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Ukraine-Krieg: Wieso viele Russen hinter Wladimir Putin stehen

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Trotz des Ukraine-Kriegs und dessen Folgen scheint Wladimir Putin in Russland bei vielen Menschen nicht an Popularität einzubüßen. Doch ist das wirklich so?

Moskau – Während der Ukraine-Krieg weltweit auf Ablehnung stößt, sind die Menschen in Russland zwiegespalten. Mehreren russischen Erhebungen zufolge unterstützt eine Mehrheit der Bevölkerung die „militärische Spezialoperation“, wie der Kreml den Angriffskrieg im Nachbarland bezeichnet. Das russische Wirtschaftsmedium RBC berichtete zuletzt etwa von einer Zustimmung von 55 Prozent.

Angesprochen auf den Krieg in der Ukraine, drückten sogar 77 Prozent der Befragten erst im Mai gegenüber dem Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum aus, die Invasion zu unterstützen. Dabei handelt es sich um das einzige vom russischen Staat unabhängige Meinungsforschungsunternehmen.

Was man auf die Daten aus Russland geben kann, ist jedoch unklar. Expertinnen und Experten argumentieren, dass die Menschen ihre tatsächlichen Ansichten nicht teilen – aus Angst vor Repressalien. Oder könnte der Rückhalt für den russischen Präsidenten Wladimir Putin tatsächlich größer sein, als bislang vermutet?

Der russische Präsident Wladimir Putin genießt nach wie vor eine gewisse Popularität im eigenen Land – trotz des Ukraine-Kriegs. (Archivfoto)

Wladimir Putin hat „Atmosphäre des absoluten Misstrauens“ geschaffen

„Ich würde sagen, dass dieses System so gut funktioniert, weil die Mehrheit der Russen sehr depolitisiert ist“, sagte die russische Historikerin Katja Makhotina im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. „Um des Friedens Willens“, würden viele Menschen keine politischen Debatten führen wollen, selbst wenn die eigene Ansicht nicht mit dem öffentlich Narrativ übereinstimmen würde, sagte Makhotina weiter.

Doch das System von Wladimir Putin profitiert von der Politikverdrossenheit. Von Menschen, die ihr „gemütliches Verbraucher-Leben“ fortführen können, ohne „von den Trübsalen der russischen Massenverbrechen in der Ukraine“ betroffen zu sein. Natürlich spielten dabei aber Methoden wie die der Abschreckung, des Terrors und der Einschüchterung eine große Rolle. Dieser fatale Kreislauf könne aber nur funktionieren, „weil die Menschen da mitmachen“.

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Die Bereitschaft, den Krieg und Wladimir Putin zu unterstützen, ginge laut Makhotina allerdings auch gezielt auf die Strategie Moskaus zurück. Putin habe eine „Atmosphäre des absoluten Misstrauens jeglicher Quelle“ geschaffen. Gleichzeitig gelte das nicht nur für westliche Quellen, sondern auch für die staatliche Propaganda – offenbar aber nicht für alle Russinnen und Russen.

Russland: Besonders ältere Menschen stehen hinter Wladimir Putin

Die russische Zeitung Novaya Gazeta Europe, deren Autorinnen und Autoren aus dem Exil berichten, haben sich die zum Teil hohe Zustimmung der russischen Bevölkerung für den Krieg und Wladimir Putin genauer angeschaut. Demnach dominiert bei vielen Menschen der „Stolz auf Russland“, wie eine von der Zeitung durchgeführte Befragung von Russinnen und Russen zeigt.

Spekulationen um Gesundheit: So hat sich Putin in drei Jahrzehnten verändert

So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Diese Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er vom Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister 1994 wurde Wladimir Putin hier in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russischen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin im Jahr 2007 im Alter von 55 Jahren bei einem Treffen mit dem Chef des Federal Security Service in der Residenz Nowo-Ogarjowo in Moskau.
Wladimir Putin im Jahr 2007 im Alter von 55 Jahren in der Residenz Nowo-Ogarjowo in Moskau. Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine wird vermehrt darüber spekuliert, ob der russische Präsident unter Parkinson leidet. Die im Volksmund genannte „Schüttelkrankheit“ kündigt sich meist Jahre zuvor mit Symptomen an. © ITAR-TASS/IMAGO
Wladimir Putin im Jahr 2008 während der Ostermesse in Moskau.
Im Jahr 2008 zeigt sich Wladimir Putin während der Ostermesse in Moskau. Zwei Jahre später soll er sich angeblich einer kosmetischen Gesichtsoperation unterzogen haben. Weitere Schönheitsoperationen wurden vermutet, jedoch nie offiziell bestätigt. © UPI Photo/IMAGO
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Wladimir Putin im Jahr 2013 bei einem Treffen mit dem damaligen Verkehrsminister Maxim Sokolow in der Novo Ogaryovo Residenz.
Im Jahr 2012 kamen laut dem „Spiegel“ bereits Spekulationen um Putins Gesundheitszustand auf. Zwei Monate lang hatte der Staatschef damals keine Auslandsreisen unternommen. Das Foto zeigt Wladimir Putin im Jahr 2013 im Alter von 60 Jahren bei einem Treffen mit dem damaligen Verkehrsminister Maxim Sokolow in der Novo Ogaryovo Residenz. © ITAR-TASS/IMAGO
Wladimir Putin während der Ostermesse 2014 in Moskau mit Sergei Sobyanin in der Christ-Erlöser-Kathedrale.
Auf diesem Foto sieht man Wladimir Putin während der Ostermesse 2014 in Moskau mit dem heutigen Bürgermeister von Moskau, Sergei Sobyanin. Beobachter vermuten derzeit, dass der Kreml-Chef unter Schilddrüsenkrebs leiden könne. Hierzu recherchierte ein Investigativteam und stieß auf Hinweise zu gehäuften Arztbesuchen Putins im Jahr 2017. © ITAR-TASS/IMAGO
Wladimir Putin im Jahr 2017 mit 65 Jahren bei einem Telefonat mit Donetsk People s Republic head Alexander Zakharchenko and Lugansk People s Republic head Igor Plotnitsky.
Laut Informationen des Investigativteams „Proekt“ soll Wladimir Putin im Jahr 2017, als er längere Zeit von der Bildschirmfläche verschwand, häufigen Besuch des onkologischen Chirurgen Ewgeny Seliwanow erhalten haben. Der Mediziner soll angeblich 35 Mal zu Putin geflogen sein und 166 Tage in seinem Umfeld verbracht haben. Das Foto zeigt Putin 2017 mit 65 Jahren bei einem Telefonat. © Alexei Druzhinin/IMAGO
Wladimir Putin während der Ostermesse 2022 in Moskau
In den vergangenen Jahren hat sich der russische Präsident äußerlich stark verändert. Das Foto zeigt Wladimir Putin während der Ostermesse 2022 in Moskau. Aufgrund seines aufgedunsenen Gesichts vermuten Experten die Einnahme von Kortison. Bei seinem Auftritt soll er kaum gesprochen, auf seiner Lippe gekaut und „unsicher“ gewirkt haben, was Beobachter als Anzeichen einer möglichen Parkinson-Erkrankung werteten. © Sergey Guneev/IMAGO
April 21, 2022. - Russia, Moscow. - Russian President Vladimir Putin during a meeting with Russian Defence Minister Serg
Bei einem Gespräch mit dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu im April 2022 hielt sich Wladimir Putin außerdem mit einer Hand am Tisch fest. Die linke Hand des 69-Jährigen lag die ganze Zeit über unter dem Tisch auf seinem Schoß. So wurde spekuliert, ob Putin mit dieser Geste möglicherweise ein Zittern der Hand – ein typisches Symptom von Parkinson – verstecken wolle. © IMAGO/Kremlin Pool
Wladimir Putin bei einem Gespräch mit Presidential Commissioner for the Protection of Entrepreneurs Rights Boris Titov im Kreml.
Die Jahre und das Alter hinterließen Spuren bei Putin. Doch ist auch eine Krankheit an der Veränderung schuld? Auf aktuellen Fotos des Kreml-Chefs, wie hier bei einem Gespräch im Jahr 2022 mit dem russischen Unternehmer Boris Titov im Kreml, sieht man den äußerlichen Wandel von Putin. © Mikhail Metzel/IMAGO
Wladimir Putin bei einem Interview für den TV-Sender Russia-1 im Jahr 2022.
Die Gerüchte und Spekulationen rund um eine angebliche schwere Erkrankung Putins, der hier bei einem Interview für den TV-Sender Russia-1 im Jahr 2022 zu sehen ist, wurden von offizieller Seite nie bestätigt. Wie es um seine Gesundheit bestellt ist, das weiß vermutlich nur Wladimir Putin selbst und sein engster Kreis. © Mikhail Klimentyev/IMAGO

Weiter unterstützen ältere Teile der Bevölkerung, besonders Menschen über 65, die Aktionen der russischen Streitkräfte in der Ukraine sowie ihren Präsidenten mit bis zu 90 Prozent. Diese Altersgruppe berichtete zudem seltener über Ängste als jüngere Befragte. Der autoritäre Kurs des Kremls könnte also selbst nach dem Tod von Wladimir Putin, der angeblich schwer krank sein soll, weiter Anklang finden. Indes brodeln bereits die Gerüchte um seinen Nachfolger.

Doch selbst Daten einer unabhängigen Zeitung, die sich mit der Stimmung in Russland befasst, sind nicht komplett zuverlässig. Selbst bei anonymen Telefonumfragen müssen Russinnen und Russen fürchten, sich in Gefahr zu begeben. Und selbst wenn niemand mithört, kann die Angst vor möglichen Bedrohungen und Strafen zu groß sein, um sich kritisch über Wladimir Putin und den Krieg zu äußern.

Rubriklistenbild: © Mikhail Metzel/Kremlin Pool/Imago

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