Russland, China und USA zeigen Interesse

Die Welt reißt sich um Indien: Neu Delhi droht „Drahtseilakt“

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Eine belebte Straße auf einem Markt in Neu-Delhi in Indien.
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Die Weltordnung gerät ins Wanken: China und Russland suchen nach neuen Partnern, der Westen rückt in der Not näher zusammen. Könnte sich ein Block zwischen Ost und West bilden? Vor allem Indien ist in dieser Frage eine Schlüsselfigur, sagen Experten. Das Land wird aktuell von allen Seiten umworben. 

München – Europa diskutiert über kürzere Duschen und kalte Winter – während Indien und China bei saftigen Rabatten auf russische Energie zugreifen. Der Westen zieht die Sanktionen gegen den Aggressor weitgehend allein durch. In Asien hingegen nutzt man die Gelegenheit, um die Karten neu zu mischen: wirtschaftlich, politisch, geostrategisch. Poker um eine neue Weltordnung – und die USA sowie ihre Verbündeten dürfen offenbar nicht mitspielen.

China ist im Ukraine-Krieg auf Russlands Seite

Big Player sind stattdessen China und Russland. „Felsenfest“ sei die Freundschaft zu Russland, sagte der chinesische Außenminister Wang Yi wenige Wochen nach Putins Angriff auf die Ukraine. „Aus der Sicht Chinas wird Russland ein immer wichtigerer Partner“, sagt Angela Stanzel, Asien-Expertin von der Stiftung Politik und Wissenschaft (SWP). „Sie teilen eine große Gemeinsamkeit: die Unzufriedenheit mit der jetzigen Weltordnung, angeführt von den USA.“

Auch wenn China stets betone, bei der Frage des Kriegs neutral zu sein – Stanzel meint: „Dieses Stillschweigen bedeutet nicht nur eine Billigung der Invasion Russlands, sondern sogar eine Sympathie dafür.“ Xi Jinping sehe in Putin einen Juniorpartner, der für ihn einen Test durchläuft. „Peking beobachtet genau, wie der Westen auf den Angriffskrieg reagiert, um für eine mögliche Invasion in Taiwan vorbereitet zu sein“, sagt Stanzel.

Indien in komfortabler Situation – von allen Seiten umworben

Mittlerweile hat China Deutschland als größter Importeur fossiler Brennstoffe aus Russland überholt. Auch nach Neu Delhi fließen große Mengen an russischem Öl: Seit Beginn des Krieges ist Moskau zu Indiens zweitgrößtem Öllieferanten aufgestiegen. „Indien spielt in der Weltordnung eine besonders wichtige Rolle“, meint Christian Wagner, Experte für indische Außenpolitik bei der SWP. „Einerseits ist Russland gerade Indiens wichtigster Partner. Und andererseits haben die USA ein überragendes Interesse an Indien als Komplize im Ringen mit China um den Indopazifik.“

Indien selbst sei gerade zwar in der komfortablen Situation, von allen Seiten umworben zu werden – andererseits bahne sich auch ein „Drahtseilakt“ an, sagt Wagner. „Neu-Delhi stellt sich die Frage: Von wem profitieren wir am meisten? Aktuell von Putin – aber wenn der Krieg Russland immer weiter schwächt, wird Moskau noch abhängiger von China. Und China zu stärken, ist überhaupt nicht im Interesse Indiens.“ Langfristig könnte es deshalb für Indien sinnvoller sein, Angebote der USA für Rüstungskooperationen anzunehmen, meint Wagner.

Expertin rät: Scholz-Reise nach Indien wie Merkel nach China

Auch Asien-Expertin Angela Stanzel sieht in Indien eine Schlüsselfigur. „Regierungschef Modi verweist immer darauf, dass er sich an niemanden binden will – aber wie lange schafft er es, diese Balance zu halten?“ Deutschland könne hier selbst eingreifen, meint Stanzel. „Wenn sich Kanzler Scholz dazu bereit erklären würde, jedes Jahr ein Mal mit einer großen Delegation nach Indien zu reisen – wie Merkel nach China –, wäre das ein klares Signal.“ Es gehe dabei um einen entscheidenden Punkt bei der Neuordnung der machtpolitischen Verhältnisse.

„Und hier darf man sich nicht vertun: Es geht nicht um Westen gegen Osten. Nicht alle asiatischen Länder stehen an der Seite Russlands – Südkorea und Japan etwa beteiligen sich an den westlichen Sanktionen. Und nicht alle Staaten wollen entweder China oder die USA an der Spitze der Weltpolitik sehen.“ Stanzel meint, es gehe vielmehr um die Frage: „Wer will das jetzige liberale Ordnungsmodell fortführen und wer will es ändern?“ In afrikanischen Ländern hätten China und Russland schon ihre Fäden gezogen – Putin als Sicherheitsgarant, Xi Jinping als Wohlstandsgarant. „Viele Staaten hätten vielleicht lieber mit Europa und den USA gearbeitet, hatten aber nicht die Alternative.“ Westliche Länder dürften nicht nur unter sich bleiben, sondern müssten ihren Fokus auch mehr in Richtung Süden und Osten rücken. Das Beispiel Indien zeigt: Noch hat sich nicht jeder auf eine Seite geschlagen.

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