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Russland entsendet Schiffe in die Karibik, darunter ein Atom-U-Boot. Havanna beteuert, es handle sich um Freundschaftsbesuch. Droht eine neue Krise?
Havanna - Vier russische Schiffe, darunter ein atomgetriebenes U-Boot, werden nächste Woche im Hafen von Havanna, anlegen. Kuba beteuert, dass sie keine Bedrohung für die Sicherheitslage der Region darstellen und keine Atomwaffen an Bord haben. Besorgten Stimmen zufolge beschwört der russische Präsident Wladimir Putin damit jedoch bewusst Erinnerungen an die Kubakrise im Jahr 1962 herauf. Damals verlegte der damalige russische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow Atomraketen nach Havanna, was zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Moskau und Washington führte. Droht eine Eskalation in der Karibik?
Ein nuklear angetriebenes U-Boot, die ‚Kazan‘, und drei weitere russische Marineschiffe, darunter die Raketenfregatte ‚Admiral Gorschkow‘, ein Öltanker und ein Bergungsschlepper, werden vom 12. bis 17. Juni in der kubanischen Hauptstadt anlegen. Das teilte das kubanische Außenministerium am Donnerstag (06. Juni) in einer Erklärung mit. Keines der Schiffe habe Atomwaffen an Bord, hieß es weiter. Daher stelle „ihr Zwischenstopp in unserem Land keine Bedrohung für die Region“ dar. „Dieser Besuch entspricht den historischen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Kuba und der Russischen Föderation und hält sich streng an die internationalen Vorschriften“, so das Außenministerium.
Putin drohte „asymmetrische“ Maßnahmen an – Washington sieht Verlegung als Routine an
Die überraschende Stationierung des russischen Militärs in unmittelbarer Nähe der Vereinigten Staaten erfolgt inmitten großer Spannungen wegen des Ukraine-Kriegs, der sich bereits im dritten Jahr befindet. Russlands Staatschef hatte diese Woche angedeutet, dass Moskau „asymmetrische“ Maßnahmen ergreifen könnte, wenn westliche Länder wie Deutschland und die USA der Ukraine Waffen liefern würden, die dann auf russischem Boden eingesetzt würden. Wenige Tage zuvor hatte US-Präsident Joe Biden der Ukraine die Erlaubnis erteilt, mit amerikanischer Munition Angriffe auf russisches Territorium durchzuführen - allerdings nur in Grenzgebieten zur besetzten Ukraine.
In den USA wurde die Verlegung der Flotte recht gelassen aufgenommen. Am Mittwoch (05. Juni) erklärte ein US-Beamter gegenüber Reportern, dass Russland die Entsendung von Kampfschiffen in die Karibik plane, um dort Marineübungen durchzuführen. Man sehe die Ankunft der Schiffe zwar nicht als Bedrohung an, trotzdem werde die US-Marine die Übungen überwachen, hieß es weiter. „Diese Einsätze sind Teil von Russlands routinemäßigen Marineoperationen und stellen keine direkte Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar“, so Pentagon-Sprecher Major Charlie Dietz.
„Marinepräsenz in operativ wichtigen Gebieten“ – Beschwört Putin eine neue Kubakrise herauf?
Russland hatte bereits Mitte Mai angekündigt, dass sich einige Schiffe der Nordflotte auf den Weg in den Atlantik mache. „Die Hauptziele der Kampagne bestehen darin, die Flagge zu demonstrieren und eine Marinepräsenz in operativ wichtigen Gebieten der fernen Ozeanzone sicherzustellen“, so das russische Verteidigungsministerium in einer Erklärung vom 17. Mai.
Einige Beobachter äußerten sich besorgt über diese Entwicklung. Laut dem US-Thinktank Institute for the Study of War (ISW) beschwört Putin bewusst die Erinnerung an die Kubakrise herauf, indem er „nuklearfähige“ Kriegsschiffe nach Kuba verlegt, um die Vereinigten Staaten zu provozieren. Die Hafenaufenthalte der russischen Marine in Staaten der westlichen Hemisphäre, die historisch angespannte Beziehungen zu den USA haben, zielten darauf ab, die starken Beziehungen Russlands zu diesen Staaten hervorzuheben, so der Bericht. Sie seien „wahrscheinlich Teil einer reflexartigen Kontrollkampagne Russlands, um die USA zur Selbstbeschränkung“ in der Unterstützung der Ukraine zu zwingen.
Eine Botschaft auf einer „sehr harmlosen, kalibrierten Ebene“ - Macht Putin bloß leere Drohungen?
Auch Nicholas Drummond, ein Verteidigungsanalyst und Strategieberater, wies gegenüber der britischen Zeitung Daily Express auf Parallelen zur Kubakrise hin. Putin drohe „mit einer Art Kubakrise 2, bei der taktische Marschflugkörper, Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen an Orten platziert werden, wo wir sie nicht haben wollen“, so Drummond. Letztlich halte er das Manöver jedoch für einen Bluff. Der russische Präsident liebe es, „zu schikanieren und zu schmeicheln, um Wirkung zu erzielen“, lasse seinen Drohungen aber nur selten Taten folgen. „Er wird keinen Dritten Weltkrieg anzetteln, und er weiß, dass die Nato keinen Dritten Weltkrieg anzetteln wird“, so der Verteidigungsexperte.
Aus Sicht des Militärblogs The Aviationist handelt es sich um den Versuch Moskaus, den USA eine strategische Botschaft zu vermitteln. Russland habe das Gefühl, dass Washington und die Nato das Land mit Militärbasen und strategischen Allianzen umgeben. Daher wolle man im Gegenzug die strategischen Beziehungen zu Ländern in Nordamerika verbessern. Das russische U-Boot besuche Kuba ohne Atomwaffen in den Meeren, die sich Havanna und Washington teilen. Die sei eine Botschaft auf einer „sehr harmlosen, kalibrierten Ebene“. (tpn)
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