Kaukasus

Mit Sippenhaft gegen die Bevölkerung – wie Tschetschenien unter Kadyrow immer archaischer wird

+
Ramsan Kadyrow (2. v. l.) regiert seit 2007 – geduldet von Kremlchef Putin.
  • schließen

Die Leiche eines mutmaßlichen Terroristen wird auf einen Rathausplatz geworfen – und Republikchef Ramsan Kadyrow bläst zur Jagd auf die Verwandten.

Die Leiche ist schmächtig und liegt barfuß auf dem Rathausplatz. Dahinter steht eine murmelnde Menschenmenge, ein überlebensgroßes Porträt des Tschetschenenchefs Ramsan Kadyrow schaut von der Wand der Kreisverwaltung auf die Szene herab.

Das Video wurde am Mittwoch in dem tschetschenischen Städtchen Atschchoi-Martan aufgenommen und kursiert inzwischen online in ganz Russland.

Telegram-Kanal aus Russland berichtet

„Es handelt sich vermutlich um den 17-jährigen Eskarchan Chumaschew“, heißt es auf Baza, einem Telegramkanal, der den russischen Sicherheitsorganen nahesteht. Der junge Mann habe am Montag mit einem Messer mehrere Verkehrspolizisten attackiert, einen getötet und einen anderen verletzt, der den Angreifer dann erschoss. „Sein Körper wurde der Allgemeinheit zur Schau gestellt.“

Die Allgemeinheit bestand nach Angaben des Portals „Agenstwo“ aus öffentlichen Angestellten und älteren Schulkindern, die man zwangsverpflichtet hatte, einer Rede des Kreisvorsitzenden Chosa Bursagow zuzuhören. Während er sprach, wurde der Tote aus einem Auto ausgeladen.

Kadyrow droht mit Ausweisung und Enteignung

Auf dem Video sieht man eine Frau, die sich Tränen mit einem Tuch abwischt. Ein zweites Video zeigt, wie der Leichnam zu einem anderen Zeitpunkt auf einer Fahrbahn liegt und Pkws um ihn herumkurven. Vorher hatte Kadyrow vor Offizieren mehrere Unbekannte als Drahtzieher des Polizistenmordes beschuldigt, ein Ukrainer führe sie an.

Aber schuld seien vor allem die Verwandten. „Jeder von ihnen muss begreifen, dass er für die Verbrechen seiner Angehörigen verantwortlich gemacht wird.“ Kadyrow drohte mit Ausweisung und Enteignung. Nach Angaben des oppositionellen Kanals Niyso wurden inzwischen einige Mitglieder der Familie Chumaschew im Alter zwischen 14 und 65 Jahren entführt, darunter auch ein Urgroßonkel dritten Grades.

Eher Mord als politischer Terrorakt

Zum Teil sollen sie wieder freigelassen worden sein. Aber der Vater des mutmaßlichen Polizistenmörders und andere Verwandte, die in Moskau leben, sind laut Niyso nach Tschetschenien verschleppt worden.

Bewohnerinnen und Bewohner von Atschchoi-Martan sagten dem Portal „Kawkaski Usel“, der jugendliche Tatverdächtige habe sich am Tag vor der Tat heftig mit einem anderen Polizisten gestritten. Dann soll er das Opfer mit seinem Kontrahenten verwechselt und ihm ein Messer in den Rücken gerammt haben. Das spräche eher für einen Mord als für einen politischen Terrorakt, heißt es.

Gegen die ungeschriebenen Regeln des alten kaukasischen Gewohnheitsrechts

Aber der tschetschenische Sicherheitsapparat tritt jetzt neben Russlands Strafgesetzbuch auch die von Kadyrow so gern zitierten Adate, die ungeschriebenen Regeln des alten kaukasischen Gewohnheitsrechts, mit Füßen. Schon 2023 drohte der Republikchef allen Verwandten von Extremisten mit Sippenhaft. „Die Verwandten können sich nicht von ihm lossagen, bevor wir keinen aus ihrer Familie getötet und Blutrache genommen haben.“

Aber gemäß den Adaten gab es nie ein Recht auf blutige Rache der Obrigkeit an ihren politischen Feinden.

Moskau bemüht sich wegzusehen

„Nur Blutsverwandte des Opfers durften sich am Täter oder einem seiner Verwandten rächen“, sagt ein kaukasischer Ethnologe anonym. „Die Mächtigen in der Gesellschaft hatten alles zu tun, um beide Familien wieder zu versöhnen.“ Kadyrow aber missbrauche seine Macht seit 20 Jahren, um Gegner zu ermorden. „Nach den Adaten müsste inzwischen halb Tschetschenien Schlange stehen, um sich an ihm zu rächen.“

Moskau aber bemüht sich wegzusehen. Die Videos von Kadyrows Leichenschau würden von Oppositionsmedien verbreitet, kommentierte Kremlsprecher Dmitrij Peskow, „diese Quellen betrachten wir nicht als vertrauenswürdig“. Und andere Informationen habe man nicht.

Kommentare