich Angeklagte durch Verpflichtung zur Front der Ermittlung und der vermeintlichen Verurteilung entledigen. Wer etwa wegen defätistischer Äußerungen inhaftiert ist, hat keine Chance; anders der gemeine Schwerkriminelle, wie Le Monde schreibt: „Mörder und Vergewaltiger hingegen sind seit langem willkommen, wie die Profile der in den letzten zwei Jahren begnadigten Häftlinge zeigen.“
Russische Kriminelle können wählen zwischen Karzer und Panzer
„Derzeit gibt es in Russland Leute, die für Geld bereit sind, in den Krieg zu ziehen. Ihre Zahl nimmt ab, aber es gibt sie noch“, sagte Anwalt Tabalow der Moscow Times kürzlich. „Solange es sie gibt, besteht kein Bedarf für eine breite Mobilisierung.“ Die wird aber langfristig sicher kommen – zumal, wenn eintritt, was die Analystin Margarete Klein mutmaßt: dass Putin mit der immens hohen Soll-Stärke von eineinhalb Millionen geplanter Soldaten bereits eine Armee gegen die Nato aufzustellen gewillt ist.
Im März hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung an einen Euphemismus von Kreml-Sprecher Dimitri Peskow erinnert. Der soll von den Russen vorerst eine „innere Mobilisierung“ gefordert haben – was den F.A.Z.-Autor Reinhard Veser missmutig stimmte, wie er schrieb: „Es ist zu befürchten, dass es dabei nicht bleibt.“