Bauernpräsident Rukwied über neue Proteste: „Wir sind bereit und können das wiederholen“
VonAnne-Christine Merholz
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Andreas Schmid
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Laut Bauernpräsident Rukwied könnten Lebensmittel noch teurer werden. „Ich verstehe nicht, warum man sich über den Butterpreis aufregt“, sagt er im Interview.
Joachim Rukwied hat derzeit viel zu tun. Der Präsident des deutschen Bauernverbands arbeitet an den Vorbereitungen zur Grünen Woche. Das wichtigste Treffen der Agrar- und Ernährungsbranche steigt vom 17. bis zum 26. Januar in der Messe Berlin. 1.500 Aussteller aus fast 60 Ländern sind mit dabei. So auch Rukwied und der Bauernverband.
Seit 2012 ist der gelernte Landwirt Präsident des Verbands. So sauer wie vergangenes Jahr war er noch nie. Die Bundesregierung strich den Landwirten Agrardiesel-Subventionen. Rukwied trat in der Folge an der Spitze der deutschlandweiten Bauernproteste auf. Heute schickt er im Interview mit dem Münchner Merkur eine Warnung an die Politik: „Wir können das wiederholen.“
Bauernpräsident Rukwied: „Haben Ampel den ersten Riss zugefügt“
Herr Rukwied, können Sie sich noch erinnern, was Sie vor einem Jahr, am 15. Januar 2024 getan haben?
Ja, natürlich. Wir waren mit rund 30.000 Teilnehmern und 10.000 Traktoren am Brandenburger Tor und haben eine beeindruckende, friedliche Demonstration durchgeführt. Wir haben da ein Stück weit den Nerv der Bevölkerung getroffen. Es gab eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Ampel-Regierung, und wir haben der Koalition meines Erachtens den ersten Riss zugefügt. Sie hat sich seit dieser Zeit nicht mehr erholt.
Never say never, aber im Moment planen wir es nicht und konzentrieren uns auf die politische Arbeit. Wenn politisch Verantwortliche wieder auf die Idee kommen, für die Landwirtschaft untragbare Vorschläge zu machen, sind wir bereit. Wir haben in drei Tagen die Großdemo in Berlin organisiert. Wir können das wiederholen. Ich hoffe, dass die nächste Bundesregierung in allen Bereichen klüger agiert, aber es braucht auch eine bessere Agrarpolitik.
Was heißt das konkret?
Für uns gehört natürlich der Agrardiesel dazu. Wir erwarten, dass die Rückerstattung wieder auf das ursprüngliche Niveau gehoben wird. Das ist ganz entscheidend. Ein Beispiel: Wenn ein deutscher Betrieb 40.000 Liter Diesel verbraucht und die Rückerstattung nicht mehr bekommt, hat er gegenüber einem belgischen Betrieb eine zusätzliche Steuerbelastung von 20.000 Euro im Jahr. Das ist nicht zumutbar. Es gibt auch sonst zu viele Gesetze, die zusätzliche Kosten verursachen.
Joachim Rukwied mit der Merkel-Raute? Der Bauernpräsident ist CDU-Mitglied und hat an eine neue Bundesregierung eine klare Forderung: die Streichung der Agrardiesel-Subventionen muss weg.
Die Stoffstrombilanz ist ein Papier für die Tonne. Das muss niemand in Europa machen, aber die Bundesregierung will das. Das bringt keinen Mehrwert und kostet nur Zeit und Arbeit. Insgesamt gibt es in allen Bereichen zu viele Vorschriften und Kontrollen. Die Bürokratie nimmt uns die Luft zum Atmen. Wir müssen oft doppelt dokumentieren, zum Beispiel bei Düngevorgaben oder im Bereich der Tierhaltung. Das könnte man alles vereinfachen, nur das Bundeslandwirtschaftsministerium ist nicht gewillt. Die Bundesländer haben 194 Vorschläge zur Bürokratieentlastung eingereicht – eine Handvoll wurde umgesetzt. Andere EU-Staaten haben das nicht.
Ein Wettbewerbsnachteil?
Klar. Generell ist es im EU-Vergleich in einigen Bereichen schwieriger geworden. Deutschland verlagert die Produktion zunehmend ins Ausland. Wir werden dadurch in Krisenzeiten anfälliger. Wenn ich an das Mercosur-Abkommen denke, reduzieren wir Tierwohl sowie Klima- und Umweltschutz, weil dort unter niedrigeren Standards gewirtschaftet wird. Das ist nicht im Sinne der Verbraucher.
Beim Geflügel oder beim Rind etwa gelten in Südamerika geringere Standards. Zudem fallen durch das Abkommen Zölle weg. Zeigt sich das dann nicht im Preis?
Der Verbraucher profitiert am Ende nicht wirklich durch Mercosur. Im Gegenteil. Er bekommt Lebensmittel angeboten, die nicht unsere Umwelt- und Klimastandards haben. Wenn man Transport- und Umweltkosten gegenrechnet, ist es mit Sicherheit nicht billiger. Und: Wenn die Krise kommt, wenn es knapp wird, dann gehen die Preise durch die Decke.
Was bedeutet Mercosur für die Landwirtschaft?
Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil. Wir erzeugen zu hohen Standards und Mercosur bringt Ware in den Markt, die viel günstiger produziert werden kann. Südamerika wirtschaftet zu den Standards des letzten Jahrhunderts. Dieses Abkommen ist schlichtweg inakzeptabel. Wir sind nicht gegen Handel. Wir haben CETA und TTIP unterstützt. Aber bei Mercosur muss der Agrarteil zwingend nachverhandelt werden.
Das werden Sie auch dem neuen EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sagen, den Sie jetzt auf der Grünen Woche treffen?
Ja, selbstverständlich. Neben Mercosur geht es dabei auch vor allem um die zukünftige EU-Agrarpolitik. Wir sehen Herausforderungen bei Klimaschutz und Ernährungssicherheit. Da brauchen wir natürlich ein höheres Budget.
Was erhoffen Sie sich generell von der Grünen Woche?
Ich freue mich jedes Jahr auf die Grüne Woche. Die Grüne Woche ist für uns eine der wichtigsten Plattformen für die Diskussion über agrarpolitische Themen. Darüber hinaus ist sie ein entscheidender Treffpunkt für Akteure der Agrarpolitik und der Agrarbranche aus aller Welt.
Bauernpräsident will Wolf bejagen: „Wir haben pro Jahr einige tausend Wolfsrisse“
Ein Thema für deutsche Bauern ist der Umgang mit dem Wolf. Die Population ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Wie bewerten Sie die Situation?
Wir haben pro Jahr einige tausend Wolfsrisse an Weidetieren. Das bedeutet qualvoller Tod. Wer Weidetierhaltung erhalten will, muss den Bestand nach unten regulieren.
Das heißt, Sie wollen den Wolf zum Abschuss freigeben?
Eine Bestandsregulierung wie beispielsweise in Schweden ist notwendig, der günstige Erhaltungszustand ist längst erreicht.
Lassen Sie uns über die generelle Situation in der Landwirtschaft sprechen, Stichwort Höfesterben. 1970 gab es über eine Million Bauernhöfe, 2023 waren es weniger als 25 Prozent davon, also rund 250.000. Hat der Beruf eine Zukunft?
Ohne Landwirtschaft hat kein Land eine Zukunft. Insofern hat Landwirtschaft immer eine Zukunft. Jeder Betrieb, der aufgegeben wird, ist ein Verlust an Familientradition und ein Verlust für den ländlichen Raum. Aber Sie müssen auf der anderen Seite auch die Realitäten sehen. Nicht jeder Landwirt oder jede Landwirtin hat Kinder. Und wenn, ist nicht gesagt, dass sie den Betrieb weiterführen wollen. Die Zahl der Höfe wird sich weiter reduzieren. Das lässt sich meines Erachtens nicht verhindern.
Auch die Anzahl an Arbeitskräften in der Landwirtschaft ist zuletzt gesunken. Wie können Menschen für die Landwirtschaft begeistert werden?
Ich bin Landwirt mit Leib und Seele, es ist ein wunderbarer Beruf. Das wollen wir auch anderen vermitteln. Wir gehen beispielsweise auf Bildungsmessen, werben für den Beruf in Schulen.
Hat sich da in den letzten Jahren etwas verändert? Ist der Beruf schwerer für die Jugend vermittelbar?
Bei der Generation Z spielt Work-Life-Balance eine wichtige Rolle. Das erlebe ich auch in der Landwirtschaft. Der Arbeitsplatz muss attraktiv sein. Und natürlich – das gehört zur sachlichen und ehrlichen Diskussion dazu – ist Landwirtschaft ein herausfordernder Beruf. Wenn das Wetter top ist, sind andere am Baggersee und der Bauer macht Heu. Dem muss man sich bewusst sein. Ich treffe immer wieder hochmotivierte junge Auszubildende, die Freude an dem Beruf haben. Das stimmt mich positiv, wie auch die Ausbildungszahlen, die mit rund 9.000 Azubis stabil sind.
Bauernpräsident Rukwied zu Folgen des Ukraine-Kriegs: „Russland setzt Getreide als Waffe ein“
Lassen Sie uns noch über die Folgen des Ukraine-Kriegs sprechen. Deutsche Bauern klagen immer wieder darüber, dass die Ukraine den Getreidemarkt kaputt macht. Stimmt das?
Da muss man ein bisschen tiefer gehen. Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren kleine Weizenernten eingefahren, weniger als 20 Millionen Tonnen pro Jahr. 2014, das war ein Topjahr, hatten wir beispielsweise 27 Millionen Tonnen. Aufgrund der europäischen Erzeugungssituation – in Frankreich die kleinste Weizenernte seit 25 Jahren – hätten wir einen deutlichen Anstieg der Weizenpreise sehen müssen, der ist aber nicht da. Der Preis für Getreide ist seit einigen Jahren stark schwankend.
Aktuell liegt der Weizenpreis bei rund 230 Euro.
Das ist in Anbetracht der Kosten zu wenig. Beim Weizen spielt Russland eine große Rolle, weil es Getreide als politische Waffe einsetzt. Russland hatte gute Ernten und geht jetzt gezielt in Märkte, die die Ukraine beliefert. Die Ukraine wiederum exportiert mehr Getreide in die EU. Das zusammen drückt den Preis. Ähnlich ist es beim Zucker. Da kamen früher 20.000 bis 30.000 Tonnen aus der Ukraine in die EU. In den letzten beiden Jahren lagen die Importe bei 500.000 beziehungsweise 300.000 Tonnen. Das belastet natürlich den Markt.
„Sinkende Preise sind unwahrscheinlich“: Lebensmittel bleiben laut Bauernpräsident teuer
Generell verändert sich der Markt regelmäßig. Aktuell sind viele Lebensmittel teurer, zum Beispiel Butter…
... Ich verstehe nicht wirklich, warum man sich über den Butterpreis aufregt. An Silvester hat Deutschland Feuerwerk im Gesamtpreis von 200 Millionen Euro verkauft. Und dann diskutiert man über den Butterpreis? Das ist ein Top-Lebensmittel. Lebensmittel sind in Summe mehr wert als den Preis, den sie bei uns haben. Das sage ich aus tiefster Überzeugung.
Der Preis ist bereits gestiegen. Warum?
Das hat damit zu tun, dass Fett eine hohe Nachfrage hat und deshalb auch Milchfett verwendet wird. Außerdem gibt es eine geringere Produktionsleistung, unter anderem wegen des Rückgangs der Milcherzeugung in Deutschland.
Müssen sich Verbraucher auf dauerhaft höhere Lebensmittelpreise einstellen?
Die Lebensmittelpreise werden auch zukünftig Schwankungen unterliegen, aber sinkende Preise sind aus meiner Sicht unwahrscheinlich.
Profitiert dann die deutsche Landwirtschaft von einem höheren Preis im Supermarkt?
Der Milchpreis ist in den letzten Wochen angestiegen und liegt auf einem ordentlichen Niveau. Hier sind die Preissteigerungen in Teilen auch bei den Milchbauern angekommen.
Interview: Anne-Christine Merholz & Andreas Schmid