Expertinnen warnen vor Antisemitismus an Schulen: „Wir müssen versuchen, in Kontakt zu bleiben“
VonPeter Hanack
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Sarah Pohl und Mirijam Wiedemann wollen Lehrkräften in Hessen Wege aufzeigen, bei immer härter aufeinanderprallenden Weltbildern in Schule und Unterricht zu bestehen.
Hessen – Sie leben zwischen den Welten: junge Menschen, die in einem extrem verengten geistigen Umfeld aufwachsen. Sarah Pohl und Mirijam Wiedemann haben diese Heranwachsenden „Filterblasenkinder“ genannt. In ihrem gemeinsamen Buch zeigen sie Wege auf, diese Kinder und Jugendlichen zu erkennen und mit ihnen in Kontakt zu treten – das Buch ist auch eine Hilfestellung für Lehrkräfte, die mit politisch oder religiös getriebenen Konflikten in der Schule umgehen müssen.
Frau Pohl, Ihr Buch trägt den Titel „Filterblasenkinder verstehen und unterstützen“. Wir haben den Begriff nicht im Duden gefunden. Was ist das, ein Filterblasenkind?
Wir haben diesen Begriff geschaffen, um Kinder und Jugendliche zu beschreiben, die in einem geschlossenen weltanschaulichen System aufwachsen. Das bezieht sich nicht nur auf sogenannte Sekten oder andere religiöse Gruppierungen, sondern auch auf extreme politische Milieus oder auf Kinder, die bei Eltern groß werden, die an Verschwörungserzählungen glauben.
Wir sehen gerade auf den Straßen viele junge Menschen, die sehr entschieden für die Rechte der Palästinenser eintreten und nicht selten gegen Israel hetzen. Sind das auch Filterblasenkinder?
Das kann so sein, muss es aber nicht. Wir unterscheiden im Buch zwischen selbst gewählt und hineingeboren. Was wir jetzt bei den Propalästinaprotesten beobachten, sind sicher Positionen, die die Jugendlichen von zu Hause mitbekommen. Die die Weltanschauung der Älteren übernehmen. Und dann gibt es da sicher auch junge Menschen, die sich bewusst in eine Protesthaltung begeben, die nicht unbedingt etwas mit dem Elternhaus zu tun haben muss. Aber ja, da sind auch Filterblasenkinder.
Diskriminierung und Antisemitismus haben an Schulen in Hessen keinen Platz
In einem Klassenraum wird vielleicht nicht so schnell sichtbar, wenn Kinder oder Jugendliche ein extrem verengtes Weltbild haben. Kann denn ein Lehrer oder eine Lehrerin überhaupt beurteilen, ob da ein junger Mensch vor ihm sitzt, der in einer Filterblase aufwächst?
Man sieht es den Kindern und Jugendlichen erst mal nicht an.
Da hat jemand vielleicht einen zweifelhaften Aufnäher auf der Jacke oder bringt Sprüche, die beispielsweise gegen Juden oder Homosexuelle gerichtet sind. Was dann?
Grundsätzlich muss man sagen, dass Diskriminierung und Antisemitismus keinen Platz in Schulen haben. Hierfür gibt es je nach Bundesland gesonderte Regelungen, was den Umgang hiermit angeht. Derartige Sprüche verbietet nicht nur der Schulfriede, sondern ebenso unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Sarah Pohl ist Diplom-Pädagogin und Paar- und Familienberaterin. Sie leitet die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen des Landes Baden-Württemberg.
Der Konflikt im Nahen Osten verschärft auch die Situation auf den Schulhöfen in Hessen
Und wie kann darauf ein Lehrer oder Lehrerin reagieren?
Die Lehrkraft muss sich neben dem rechtlichen Rahmen auch über die Ursache dieses Schülerhandelns Gedanken machen. Da muss man vor allem ins Gespräch gehen. Man erkennt in Gesprächen, ob das bloß eine ziemlich blöde Provokation ist, weil man cool sein will, oder ob dahinter tatsächlich ein zweifelhaftes Menschen- oder Weltbild steckt. Ist da jemand in einer Filterblase gefangen? Das kann ich nur herausfinden, wenn ich mit ihm spreche, wenn ich eine Beziehung zu ihm habe, die die Chance bietet, dass er oder sie sich ein Stück weit öffnet.
Wie kann man da anfangen?
Wenn ich frage, hey, ich hab‘ da so ein Symbol bei dir gesehen, was hat es damit auf sich? Dann erkennt man schnell, wie fundiert das ist. Ich würde auf jeden Fall empfehlen, ein solches Gespräch nicht vor der Gruppe zu führen, weil sich jemand dort vielleicht gerade besonders produzieren will.
Das Buch
Sarah Pohl und Mirijam Wiedemann sind die Autorinnen des Buchs „Zwischen den Welten: Filterblasenkinder“. Die beiden sind beruflich eng mit dem Thema Extremismus und Pädagogik verbunden.
Vandenhoeck & Ruprecht 2023, 136 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-525-45923-2
In den Klassenzimmern oder auf den Schulhöfen werden jetzt Konflikte ausgetragen, die sich durch die Lage im Nahen Osten immens verschärft haben. Sind Lehrkräfte darauf vorbereitet, damit umzugehen? Und sind sie auch willens oder schauen sie lieber weg, sei es aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit?
Da muss ich jetzt eine Lanze für Lehrer brechen, die ja mit sehr, sehr vielen gesellschaftlichen Themen konfrontiert sind und immer wieder diesen Auftrag bekommen, zu richten und zu gucken und zu erziehen. Das Interesse und der Wille spiegeln sich allein schon an der immensen Zahl an Interessenten für Fortbildungen in diesem Themengebiet. Aber sicher sind manche auch einfach mit der Situation überfordert. Da kann es helfen, wenn es an der Schule Ansprechpartner gibt, die Rat geben oder Hilfe vermitteln können.
Wir hatten Corona, da ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine, nun der Terrorangriff der Hamas auf Israel und jetzt der Angriff Israels auf Gaza. Das beschäftigt Jugendliche doch sehr.
Definitiv, und zwar Jugendliche und Lehrkräfte gleichermaßen. Schule ist aber auch ein Raum, der eine große Chance bietet. Man kann dort lernen, Toleranz zu üben, zu diskutieren und zugleich Grenzen der Meinungsfreiheit zu benennen. Wo hört diese auf, wo fängt Hetze an.
Mit was müssen Lehrer und Lehrerinnen sie da auseinandersetzen?
Ein Lehrerin hat berichtet, dass ein Schüler während einer Unterrichtseinheit zum Nahostkonflikt aufgestanden ist, nach vorne kam und auf die Israelflagge gespuckt hat. Antisemitische Äußerungen sind meldepflichtig, das wird sanktioniert. Ein gravierender Vorfall ist daher auch ein Anlass zu schauen, wie man das im Unterricht noch einmal thematisiert. Es ist wichtig, solche Konflikte nicht abstrakt zu behandeln, sondern sich ganz konkret damit auseinanderzusetzen.
Wie kann das gelingen?
Man kann sich dazu Hilfe von außen holen. Es gibt Projekte wie Meet-a-Jew, also Triff-einen-Juden, oder auch Triff-einen-Moslem, wo Menschen unterschiedlichster Religionen eingeladen werden in die Klassenzimmer. Die konkrete Begegnung ist ein wichtiger Baustein, Vorurteile abzubauen und Toleranz zu erlernen. Wir können diesen Raum Schule nutzen, um nicht nur über Verbote oder über Sanktionen tätig zu werden, sondern eben auch um mit- und voneinander zu lernen. Im Fall der bespuckten Flagge war es aber für die Lehrerin auch erst einmal wichtig zu wissen, dass es über das Meldesystem Unterstützungssysteme gibt, dass sie das melden kann und muss. Sie hat sich auch mit der Schulleitung besprochen, um nicht ganz alleine dazustehen. Solche Grenzüberschreitungen dürfen jedenfalls nicht einfach so stehen bleiben, da ist Intervention zwingend.
Konfliktlösung in der Schule: „Hart in der Sache und weich in der Beziehung“
Was heißt das für das Verhältnis von Lehrkraft und Schüler?
Wir können Meinungen verurteilen, aber niemals die Menschen, die sie vertreten. Es geht also darum, menschenfeindliche Äußerungen oder Handlungen klar zu verurteilen und denen auch klare Sanktionen entgegenzustellen. Und trotzdem auf der Beziehungsebene zu versuchen, im Kontakt zu bleiben. Also hart in der Sache und weich in der Beziehung.
Mirijam Wiedemann ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Sie leitet die Geschäftsstelle für gefährliche religiös-weltanschauliche Angebote in Baden-Württemberg.
Man muss versuchen, den Menschen nicht auf sein Verhalten zu reduzieren, sondern auch nach Gemeinsamkeiten zu suchen, auch wenn das erst einmal schwierig zu sein scheint. Ihm oder ihr sagen, dass ich sein Tun verurteile, dass ich das melde und dass es eine Strafe geben wird. Das ich ihn oder sie aber dennoch als Menschen schätze und mehr von ihm oder ihr erfahren möchte. Wenn man den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen verliert, dann rutschen sie noch tiefer in ihre Filterblase hinein. Nur wenn wir miteinander sprechen, können wir verstehen, was den anderen bewegt. Woher vielleicht die Wut kommt. Und wie wir diese Wut mildern können. Das ist schwierig, aber den Versuch wert.
Ihr Buch ist so eine Anleitung zum Umgang auch mit den aktuellen Konflikten?
Wir haben es nicht mit dieser Absicht verfasst, aber ja, es kann helfen, mit den Krisen umzugehen, die uns bewegen. Auch und gerade in der Schule. Solange Menschen, die sich in einer Filterblase bewegen, noch in der Schule sind, hat man eine Chance, sie zu erreichen. Sind sie da erst einmal raus, wird es noch viel, viel schwieriger. (Peter Hanack)
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