VonJohannes Nußschließen
Die Sicherung der Energieversorgung lässt Deutschland die Klimaziele 2022 deutlich verpassen. Ein Grund könnten die Kohlekraftwerke sein, die weiter laufen.
Berlin – Energiesicherheit ist das Schlagwort des Jahres 2022 in der Politik gewesen. Gemündet hat das Ganze in der Novelle des Energiesicherungsgesetzes von 1975. Seinerzeit ein Überbleibsel aus der Ölkrise des Jahres 1973, das nun als bewährtes Instrument wieder ausgegraben wurde, um die Energieversorgung in Deutschland in der Energiekrise und während des Ukraine-Kriegs zu gewährleisten.
Und auch sonst wurde und wird viel unternommen, damit die Energieversorgung in der größten Volkswirtschaft in der EU gesichert bleibt. Ein Sinnbild für die verfehlte Klimapolitik in den vergangenen Jahren ist auch das Dorf Lützerath in Nordrhein-Westfalen, das für den Abbau von Kohle weichen soll. Am Mittwoch trieben es die Klima-Kleber in Deutschland wieder einmal auf die Spitze, als sie mit einem Presslufthammer die Straße vor dem Verkehrsministerium in Berlin beschädigen wollten.
Deutschland verfehlt Klimaziele 2022 deutlich: Denkfabrik sieht Auslöser in weiterer Befeuerung der Kohlekraftwerke
Man kann der Bundesregierung also kaum vorwerfen, dass sie in den vergangenen Monaten nicht viel dafür getan hat, damit in Deutschland in der Krise nicht die energie-wirtschaftlichen Lichter ausgehen. Doch, glaubt man dem Thinktank Agora Energiewende ist dafür in Zukunft ein hoher Preis zu zahlen – vor allem mit Blick auf den Klimawandel. Denn die weitere Befeuerung der Kohlekraftwerke zur Energiesicherung in Deutschland soll schuld daran sein, dass das Land die vereinbarten Klimaziele des Jahres 2022 deutlich verfehlt. Das teilt die Denkfabrik, die mit ihren Lobbyisten direkte Verbindungen bis ganz nach oben ins Wirtschaftsministerium in Berlin hat, in einer Pressemitteilung mit.
2022 sei die zum Erreichen der deutschen Klimaziele erforderliche Reduktion der CO₂-Emissionen ausgeblieben, heißt es darin. Deutschlands Treibhausgasausstoß stagnierte bei rund 761 Millionen Tonnen CO₂. Das zeigen auch aktuelle Berechnungen von Agora Energiewende, die der Thinktank in seiner Auswertung des Energiejahres 2022 veröffentlicht hat.
Die CO₂-Emissionen stagnieren auf hohem Niveau, und das trotz eines deutlich niedrigeren Energieverbrauchs von Haushalten und Industrie. Das ist ein Alarmsignal im Hinblick auf die Klimaziele.
Demnach lag die Emissionsminderung 2022 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 bei knapp 39 Prozent und damit zum zweiten Mal hinter dem 2020 erreichten Klimaziel von 40 Prozent. „Die CO₂-Emissionen stagnieren auf hohem Niveau – und das trotz eines deutlich niedrigeren Energieverbrauchs von Haushalten und Industrie. Das ist ein Alarmsignal im Hinblick auf die Klimaziele“, sagt Simon Müller, Direktor Deutschland bei Agora Energiewende.
Preissteigerung und mildes Wetter sorgen dafür, dass Energieverbrauch 2022 in Deutschland zurück geht
Wie es in der Auswertung des Thinktanks weiter heißt, „ist der Energieverbrauch in Deutschland um 4,7 Prozent beziehungsweise 162 Terawattstunden gegenüber 2021 zurückgegangen, unter anderem infolge der massiven Preissteigerungen bei Erdgas und Strom sowie milder Witterung“. Der Verbrauch sank unter das Niveau im Corona-Jahr 2020 und damit auf den tiefsten Stand im wiedervereinigten Deutschland.
Agora Energiewende
Die Agora Energiewende ist eine Denkfabrik und Lobby-Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, nach mehrheitsfähigen Kompromiss-Lösungen beim Umbau des Stromsektors innerhalb der Energiewende zu suchen. Der Name Agora nimmt Bezug auf den gleichnamigen griechischen Versammlungsplatz. Die Agora Energiewende hat sich innerhalb weniger Jahre einen Namen als einer der wichtigsten Akteure auf dem Gebiet der Energiepolitik gemacht.
Quelle: wikipedia.de/agora-energiewende.de
Doch alle Einsparungen wurden anscheinend wieder zunichtegemacht, denn der verstärkte Einsatz von Kohle und Öl soll laut Agora die Emissionsminderungen durch Energieeinsparungen aufgefressen haben. „Das Reduktionsziel für 2022 von 756 Millionen Tonnen CO₂, das sich aus der Summe der CO₂-Vorgaben für die Bereiche Energiewirtschaft, Gebäude, Verkehr, Industrie, Land- und Abfallwirtschaft ergibt, wurde um fünf Millionen Tonnen knapp verfehlt“, wirft Agora der Bundesregierung vor. Das Ärgerliche daran: Obwohl der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch witterungsbedingt einen neuen Höchstwert von 46,0 Prozent erreichte, wurden die Ziele nicht eingehalten.
Trotz weniger Energieverbrauch in 2022: Deutschland verfehlt Klimaziele 2022 deutlich
„2022 sind die Klimaziele aufgrund kurzfristiger Maßnahmen für die Energiesicherheit ins Hintertreffen geraten. Auch das im Koalitionsvertrag für 2022 angekündigte Klimaschutzsofortprogramm ist die Regierung schuldig geblieben“, sagt Simon Müller. Dabei sei die Zustimmung zur Energiewende in der Bevölkerung deutlich gewachsen: Haushalte und Unternehmen wollen zu klimaneutralen Technologien wechseln und die Nachfrage nach Solaranlagen oder Wärmepumpen ist in die Höhe geschossen.
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„2023 muss die Regierung die Trendwende schaffen: raus aus den fossilen Energien und konsequent rein in die Erneuerbaren. Das hilft dem Klima, senkt die Preise und macht uns unabhängig von fossilen Energieimporten“, betont Müller.
