„Alte Rechnungen begleichen“

Wer hat Merz im Stich gelassen? Das Abweichler-Rätsel von CDU und SPD

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Friedrich Merz muss bei der Wahl zum Bundeskanzler in den zweiten Wahlgang, weil es in der schwarz-roten Koalition Abweichler gibt. Wer sind sie? Eine Spurensuche.

Berlin - Deutschland hat genau sechs Monate nach dem Scheitern der „Ampel“ wieder eine handlungsfähige Regierungskoalition. Es ist eine schwarz-rote aus CDU/CSU sowie der SPD.

Schlappe für Friedrich Merz: Keine Mehrheit im ersten Wahlgang für CDU-Mann

Doch: Der künftige Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist an diesem Dienstag (6. Mai) im ersten Wahlgang im deutschen Parlament unerwartet gescheitert. Der 69-jährige Sauerländer Merz hatte anfangs keine Mehrheit. Innerhalb der künftigen Bundesregierung herrschte tagsüber eine erhebliche Irritation über den ersten Urnengang im Bundestag. Weltweit wurde mit den Deutschen gebangt.

Die amerikanische New York Times sah einen „ernüchternden Rückschlag“ für Merz. Und der Schweizer Blick schrieb vom „allerdümmsten Moment“ den künftigen Kanzler derart im Stich zu lassen. Wer waren die Abweichler? 316 Ja-Stimmen hätte Merz von 328 möglichen aus der Union und der SPD benötigt - es wurden im ersten Durchgang aber nur 310.

Neuer Bundeskanzler: Friedrich Merz (Mi.) von der CDU.

Kanzlerwahl von Friedrich Merz: CDU und/oder SPD - woher kamen die Abweichler?

Konkrete Namen, wer nicht mitgestimmt hatte, wurden bis zum Dienstagabend nicht bekannt. Deutschlands neuer Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) wollte „keine lange Spurensuche“, denn diese „würde nur zu Misstrauen führen“, sagte der 54-jährige Oberbayer bei ntv. „Der Eine oder Andere“ habe wohl „gedacht, man könnte bisschen was ausprobieren“, meinte er, sie hätten jedoch „die Situation nicht ganz verstanden“. Dobrindt: „Da lag man mit Sicherheit daneben.“ Er finde „es nicht verantwortlich, für jene, die da mitgestimmt haben“, sagte Dobrindt mit Verweis auf jene, die aus der schwarz-roten Bundesregierung zuerst mit Nein votiert hatten. CSU-Chef Markus Söder erklärte derweil, dass Deutschland Stabilität wie nie brauche.

„Deswegen ist es so wichtig, keine Spielchen, keine Denkzettel auszustellen, alte Rechnungen zu begleichen, sondern daran zu denken, was für alle auf dem Spiel steht“, sagte der bayerische Ministerpräsident nach dem ersten gescheiterten Merz-Wahlgang. Die Denkzettel-Theorie machte da schon über die Hauptstadt hinaus die Runde. „Mein Eindruck ist, dass vielen nicht so ganz klar war, was sie auslösen mit einer Stimme der Enttäuschung oder des Denkzettels. Die haben gedacht, da kommt gleich der zweite Wahlgang hinterher“, erklärte CDU-Politiker Mathias Middelberg dem Sender Phoenix: „Viele haben sich danach gewundert, dass sie damit ein Wahlprocedere auslösen, das sich über mehrere Tage hinstrecken kann.“

Deswegen ist es so wichtig, keine Spielchen, keine Denkzettel auszustellen, alte Rechnungen zu begleichen, sondern daran zu denken, was für alle auf dem Spiel steht.

CSU-Chef Markus Söder

Friedrich Merz ist neuer Bundeskanzler: CDU-Mann brauchte einen zweiten Wahlgang

Es dürfte auch im Nachgang Redebedarf geben. Denn: Laut der sogenannten Koalitionsdisziplin, einem ungeschriebenen Gesetz im Deutschen Bundestag, wären alle 328 Abgeordnete der Union und der SPD aufgerufen gewesen, wie vereinbart für einen Kanzler Merz abzustimmen. Insgesamt 307 von 630 Parlamentariern hatten im ersten Wahlgang gegen Merz votiert, drei enthielten sich und eine einzelne Stimme war sogar ungültig.

Zudem waren neun Parlamentarier bei dieser extrem wichtigen Abstimmung für das Land erst gar nicht anwesend, da nur 621 Stimmen gezählt wurden. Aber: Wer soll innerhalb der CDU ein Interesse an einem Merz-Debakel gehabt haben? Die als Merkel-Anhänger umschriebenen linksliberaleren Abgeordneten, die die mitunter recht konservative Politik des künftigen Bundeskanzlers nicht gutheißen? Der sich im zweiten Wahlgang mit 325 Ja-Stimmen dann doch durchsetzte.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Bis zum späten Dienstagabend war dies alles Teil von Spekulationen. Die Wahl erfolgte geheim und kein Abgeordneter hatte sich öffentlich zum Bruch der Koalitionsdisziplin bekannt, ehe das Regierungsbündnis überhaupt offiziell durch den Bundespräsidenten abgesegnet war. Laut Spiegel könnte es innerhalb der SPD-Fraktion Abweichler gegeben haben, obwohl der neue Vizekanzler Lars Klingbeil das verneinte. Er bekräftigte, seine Fraktion habe bereits im ersten Durchgang geschlossen für Merz als neuen Kanzler gestimmt. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Emmanuele Contini

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