VonPatrick Mayerschließen
Regionale Regierungsvertreter Russlands sollen angeblich verunsichert sein, zu wem sie bei einem Umsturzversuch in Moskau halten würden. Etwa nicht zu Wladimir Putin?
München/Moskau/Kasan - Russland. Mit einer Fläche von 17.100.000 Quadratkilometern ist es das größte Land der Erde. Politisch wird der riesige Staat zwischen Ostsee und Pazifik korrekt als Föderation bezeichnet. Und damit als Bündnis verschiedener Staaten, die sich zusammengeschlossen haben - aber jeweils eine eigene Identität besitzen.
Wird dieser Umstand Kreml-Machthaber Wladimir Putin nach etlichen Rückschlägen und immensen Verlusten im Ukraine-Krieg zum Verhängnis? Teil dieses Bundesstaates ist zum Beispiel die einstmals autonome Region Tatarstan, die auf das „Zentrum“, wie Moskau mit seinen rund 13 Millionen Einwohnern auch genannt wird, nicht gut zu sprechen ist - ganz allgemein und laut mehreren Berichten dieser Tage auch im Besonderen.
Wagner-Aufstand Jewgeni Prigoschins: Regionale Anführer Russlands angeblich überfordert
Laut der unabhängigen Moscow Times sind gleich mehrere regionale Anführer der russischen Teilstaaten mit der zwischenzeitlich drohenden Patt-Situation im Wagner-Aufstand Jewgeni Prigoschins überfordert gewesen. Sie hielten sich demnach alle Optionen offen. Und das, obwohl sie seit umwälzenden Reformen aus Putins Feder eigentlich massiv abhängig vom Kreml sind.
So hätten sich die meisten lokalen Verantwortlichen dafür entschieden, „so weiterzumachen wie bisher, in der Hoffnung, dass sich die Situation einfach von selbst lösen würde“, heißt es in dem Bericht der englischsprachigen Internet-Zeitung. Diese Informationen ließen sich gleichwohl nicht unabhängig überprüfen.
Wladimir Putin unter Druck: Wollen sich einzelne Regionen von Russland lösen?
„Diese Menschen hatten bereits keine Entscheidungsfreiheit mehr und waren nun gezwungen, wichtige politische Entscheidungen zu treffen. Es hat sie in Panik und Angst versetzt“, zitiert die Moscow Times den tatarischen Journalisten Ruslan Aysin: „Aus ihrer Sicht war es erforderlich, einem der Beiden die Treue zu schwören.“ Also entweder Putin und dessen Regime oder aber Prigoschin samt seiner aufmüpfigen Wagner-Söldner.
Man habe „niemanden gesehen, der bereit war, sich für Putin leidenschaftlich in die Bresche zu werfen“, erklärte der ehemalige Verteidigungs-Staatssekretär Nico Lange dem „heute journal“ des ZDF. Und laut dem früheren deutschen Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, ist eine Situation nicht auszuschließen, „wie am Ende der Sowjetunion, dass Teile des Landes beschließen, sich von Russland zu lösen“.
| Die größten Städte Russlands: | Einwohner (geschätzt): | Föderationskreis: |
|---|---|---|
| Moskau | 13,01 Millionen | Zentralrussland |
| Sankt Petersburg | 5,60 Millionen | Nordwestrussland |
| Nowosibirsk | 1,63 Millionen | Sibirien |
| Jekaterinburg | 1,54 Millionen | Ural |
| Kasan | 1,31 Millionen | Wolga |
Stichwort Tatarstan: Die lange autonome Region könnte zu einem Brandherd für Putin werden. Denn Tatarstan mit seinen heute rund 3,8 Millionen Einwohnern liebäugelte schon in den 1990er Jahren mit der Unabhängigkeit, wie zuletzt die Neue Zürcher Zeitung notierte. Die Republik liegt samt der Großstadt Kasan (rund 1,31 Millionen Einwohner) im westlichen Teil Russlands - etwa 800 Kilometer östlich von Moskau. Das ist für russische Verhältnisse eine überschaubare Entfernung, wie der Wagner-Aufstand zeigte, bei dem die Söldner angeblich ungehindert 780 Kilometer durch Westrussland fuhren.
Unabhängigkeitsbestrebungen in Russland? Moskau schränkte Autonomie von Tatarstan ein
Wie die NZZ weiter schreibt, wurde die Verfassung in Kasan Anfang Februar 2023 auf Druck des Moskauer Kreml revidiert. Tatarstan sei jetzt nur noch eine einfache russische Region - und habe viele regionale Autonomierechte eingebüßt. Der Begriff „Souveränität“ sei überall in der Verfassung gestrichen worden. Die Tataren galten stets als sehr eigenständig. So ist Tatarisch neben Russisch die zweite Amtssprache. Mit Rustam Minnichanow hat die Region einen eigenen Präsidenten, der Tatarstan außenpolitisch vertritt.
Minnichanow hat laut Moscow Times indes nach einer angeblichen Aufforderung aus dem Kreml am Morgen des 23. Juni, also auf dem Höhepunkt des Aufstands, Farbe für Putin zu bekennen, über regierungsnahe Medien nur eine kurze Erklärung veröffentlicht. Diese habe er aber weder auf seiner Website noch auf seinen Social-Media-Kanälen geteilt.
Selbst „Putins Bluthund“, Tschetschenen-Anführer Ramsan Kadyrow, habe erst 16 Stunden nach Bekanntwerden der Unruhen in Rostow am Don reagiert. Weil Kadyrow um seine Macht fürchtet? Tschetschenische Kämpfer, die an der Seite der ukrainischen Armee in die Schlacht ziehen, erzählten kürzlich dem US-amerikanischen Online-Magazin The Baily Beast, dass sie mit ihren „ukrainischen Brüdern“ auch Tschetschenien befreien wollen.
Ablehnung der russischen Invasion in der Ukraine? Verunsicherung in der Republik Jakutien
Ein weiteres Beispiel: Die Republik Jakutien, auch Sacha genannt, mit etwa einer Million Einwohnern im Nord-Osten Russlands gelegen. Mit einer Fläche von knapp 3,1 Millionen Quadratkilometern ist die Region etwa siebenmal so groß wie Deutschland. „Unsere Regierung geriet wirklich in Angst, besonders als die Nachricht an die Öffentlichkeit kam, dass Putins engster Zirkel aus Moskau geflohen sei“, erklärte laut Moscow Times Sargylana Kondakowa, Mitbegründerin der Antikriegsbewegung „Free Yakutia Foundation“: „Einige Leute in der Republik glaubten, dass unser Il Darkhan (Republik-Oberhaupt Aissen Nikolajew, d. Red.) ebenfalls in das Flugzeug steigen und verschwinden könnte.“ Viele Einwohner der Region hätten zeitgleich das traditionelle Yhyakh-Fest boykottiert - angeblich aus Protest gegen die russische Invasion in der Ukraine.
Verluste Russlands: Burjatien zahlt hohen Blutzoll für Wladimir Putins Krieg in der Ukraine
In der Region am Arktischen Ozean sind die Verluste längst angekommen. Laut Recherchen des Daten-Teams von IPPEN.MEDIA hatte die Region Sacha, Stand Mitte Juni 2023, auf 100.000 Einwohner 20 in der Ukraine gefallene Soldaten zu beklagen - die mutmaßlich hohe Dunkelziffer nicht eingerechnet. Demnach kamen im Verhältnis zu den Einwohnern die zweitmeisten Gefallenen aus der Republik Burjatien an der Grenze zur Mongolei - 76 tote Soldaten auf 100.000 Einwohner. Mindestens.
Laut Moscow Times hat der größte regierungsnahe Telegram-Kanal in der fernöstlichen Republik am Tag des Aufstandes zwar über das landestypische Sabantuy-Fest geschrieben. Unterstützung für Putin sei dagegen nicht zu lesen gewesen. (pm)
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