Nach schweren ATACMS-Schlägen

„Dann dürfte es um Putins Macht geschehen sein“: Experten sehen Kreml-Chef vor Krim-Problem

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Die russische Armee gerät auf der besetzten Krim schwer unter Druck. Experten zufolge entscheidet sich hier die Zukunft von Wladimir Putin.

Sewastopol – Die Bilder, die mitten im Ukraine-Krieg vom politischen Apparat aus Russland von der Krim verbreitet werden, muten mitunter etwas kurios, regelrecht sarkastisch an.

Während Hunderte, vielleicht Tausende Soldaten des Moskau-Regimes an den Fronten zwischen Charkiw, Donbass und Saporischschja in der Ukraine umkommen, veröffentlicht der Kreml Fotos von Urlaubenden auf der Halbinsel. Zu sehen sind etwa junge Menschen, die zwischen malerisch violetten Lavendel-Feldern Fotos für Social Media machen.

Oder Urlauber, die an den Badestränden der Krim liegen, während in der Nacht zuvor noch wenige Kilometer weiter die extrem schlagkräftigen ATACMS-Raketen oder Storm-Shadow-Marschflugkörper der ukrainischen Streitkräfte in russische Militär-Anlagen eingeschlagen sind. Entscheidet sich hier, an den Schwarzmeerküsten der völkerrechtswidrig besetzten Krim, die Zukunft von Autokrat Wladimir Putin? Nicht wenige Experten gehen auch im Sommer 2024 genau davon aus.

Expertin zur Ukraine: Krim „Schlüssel für Russlands Zugang zum Schwarzen Meer“

„Russlands Niederlage auf der Krim wäre nicht nur eine Niederlage, sondern eine Demütigung“, erklärte Olga Khvostunova vom Eurasien-Programms am Foreign Policy Research Institute (FPRI) laut Business Insider (BI). Die Krim sei „der Schlüssel für Russlands Zugang zum Schwarzen Meer und für seine (militärischen, d. Red.) Operationen“, sagte Maria Snegovaya, Senior Fellow bei der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS), derselben Quelle. „Die Krim ermöglicht eine Macht-Projektion über den Rest des Schwarzen Meeres. Dementsprechend ist die Abschreckung russischer Marine-Positionen auf der Krim für die Ukraine von entscheidender Bedeutung“, erzählte die Expertin weiter.

Schon in früheren Phasen des Ukraine-Krieges hatten Experten die Annahme geäußert, dass Putins Machterhalt eng mit der Krim verknüpft ist. Die landschaftlich idyllisch gelegene Halbinsel zwischen Schwarzem Meer und Asowschem Meer sollte schließlich den vermeintlichen und angeblichen Wohlstand unter seiner Herrschaft veranschaulichen. Doch: Im Frühsommer 2024 gleicht auch diese besetzte ukrainische Region vielmehr einem Schlachtfeld.

Von Russland besetzte Krim: Hohe geschichtliche Bedeutung für Moskau und Putin

„Fällt die Halbinsel an die Ukraine, dürfte es vermutlich um Putins Macht im Kreml geschehen sein“, meinte der Historiker und Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa von der Universität Tübingen im Sommer 2023 im Gespräch mit IPPEN.MEDIA: „Die Krim spielt für das aktuelle imperiale Bewusstsein Russlands eine wichtige Rolle.“ Gestwa verwies etwa auf die hohe Bedeutung der Krim in der subjektiven russischen Geschichtsschreibung. An der sich Putin in seinen Argumentationen bekanntlich immer wieder bedient.

„Der militärische Ruhm Sewastopols rührt daher, dass die Stadt im Krimkrieg elf Monate lang dem überlegenen Gegner Widerstand leistete. In der dem Hafen vorgelagerten sieben Kilometer langen Bucht versenkte die Schwarzmeerflotte ihre Schiffe, um die gegnerischen Flotte von der Stadt fernzuhalten“, erzählte der Geschichtswissenschaftler, der in Moskau und St. Petersburg studiert hat und auch nach Kriegsausbruch informelle Kontakte in die Russische Föderation hielt. Im Krimkrieg hatten zwischen 1853 und 1856 Truppen des Russischen Zarenreiches Angriffen einer Koalition aus Osmanischem Reich, Frankreich, Großbritannien und Piemont-Sardinien lange standgehalten.

Eine ATACMS-Rakete wird aus einem HIMARS-Mehrfachraketenwerfer verschossen. (Archivfoto)

Verluste für Russland auf der Krim: Putins Truppen fürchten ATACMS-Angriffe

Und in der Hafenstadt Sewastopol war auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 noch die dann russische Schwarzmeerflotte stationiert, nach einer eigens ausgehandelten Vereinbarung mit der Ukraine, was sich für diese bei der heimtückischen Besetzung der Halbinsel im Frühjahr 2014 regelrecht rächen sollte. Gestwa hatte im Sommer 2023 auch kritisiert, dass die heimtückische Sprengung des Kachowka-Staudamms, mutmaßlich durch die russische Armee, verheerende Folgen für Putins Truppen auf der Krim haben wird. Schließlich versorgt der Nord-Krim-Kanal, der sich aus dem Kachowka-Stausee speist, die Krim mit Wasser.

Ständiger Wassermangel ist aber bei Weitem nicht das einzige schwerwiegende Problem für die Russen auf der ukrainischen Halbinsel. Die ATACMS-Mittelstreckenraketen (bis zu 300 Kilometer Reichweite) setzen den russischen Streitkräften auch dort seit Wochen schwer zu. So griff die ukrainische Armee etwa wiederholt den russischen Militär-Flugplatz Belbek am Stadtrand von Sewastopol an. Auch Kommandozentralen sowie große S-300- und S-400-Flugabwehrsysteme waren mehrmals das Ziel ukrainischer ATACMS-Attacken. Bislang haben Putins Soldaten wohl kein Mittel gefunden, um sich gegen die wuchtigen Raketen (vier Meter lang, 60 Zentimeter Durchmesser) zu verteidigen, die aus den HIMARS-Mehrfachraketenwerfern abgeschossen werden. Auch und gerade deshalb muss Putin wohl um die Krim bangen. Und um seine Macht? (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO / ITAR-TASS

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