Verbandspräsidentin fordert Umdenken

„Armutszeugnis“: Hohe Wiederholungsquote bei bayerischen Schüler:innen

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Bayern hat den höchsten Anteil an Schüler:innen, die eine Klassenstufe wiederholen. Corona und Lehrkräftemangel sind Ursachen, doch helfen kann den Kindern nur eine Sache.

Zwei Fünfer, oder ein Sechser im Zeugnis: Die Regel, die während meiner Schulzeit festlegte, wer eine Klasse wiederholen musste, kenne ich bis heute. Bis heute löst sie Unbehagen in mir aus. In Bayern war im Schuljahr 2022/23 der Anteil der Schüler:innen, die eine Klassenstufe wiederholt haben, im Bundesländervergleich am höchsten. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) findet das ein „Armutszeugnis“ und fordert die Regierung auf, zu handeln.

Rund 148.800 Schüler:innen wiederholten in Deutschland im Schuljahr 2022/23 eine Klassenstufe. Das waren 7000 weniger als im Schuljahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Die Quote der Wiederholer:innen sank an den allgemeinbildenden Schulen demnach auf 2,3 Prozent, in Bayern lag sie bei 4,1 Prozent.

In Bayern haben 4,1 Prozent aller Schüler und Schülerinnen eine Klassenstufe wiederholt.

Hier teilen Lehrkräfte Momente mit Schüler:innen, nach denen sie ihren Unterricht geändert haben.

Wiederholer:innen in Bayern: Corona-Pandemie und Lehrkräftemangel als Ursache

In den vergangenen Jahren konnten in Bayern als wirtschaftsstarkes Bundesland viele Eltern selbst oder mit Nachhilfe ihre Kinder fördern. Jetzt haben Corona und der Lehrkräftemangel zugeschlagen, sagt die Präsidentin des BLLV Simone Fleischmann BuzzFeed News Deutschland.

„Wir haben gemerkt, dass die Defizite bei den Kindern während der Corona-Pandemie zugenommen haben. Die schwachen Kinder haben am wenigsten vom Distanzunterricht profitiert und sind noch schwächer geworden. Wir konnten sie aufgrund des zunehmenden Lehrkräftemangels in Bayern nicht auffangen“, sagt Fleischmann.

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Bayerischer Lehrerverband kritisiert: „Defizite werden durch das Wiederholen nicht aufgeholt“

In Bayern sollten keine „Corona-Verlierer:innen“ produziert werden, so Fleischmann.

Daher gab es die Tendenz, eine Zeit lang gewisse Anforderungen so zu verändern, um die Kinder durchzuwinken und so die Statistiken zu schönen. Dabei hatten wir als Lehrer:innen kein gutes Gefühl, weil wir gemerkt haben, dass die Kinder die Kompetenzen einfach nicht haben.

Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLVs

Weniger Kinder wiederholen zu lassen, bringe pädagogisch gar nichts. Es brauche für die Wiederholer-Kinder individuelle Förderangebote. Fleischmann kritisiert: „Die Defizite, die die Kinder haben, werden durch das Wiederholen nicht aufgeholt. Es ist ein wahnsinnig teures Instrument und wirkt demotivierend für die Kinder. Diese hohen Wiederholungsquoten sind ein Armutszeugnis der bayerischen Schulpolitik.“

Auch der Präsident des bayerischen Jugendrings stellt der Regierung ein schlechtes Zeugnis aus

Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband fordert individuelle Förderung

Stattdessen schlägt der BLLV vor, die Differenzierung an weiterführenden Schulen nach der vierten Klasse zu überdenken. Der Verband hinterfragt den Sinn, Kinder mit zwei Fünfern oder einem Sechser komplett alles wiederholen zu lassen. Stattdessen gelte es, individuelle Lernwege zu suchen. Die Kinder könnten nach eigenem Tempo lernen und nicht nach dem des Klassendurchschnitts, so Fleischmann. Denn es seien eben auch nicht alle Kinder in allem gleich schnell.

„Die Bayerische Staatsregierung muss reagieren: Wie stattet man die Schulen mit mehr Lehrkräften aus? Wie kommt man zu einem neuen Verständnis von Leistung? Wie können wir Kinder mit zwei Fünfern oder einem Sechser fördern? Wir brauchen dafür unbedingt individuelle Förderkurse, Differenzierungsangebote, individualisierte Lernangebote, Kleingruppen und zusätzliche Lehrkräfte“, so Fleischmann.

Es gebe Gründe, bei denen sie zum Wiederholen rate. Eine Trennung der Eltern, neue Bezugspersonen oder Krankheiten der Kinder. Aber Wiederholen sei eine Notmaßnahme, die ohne Förderung völlig sinnlos sei. Kinder wollen lernen. „Wir müssen den Kindern Hilfe anbieten und können sie nicht einfach aussortieren. Das führt zu nichts“, sagt die Präsidentin des BLLV.

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Rubriklistenbild: © Andreas Poertner/Imago

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