VonJens Kiffmeierschließen
Putin droht mit dem Einsatz von Atomwaffen – und bringt die Angst vor einem Weltkrieg zurück. Doch um Deutschlands Katastrophenschutz ist es schlecht bestellt.
Berlin – Gestiegene Nachfrage nach Jodtabletten und heimliche Käufe von Notvorräten: Die Drohgebärden von Russlands Präsidenten Wladimir Putin mit dem Einsatz von Atomwaffen hat in Deutschland die Sorge vor einer nuklearen Katastrophe zurückkehren lassen. Dabei warnen Experten eindringlich vor einem miesen Zustand des Katastrophenschutzes in Deutschland. „Wir haben erheblichen Nachholbedarf“, schlug der Hauptgeschäftsführer vom Städte- und Gemeindebund, Gerd Landsberg, bereits in der „Welt“ Alarm. Zwar kündigten Bundesländer wie Niedersachsen bereits ein Umsteuern an, doch die Frage ist: Kommt der Vorstoß in der Politik angesichts des Ukraine-Konflikts vielleicht zu spät?
Ukraine-Krieg: Die Angst vor einem Weltkrieg lenkt den Blick auf den Katastrophenschutz in Deutschland
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat in Deutschland durchaus die Angst vor einem neuen Weltkrieg ausgelöst. Laut einer Forsa-Umfrage hegen 65 Prozent der Bevölkerung die Sorge, dass die Nato in den Konflikt hineingezogen werden könnte, weil der russische Präsident Wladimir Putin bald auch noch eines der westlichen Mitglieder des Verteidigungsbündnisses angreifen könnte. Aus Sicht des Vorsitzenden des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sollte diese Panik auch nicht „kleingeredet“ werden, wie er „Zeit Online“ sagte. Angesichts der Entwicklungen in dem Ukraine-Krieg* sei dies keine völlig irrationale Angst.
Angefacht hatte sie Russlands Präsident Wladimir Putin. Nach dem Einmarsch in die Ukraine hatte er auch die Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzen lassen und dem Westen in einer wirren Rede den Einsatz der Atomwaffen angedroht – sofern sich die Nato in den Konflikt einmischen sollte. Zwar kann Putin bei den atomaren Waffen nicht alleine auf den roten Knopf drücken, doch im westlichen Verteidigungsbündnis steigt die Nervosität. Hinzu kommt die Tatsache, dass bei den Kämpfen in der Ukraine auch Atomkraftwerke unter Beschuss geraten – und bei einem Treffer eine Wolke mit radioaktiver Strahlung nach Westeuropa treiben könnte – ähnlich wie beim Reaktorunfall von Tschernobyl.
Katastrophenschutz: Setzt Putin Atomwaffen im Ukraine-Konflikt ein? Deutsche sollten mit Vorrat für Katastrophenfall gewappnet sein
Vor diesem Hintergrund entbrennt die Debatte um den Katastrophenschutz jetzt immer lauter. Im Kalten Krieg, in dessen Denken Wladimir Putin nach wie vor verhaftet ist, standen noch mehr als 2000 öffentliche Luftschutzbunker zur Verfügung. Zwar gibt es unter Krankenhäusern wie im niedersächsischen Syke auch noch Schutzräume für den Verteidigungsfall, doch wirklich für den Ernstfall werden diese nicht mehr betrieben. Bereits seit 2007 wurde der Unterhalt der 2000 Bunker eingestellt, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mitteilt.
Notvorrat und batteriebetriebenes Radio – die Checkliste vom deutschen Katastrophenschutz
Gegen einen Atomwaffen-Angriff ist niemand gewappnet. Aber unabhängig von einen Weltkrieg-Szenario empfiehlt das Bundesamt für Katastrophenschutz das Anlegen eines Notvorrats für den Katastrophenfall. Dies kann auch bei Überschwemmungen oder Stromausfällen sinnvoll sein. Entsprechend der Checkliste, die die Behörde auf der Homepage veröffentlicht hat, sollte man zehn Tage ohne Einkaufen und Wasserzufuhr überleben können. Zwei Liter pro Person und Tag an Trinkwasser sollten ebenso bereitstehen wie ein batteriebetriebenes Radio und Essenskonserven.
Doch wie sehr sich die Lage geändert hat, zeigt die Tatsache, dass die Bundesbehörde auf ihrer Homepage Tipps und Anfragen zum Krieg veröffentlicht hat. Unter anderem ist dort das Erstellen von Notvorräten beschrieben. Doch aus Expertensicht reicht das nicht. Aus Sicht des Städte- und Gemeindebundes ist die Mängelliste lang: So beklagte Hauptgeschäftsführer Landsberg im Welt-Interview das Fehlen eines Alarmsystems und eines Depots, in denen haltbare Lebensmittel und Notstromaggregate bereitgehalten werden könnten. Außerdem sei die Bevölkerung schlecht auf den Katastrophenfall vorbereiten, weil es seit Jahren keine Schutzübungen mehr gebe, so Landsberg.
Bundesamt für Katastrophenschutz hatte schon lange gewarnt – jetzt will Niedersachsen handeln
Die Schuld der Experten ist das aber nicht. Jahrelang hatten die Mitarbeiter des Bundesamts für Bevölkerungsschutz auf die Vernachlässigung hingewiesen – und waren stets von der Politik belächelt worden, wie eine Sprecherin Anfang des Jahres im Gespräch mit kreiszeitung.de kritisierte. Dass sich das rächen könnte, zeigte sich bereits bei der Flutkatastrophe im Ahrtal, die die Wichtigkeit von Katastrophenschutz auf brutale Weise in Erinnerung rief.
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Doch nun soll umgesteuert werden. In einigen Bundesländern ist die Bereitschaft für eine Stärkung des Katastrophenschutzes da, unter anderem auch in Niedersachsen. Nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine kündigte Landesinnenminister Boris Pistorius ein Ad-Hoc-Paket an. „Die Sicherheitslage, die sich innerhalb weniger Tage dramatisch verändert hat, erfordert gleichzeitig entschlossene Investitionen insbesondere in die zivile Verteidigung und den Bevölkerungsschutz“, teilte er mit. Der genaue Umfang der Maßnahme muss aber noch im Landeskabinett abgestimmt werden. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
Rubriklistenbild: © Bernd Wüstneck/dpa

