Südkorea

Wie Influencer in Südkorea Politik mitbestimmen

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Krachmachen für Südkoreas Putschpräsidenten.
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Südkoreas Präsident Yoon schenkt wie viele im Land rechten Youtube-Stars Gehör.

Vor einem guten Monat versuchte Yoon Suk-yeol, Südkoreas Demokratie auszuhebeln. Seine Kriegsrechtserklärung scheiterte, aber das Land ist in eine Staatskrise gestürzt. Bei der Suche nach Gründen für Yoons Versuch stößt man auf rechte Influencer.

Vor dem Amtssitz von Yoon Suk-yeol in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul ist es seit Tagen ungemütlich. Nicht nur, weil es immer wieder schneit. Auch weil hier um die Wahrheit gestritten wird. Auf der einen Seite protestieren diejenigen, die eine sofortige Verhaftung des Mannes verlangen, der am 3. Dezember als Präsident das Kriegsrecht ausrief. Dieser Mehrheit Südkoreas gegenüber stehen Tausende Protestierende, die den Rechtspopulisten Yoon an der Macht halten wollen.

Eigentlich scheint die Lesart der südkoreanischen Staatskrise eindeutig: Yoon Suk-yeol, seit 2022 Südkoreas Präsident, wollte Anfang Dezember die Demokratie aushebeln. Dazu behauptete er, die liberale Opposition sei vom nordkoreanischen Feind durchsetzt. Außerdem sei die letzte Parlamentswahl 2024, als seine konservative Partei klar verlor, gefälscht gewesen. Beweise dafür bleibt Yoon schuldig. Dem Haftbefehl, der seither gegen Yoon beschlossen wurde, widersetzt sich der amtsenthobene Präsident.

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Südkoreas Präsident Yoon verbarrikadiert sich erneut

Behörden wollen den am Montag ausgelaufenen Haftbefehl nun verlängern. Während laut einer Umfrage des öffentlichen Senders KBS gut 70 Prozent der Befragten in Yoons Kriegsrechtserklärung eine Straftat sehen, halten auch 24 Prozent den Schritt für legitim. Ein Grund dafür ist der Youtuber Jin Seong-ho, mit 1,85 Millionen Abonnentinnen einer der beliebtesten Influencer des Landes. Täglich kommentiert er die Politik im Land, betont immer wieder, der Haftbefehl gegen Yoon sei illegal.

Am Montag, als die Verhaftung Yoons wie schon an den Tagen zuvor daran scheiterte, dass seine Unterstützer und sein Sicherheitspersonal das Gebäude blockierten, sagte Jin: „Ein Hintergrund von Präsident Yoon, das Kriegsrecht zu erklären, war auch die problematische Entwicklung der Judikative über die letzten Jahre. Ihre Vorgänge weichen stark von dem ab, wie Prozesse eigentlich aussehen sollten.“ Er betonte: „Präsident Yoon nimmt dies ernst.“

Dabei ist durch Ermittlungen bekannt: Am Abend der Kriegsrechtserklärung hatte Yoon eine Liste zur Verhaftung politischer Gegner:innen vorbereitet. Auf Widersacher hätten Soldaten seiner Meinung auch schießen sollen. In den Augen des Youtubers Jin aber ist Yoon der Retter der Demokratie. Und der populäre Youtuber ist nicht der einzige Influencer, der mit solchen Inhalten viele Menschen anspricht. Zahlreiche weitere Youtuber in Südkorea haben eine Millionenreichweite.

Hälfte der Menschen in Südkorea nutzt Youtube als Nachrichtenquelle

Eine Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zeigt, dass 53 Prozent der Menschen im Land auf Youtube als Nachrichtenquelle zurückgreifen.

Nur 31 Prozent konsumieren traditionelle Formate wie Zeitungen, TV, Radio oder Websites von Zeitungen, im internationalen Vergleich ein geringer Anteil. Dies hat mit einem in Südkorea niedrigen Vertrauen in etablierte Medien zu tun, sagt Frederic Spohr von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul.

Aber: „Wenn man sich die Pressefreiheit in Südkorea anschaut im Vergleich zu anderen Demokratien, dann sieht man schon, dass die Medien hier weniger frei sind, dass teilweise politischer Druck auf Journalisten ausgeübt wird“, sagt Spohr.

Doch nicht nur aus der Politik wird in Südkorea Einfluss auf Medien ausgeübt. „Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass die Medien hier extrem abhängig sind von einigen wenigen Werbepartnern“, sagt Spohr. Wie kaum eine andere Volkswirtschaft werde Südkorea von wenigen großen Industrieunternehmen dominiert, etwa Samsung, LG oder Hyundai. „Und wenn sich ein Medium mit diesen Medien überwirft, dann kann das natürlich starke finanzielle Einbußen mit sich bringen.“

Youtuber kapitalisieren das Misstrauen gegen Medien

Zahlreiche Youtuber kapitalisieren dieses Misstrauen. Seit der Kriegsrechtserklärung haben auch linksorientierte Kanäle an Beliebtheit gewonnen. Auch sie berichten oft einseitig, beobachtet Shin Ho-cheol, der im Redaktionsrat des Wochenmagazins „SisaIn“ sitzt. Nur gingen Influencer rechts der Mitte oft weiter, verbreiteten Verschwörungstheorien. „Dazu gehört auch, dass der liberale Oppositionsführer Lee Jae-myung, den Yoon ins Gefängnis bringen wollte, ein Mörder sei“, so Shin.

Einige solcher Theorien verfingen bei Yoon Suk-yeol selbst, schätzt Shin Ho-cheol: „Youtube hat einen riesigen Einfluss auf Yoon und seine Entscheidungen. Schon vor seiner Kriegsrechtserklärung war Yoon ein Konsument rechter Youtuber.“ Zu seiner Amtseinführung waren um die 30 Youtuber eingeladen. „Einen davon hat er sogar zum Vorsitzenden des Personalamts im öffentlichen Sektor gemacht. Dieser Mann namens Kim verbreitet auch die Theorie, die letzten Wahl seien gefälscht gewesen.“

Ein wachsender Einfluss Medienschaffender ohne journalistische Ausbildung ist auch in den USA und europäischen Ländern zu beobachten, Deutschland eingeschlossen. Und was passiert, wenn selbst dem Präsidenten die Medienkompetenz fehlt? Über Yoon Suk-yeol sagt Frederic Spohr von der Naumann-Stiftung: „Möglicherweise ist Yoon ein Opfer seiner eigenen Filterbubble.“

Dann ist der Weg in eine Staatskrise, in der sich Sicherheitskräfte auf unterschiedlichen Seiten gegenüberstehen offenbar kurz.

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