Westjordanland

Wie Landraub im Westjordanland belohnt wird

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Palästinensische Toskana: Die Terrassen von Battir sind durch die Siedlung gefährdet.
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Israelische Siedler besetzen im Westjordanland Teile des idyllischen Unesco-Weltkulturerbes Battir. Ein Rechtsbruch, den die Regierung Netanjahu jetzt legalisiert hat.

Man stelle sich vor, mitten im geschützten Welterbe der Schwäbischen Alb ließen sich ein paar junge, bewaffnete Männer nieder und gründeten dort ein Dorf – und niemand schritte ein.

So geschieht es in Battir, einem malerischen Bauerndorf nahe Bethlehem im Westjordanland: Dort haben radikale israelische Siedler begonnen, mitten in der seit Jahrhunderten gepflegten Kulturlandschaft, die auf der Roten Liste des Unesco-Welterbes steht, eine illegale Siedlung zu bauen. Nun droht deswegen die Aberkennung des Unesco-Titels. Anstatt die Rechtsbrecher zu bestrafen, wurden sie von Israels Regierung belohnt.

Vögel zwitschern, Schmetterlinge fliegen, irgendwo unten im Tal schreit ein Esel. Gäbe es Massentourismus nach Palästina und einen dazugehörigen Staat, der ihn vermarkten könnte, dann hätte sich wohl längst jemand den Beinamen „Palästinensische Toskana“ geprägt: Uralte Olivenhaine und Weingärten, auf steilen Terrassen aufgezogen, immer wieder ragt ein gemauertes Türmchen aus den Plantagen: Seit der Antike wird die Kulturlandschaft von Battir auf schonende Weise landwirtschaftlich genutzt. Die Bewohner:innen von Battir fühlen sich dem Erbe ihrer Vorfahren verbunden. „Ich habe sieben Brüder und zwei Schwestern, wir alle haben an Unis studiert – aber im Herzen sind wir Bauern geblieben“, sagt Ghassan Olayan, dessen Familie seit Generationen auf den Terrassen von Battir Olivenzucht betreibt.

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Israel wappnet sich

Zwischen den Hainen ziehen sich kleine, gemauerte Kanäle den Hügel entlang. Es ist dieses ausgeklügelte Bewässerungssystem, das sich aus natürlichen Quellen speist und bis heute in großen Teilen erhalten ist, das Battir die Unesco-Listung brachte. Dass diese Substanz erhalten bleibt, dafür sorgen die lokalen Landwirt:innen, so Unesco auf seiner Webseite: „Garantiert wird das durch die Familien von Battir, die von ihr (der Kulturlandschaft, Anm.) abhängig sind“.

Was aber, wenn eben diese Familien von Siedlern daran gehindert werden, ihre Olivengärten zu betreten – und wenn ihre Brunnen zerstört werden? Dann ist nicht nur die Olivenernte in Gefahr, sondern auch der Welterbe-Titel.

Alle paar Minuten fährt ein Auto mit israelischem Kennzeichen auf dem Sandweg durch die Hügel von Battir und wirbelt Staub auf. Am Steuer sitzen junge Männer mit gehäkelter Kippa und Schläfenlocken. Mitten in den Hainen haben sie am 24. Dezember des Vorjahres eine provisorische Farm aufgebaut, mit einem Karavan als Farmhaus, einer Art Hangar mit Solarpanelen und einem weiteren Gebäude. Monate später stehen jetzt schon mehrere Häuser und eine Art Hangar mit Solarpanelen am Dach.

Es war bereits das dritte Mal, dass die Siedleraktivisten sich auf dem Hügel niederließen, auch beim ersten Versuch im Jahr 2018 hatten sie sich den 24. Dezember dafür ausgesucht – wohl nicht ganz zufällig, zumal viele Palästinenser:innen in dieser Gegend Christ:innen sind. Aber diesmal dürften sie bleiben. Und sie wollen wachsen – so lange, bis sie mit einem weiteren illegalen Vorposten verschmelzen, der schon seit fünf Jahren hier besteht.

Landwirte ziehen gegen Siedler:innen vor Gericht

Immer mehr israelische Autos steuern an diesem Vormittag die Farm auf dem Hügel an, kaum eines fährt in Gegenrichtung. „Da steigt heute Abend wohl eine Party“, vermutet Ghassan. Er wirkt müde. Seit Jahren versucht er gemeinsam mit anderen Bäuer:innen von Battir, unterstützt von israelischen NGOs, die Siedler vor Gericht zu bekämpfen. Zwei Mal gelang es, die Siedler abzuziehen. Doch dieses Mal dürften die radikalen Kolonialisten Erfolg haben.

Sie haben diesen Ort nicht wegen seiner Idylle ausgesucht, sondern wegen seiner strategisch guten Lage. Ihnen geht es nicht um Flora, Fauna und alte Gemäuer, sondern um ein klares politisches Ziel: einen Ring von Siedlungen rund um die Stadt Bethlehem zu ziehen, um sie von den umliegenden palästinensischen Dörfern abzuschneiden. Ähnliches geschieht auch mit anderen größeren Städten im Westjordanland: Ziel ist, die Palästinenser hier auf wenige Inseln zurückzudrängen und so die Annexion des Gebiets an Israel vorzubereiten.

Ghassans Familie musste mit ansehen, wie Bulldozer die Bäume auf seinem Grundstück umrissen und Siedler seinen Brunnen zerstörten, um Wasser zu sich umzuleiten. Als er zur israelischen Polizei ging, sagte die Beamtin: „Wir wissen nicht, wer es war.“ Dieselbe Begründung hört man oft, wenn es um Siedlerattacken geht – selbst dann, wenn sie auf Videos und Fotos dokumentiert wurden und die radikalen Siedler, wie auch in diesem Fall, amtsbekannt sind.

Ghassan und seine Unterstützer, unter anderem von der israelischen NGO Combattants for Peace, hoffen nun, dass wenigstens der gefährdete Unesco-Titel helfen könnte, die internationale Gemeinschaft zum Protest zu bewegen – wenn es schon das Schicksal der lokalen Bauern nicht vermag.

Eigentlich wäre die Regierung eines Staates verpflichtet, für den Schutz des Welterbes zu sorgen. Doch Palästina ist kein Staat, und die Palästinenserbehörde in Ramallah darf nicht einschreiten – denn Battir liegt in einer Zone der Westbank, in der Israel volle zivile Kontrolle hat. Es liegt also an Israel, Battir zu schützen und den palästinensischen Eigentümer:innen Zugang zu ihren Ländern zu ermöglichen. Schließlich sind die wilden Siedlungen auf dem Hügel auch nach israelischem Recht illegal.

Die Regierung in Jerusalem allerdings hat den radikalen Siedlern ein Geschenk gemacht – in Form eines Regierungsbeschlusses. Der besagt, dass auf dem Gebiet des neuen Vorpostens nun eine größere Siedlung namens Heletz entstehen soll. Somit wird aus illegal legal, aus Diebstahl wird staatliche Zwangsenteignung.

Ghassan kämpft weiter vor Gericht, doch langsam schwindet die Hoffnung. Und er macht sich Sorgen, dass die jüngere Generation von Palästinenser:innen es mit drastischeren Mitteln versuchen könnte, ihren Besitz zu verteidigen. „Sie sagen: Wenn die Gerichte unser Recht ignorieren, dann kämpfe ich eben mit Waffen.“ Ghassan kann ihre Emotionen verstehen. „Wenn man ein Leben ohne Würde lebt, wozu lebt man dann?“

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