VonLeonie Zimmermannschließen
Das 9-Euro-Ticket ist ein echter Erfolg, wenn es nach Justizminister Volker Wissing (FDP) geht. Das sieht allerdings nicht jeder so. Ein Kommentar.
Berlin – „Ein fulminanter Erfolg!“ – so lautet das Zwischenfazit von Bundesjustizminister Volker Wissing (FDP) für das 9-Euro-Ticket. Alleine im Juni haben rund 31 Millionen Menschen das vergünstigte Ticket für den Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) gekauft. Das hat zwar für weniger Stau im Straßenverkehr gesorgt, aber wer in den vergangenen Tagen Bus und Bahn gefahren ist, der weiß: Das 9-Euro-Ticket ist nicht für jeden ein Erfolg. Vor allem in Ballungszentren ist die Bahnfahrt dieser Tage zur echten Zerreißprobe geworden. Und das darf nun wirklich nicht die lang ersehnte Dauerlösung für die Verkehrswende sein.
9-Euro-Ticket in Deutschland: Hoffnungen auf die zunehmende Abkehr vom Auto
Dann nämlich würden wir das eigentliche Ziel der Vergünstigung durch die Bundesregierung verfehlen. Der ursprüngliche Gedanke hinter dem 9-Euro-Ticket ist, dass jeder die Möglichkeit hat, den ÖPNV zu nutzen – und zwar unabhängig von den eigenen finanziellen Möglichkeiten. Und auf den ersten Blick haben sich die Hoffnungen auf die zunehmende Abkehr vom Auto als Verkehrsmittel Nummer eins auch erfüllt.
Allerdings ist es hier wie in vielen anderen Lebensbereichen auch – es wird nur selten an alle Gruppen gleichzeitig gedacht. Versuchen sollte man es aber zumindest. Trotzdem wird eine Sache bei all der Euphorie rund um den bezahlbaren Nahverkehr gerne mal vergessen: Wir leben noch immer in einer Pandemie.
Günstiger Nahverkehr in Deutschland: Das Coronavirus nimmt keine Rücksicht auf das 9-Euro-Ticket
Und das Coronavirus, insbesondere Omikron BA.5, nimmt leider keine Rücksicht darauf, dass wir Sommer haben oder dass der Öffentliche Nahverkehr gerade für viele Menschen das erste Mal wirklich bezahlbar ist. Und die Infektionszahlen steigen gerade wieder deutlich an; die Sommerwelle erreicht mittlerweile wieder eine Sieben-Tage-Inzidenz von 737,3. Man kann also davon ausgehen, dass das Virus auch in dem ein oder anderem überfüllten Regionalexpress mit an Bord ist und sich weiter verbreitet. Denn Abstandsregeln sind bei dem aktuellen Fahrgastaufkommen kaum einzuhalten und bei der Maskenpflicht sind die Bahnangestellten auf die Eigenverantwortung der Fahrgäste angewiesen.
Aber wie das mit der Eigenverantwortung in einer Pandemie so ist, leidet man nicht nur selbst darunter, wenn man sich unverantwortlich verhält – sondern eben auch andere Menschen. Ähnlich lief es zum Beispiel mit der Impfquote, die bis heute nicht auf dem Stand ist, der ursprünglich geplant war. Warum? Weil viele Menschen sich eben schlichtweg nicht impfen wollten. Ihr gutes Recht, natürlich. Aber in Bus und Bahn sitzen wir eben nicht nur alle in einem Boot, sondern dabei auch noch sehr nah aneinander.
Überfüllte Züge durch 9-Euro-Ticket: Menschen können günstig in den Sommerurlaub 2022 reisen
Jeder kann selbst entscheiden, ob er in den 9-Euro-Zug einsteigt oder nicht. Theoretisch. Denn natürlich gibt es auch Menschen, die nicht mal eben die Gelegenheit nutzen, sehr günstig in den Sommerurlaub zu fahren oder einen sparsamen Städtetrip zu unternehmen, sondern schlichtweg auf den Öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Vielleicht, weil sie zu ihrer Arbeitsstätte fahren, weil sie kein Auto besitzen oder weil sie schlichtweg aus gesundheitlichen Gründen kein Auto fahren können. Gerade für vulnerable Gruppen ist die aktuelle Situation in vielen Regionalzügen allerdings nahezu untragbar.
9-Euro-Ticket und Corona: Vulnerable Gruppen sind im überfüllten Zug oftmals hilflos
Ein Beispiel dazu, das sich vor kurzem genau so in einem Regionalexpress von Hannover nach Hamburg ereignet hat: Ein älterer, sichtlich kränklicher Mann irrt durch die Menschenmenge im Metronom. Er zittert und ist sehr wackelig auf den Beinen – sitzen will er aber trotzdem nicht, weil selbst das ihm eigentlich zu nah ist. Stattdessen stellt er sich in einen verhältnismäßig leeren Zwischenraum – dort stehen statt zwanzig nur fünf Menschen eng beieinander. Zu ihnen sagt der Mann sehr freundlich, dass er gerne Abstand haben möchte, weil er große Angst vor Corona hat. Und so drängt er sich so weit es geht in eine Ecke und harrt dort aus, bis er endlich aussteigen darf.
Ein tragischer Augenblick in vielerlei Hinsicht. Aber das Beispiel zeigt sehr gut, was falsch läuft am 9-Euro-Ticket: Touristen, die sich den längst überholten Werbeslogan „Geiz ist geil“ noch immer zu Herzen nehmen, nutzen den Sparpreis aus und machen die Bahnfahrt so für viele Menschen, die wirklich finanziell oder gesundheitlich auf den Öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, teilweise unattraktiv bis untragbar. Natürlich sollte man das nicht pauschalisieren, es gibt viele Gründe, das 9-Euro-Ticket zu nutzen – und jeder hat die Rabattierung auch erstmal verdient. Trotzdem sollten wir unterscheiden zwischen Freizeitspaß und Bedarf. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass das Eine auf Kosten des Anderen ausgelebt wird.
9-Euro-Ticket ein guter Ansatz: ÖPNV soll niemanden ausschließen
Trotzdem ist das 9-Euro-Ticket in Deutschland grundsätzlich ein guter Ansatz, der in die richtige Richtung geht: Der ÖPNV soll niemanden ausschließen und soll attraktiver werden als der Flug oder die Autofahrt. Wenn wir von Armut oder – so ehrlich müssen wir auch sein – Geiz als Ausschlusskriterium ausgehen, dann ist das vorerst gelungen. Jetzt gilt es, einen ganzheitlichen Ansatz auszuarbeiten, der auch andere Gründe, die gegen eine Bahnfahrt sprechen, aus dem Weg räumt. Dafür müssen wir vor allem die Infrastruktur des Öffentlichen Nahverkehrs überarbeiten. Viele ländliche Bereiche sind noch immer nicht mit Bus und Bahn erreichbar oder nur in sehr geringem Maße.
Abgesehen davon gehören Zugausfälle und Verspätungen zum Alltag an Deutschlands Bahnhöfen. Diese Baustellen sind da und durch das 9-Euro-Ticket vielleicht sogar noch offensichtlicher geworden. Jetzt kommt es darauf an, was Bund und Länder daraus für Lehren ziehen. Ganz egal, wie es nach dem 9-Euro-Ticket weitergehen wird, eine Sache dürfen wir dabei aber nicht aus den Augen verlieren: Der Öffentliche Nahverkehr sollte wirklich für jeden zugänglich sein – zumindest irgendwann.
