Wer ist verantwortlich für die Pager-Explosion? Hinweise deuten auf verdeckte Firma in Ungarn
VonChristoph Gschoßmann
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Nach den Pager-Explosionen im Libanon gibt es tausende Verwundete und zwölf Todesopfer. Informanten zufolge ist Israel für den Angriff verantwortlich.
Beirut – Hunderte kleine sogenannte Pager explodierten am Dienstag (17. September 2024) gleichzeitig im Libanon. Knapp 2800 Menschen wurden verletzt. Unter den Verletzten sind viele Mitglieder der proiranischen Hisbollah, aber auch Zivilisten. Mindestens zwölf Menschen kamen ums Leben, auch zwei Kinder. Einigen Opfern mussten infolge schwerer Verletzungen Arme oder Finger entfernt werden.
Wer ist für den Angriff verantwortlich? Die Schiitenorganisation sieht die Schuld für den mutmaßlich koordinierten Angriff bei Israel. Einen Tag später folgt eine zweite Welle, wieder explodieren elektronische Geräte, diesmal gibt es 20 Tote und mehr als 450 Verletzte.
Taiwan, Ungarn, Libanon: So kamen die Pager laut Israel-Informanten an ihr Ziel
Israel hat eine Beteiligung an den Explosionen weder bestätigt noch dementiert, aber zwölf aktuelle und ehemalige Verteidigungs- und Geheimdienstbeamte, die über den Angriff informiert wurden, sagten der New York Times, Israel stecke dahinter. Sie beschrieben die Operation als „komplex und langwierig“.
Die als Pager bekannten kleinen Funkempfänger trugen das Logo der Firma Apollo. Das in Taiwan ansässige Unternehmen hat eine Verbindung zu dem Vorfall aber von sich gewiesen. Auf Nachfrage erklärte Gold Apollo, eine in Ungarn ansässige Firma habe die Geräte entworfen und gefertigt. Diese bestreitet das. Sicherheitskreisen zufolge stammten viele der Pager aus einer Lieferung, die erst kürzlich im Libanon eintraf.
Hisbollah hat Angst, dass Mobilfunktelefone von Israel abgehört werden können
Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah und seine Anhänger befürchten seit langem, über den Einsatz von Smartphones vom israelischen Militär oder Geheimdiensten geortet werden zu können und damit zum leichten Ziel zu werden. Zur Kommunikation nutzen sie schon seit Jahren die kleinen Pager, da sie schwieriger zu orten sind. Allerdings haben sie andere Schwachstellen.
Laut den Informanten sah Israel hier seine Chance: Noch bevor sich Nasrallah für eine Ausweitung der Pager-Nutzung entschied, hatte Israel einen Plan zur Gründung einer Scheinfirma in die Wege geleitet, die sich als internationaler Pager-Hersteller ausgeben sollte. B.A.C. Consulting war ein in Ungarn ansässiges Unternehmen, das die Geräte im Auftrag von Gold Apollo herstellen sollte.
Tatsächlich soll B.A.C. laut den Insidern ein Teil einer israelischen Tarnfirma sein. Demnach seien mindestens zwei weitere Scheinfirmen gegründet worden, um die wahre Identität der Leute zu verschleiern, die die Pager herstellten: der israelische Geheimdienst.
Pager sollten bei der Hisbollah im Kriegsfall verwendet werden
B.A.C. produzierte demnach eine Weile lang normale Pager, doch die Pager für die Hisbollah sollen separat hergestellt worden sein und Batterien enthalten haben, die mit dem Sprengstoff PETN versetzt wurden. Sie wurden demnach im Sommer 2022 in kleinen Stückzahlen in den Libanon geliefert, aber die Produktion wurde schnell hochgefahren, nachdem Nasrallah Mobiltelefone angeprangert hatte.
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Demnach verbot er nicht nur Mobiltelefone bei Treffen von Hisbollah-Mitgliedern, sondern ordnete auch an, dass Einzelheiten zu den Bewegungen und Plänen der Hisbollah niemals über Mobiltelefone kommuniziert werden dürften. Hisbollah-Offiziere, so ordnete er an, müssten immer Pager bei sich tragen, und im Kriegsfall würden Pager verwendet, um den Kämpfern mitzuteilen, wohin sie gehen sollten. Tausende Pager kamen im Libanon an und wurden unter Hisbollah-Offizieren und ihren Verbündeten verteilt, wie zwei amerikanische Geheimdienstmitarbeiter kundtaten.
Pager-Explosion im Libanon: Besteht eine Gefahr für Handys in Deutschland?
Schließlich wurde der Befehl gegeben, die Pager zu aktivieren. Die Pager sollen gepiept haben und den Besitzern eine Nachricht auf Arabisch, die aussah, als käme sie von der obersten Führung der Hisbollah, angezeigt haben. Am zweiten Tag soll es sich um klassische Funkgeräte wie Walkie-Talkies gehandelt haben, die dann explodierten, hieß es aus Hisbollah-Kreisen. Die Organisation kündigte indes Vergeltung an.
Ob auch eine Gefahr für Handys hierzulande besteht? Nico Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz und Lehrbeauftragter für Militärgeschichte an der Uni Potsdam, erklärte dazu dem WDR: „Da muss jetzt keiner Angst haben.“ Er geht davon aus, dass die Pager präpariert worden seien und dass die Lieferung abgefangen wurde. (cgsc mit dpa)